Nutzlastverkleidungen, Satellitenstrukturen, Mechanismen, Navigationsempfänger, Satelliten-Dispenser: Produkte von Beyond Gravity fliegen auf Hunderten von Missionen und seit dem Erststart der Ariane 1979 startet jede Ariane mit einer Nutzlastverkleidung aus Schweizer Produktion. An der Spitze des Unternehmens steht seit April 2026 Barbara Frei-Spreiter. Die Maschinenbauingenieurin mit Doktorat in Elektrotechnik der ETH Zürich kommt aus der Automatisierungs- und Energietechnik und verantwortete bei Schneider Electric zuletzt die globale Division Industrial Automation. 2025 wurde sie als Einzelmitglied in die SATW aufgenommen. Im Rahmen des Themenmonats Space beantwortet sie Fragen zu Sicherheit, Geopolitik und der Zukunft des Raumfahrtstandorts Schweiz.
Europa befindet sich in einer sicherheitspolitischen Zeitenwende – Krieg in der Ukraine, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe auf die Schweiz. Was bedeutet das konkret für die strategische Ausrichtung von Beyond Gravity in den nächsten drei bis fünf Jahren? Welche Prioritäten verschieben sich dadurch am stärksten?
Navigation, Wetterprognosen, Kommunikation und Erdbeobachtung hängen heute immer stärker von Weltrauminfrastruktur ab. Dies meist unbemerkt, aber täglich. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Smartphone nutzen, nehmen Sie höchstwahrscheinlich auch Technologie aus dem All in Anspruch. Am stärksten verschiebt sich die Priorität in Richtung Souveränität und Resilienz: robuste Lieferketten, Produktionsfähigkeit im eigenen Land und der ununterbrochene Zugriff auf Daten aus dem All ist zentral geworden. Zudem wird der Weltraum immer stärker zum Sicherheitsthema. Die Schweiz hat darauf reagiert. Seit Oktober 2025 ist der Weltraum offiziell militärische Operationsdomäne, seit Januar 2026 besteht das Weltraumkommando der Armee, und die Verantwortung für unser Unternehmen liegt beim VBS. Wir konzentrieren uns auf Weltraumtechnologie aus der Schweiz, die im Weltmarkt besteht. So tragen wir dazu bei, dass Know-how, industrielle Fähigkeiten und der Zugang zu weltraumbasierten Technologien im Land bleiben.
Cyberangriffe auf Schweizer Institutionen haben zugenommen. Wie positioniert sich Beyond Gravity als bundeseigenes Unternehmen in der Cyberabwehr? Und wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die grössten Verwundbarkeiten der Schweiz?
Cybersicherheit ist für uns absolut zentral. Wir haben deshalb in den letzten Jahren viel in die Sicherheit unserer eigenen IT-Infrastruktur investiert. Mit der CMMC («Cybersecurity Maturity Model Certification»), dem Cybersecurity-Standard des US-Verteidigungsumfelds, lassen wir uns derzeit nach einem der strengsten Massstäbe der Branche zertifizieren. Das ist Voraussetzung, um langfristig im US-Markt tätig sein zu können. CMMC hebt unsere Sicherheitsstandards aber auch insgesamt auf ein neues Niveau. Die grösste Verwundbarkeit der Schweiz sehe ich in Abhängigkeiten. Die Weltraumindustrie ist global vernetzt, und das ist auch gut so, denn niemand kann alles selbst. Entscheidend ist aber, welche Rolle die Schweiz in diesem Netz spielt. Wer eigene industrielle Fähigkeiten mitbringt und fest in die internationalen Lieferketten eingebunden ist, begegnet seinen Partnern auf Augenhöhe und ist nicht nur Kundin, sondern Partnerin. Deshalb ist wichtig, dass wir diese Fähigkeiten im Land halten und stärken.
Satellitentechnologie ist zivil und militärisch nutzbar zugleich. Welche Ihrer Produkte fallen unter Dual-Use? Wo sehen Sie ethische Grenzen?
Hier muss ich zuerst einordnen. Beyond Gravity ist heute zum weitaus grössten Teil im zivilen Bereich tätig. Das ist kein Zufall, sondern war der Kern der Entflechtung von 2019, als das militärische Geschäft bei der heutigen RUAG MRO blieb und das internationale Geschäft in unserem Unternehmen gebündelt wurde. Nach den Devestitionen der nicht-raumfahrtbezogenen Bereiche in den letzten Jahren liefern wir heute ausschliesslich Komponenten, die in der Raumfahrt zum Einsatz kommen, darunter Nutzlastverkleidungen, Satellitenstrukturen, Mechanismen, Navigationsempfänger und Satelliten-Dispenser, im Einsatz auf Hunderten von Missionen. Waffensysteme bauen wir keine. Einzelne Produkte gelten allerdings als Dual-Use-Güter und können zivil wie militärisch genutzt werden. Für solche Fälle besteht ein klarer Rahmen. Als Unternehmen des Bundes bewegen wir uns innerhalb der Schweizer Exportkontroll- und Kriegsmaterialgesetzgebung. Für mich gilt, dass Weltraumtechnologie das Leben auf der Erde verbessern soll. Sie warnt Tage im Voraus vor Stürmen, beobachtet das Klima und bringt Verbindung dorthin, wo kein Kabel hinreicht. Dass dieselben Fähigkeiten künftig auch verstärkt zur Sicherheit eines Landes beitragen sollen, ist kein Widerspruch.
Das Parlament hat 2025 entschieden, Beyond Gravity im Staatsbesitz zu behalten. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie darin als neue CEO?
Der Bund soll die Kontrolle über Beyond Gravity behalten und nun geht es darum, diesen politischen Entscheid umzusetzen. Er kam bei Kunden und Mitarbeitenden übrigens sehr positiv an, denn er schafft Rechts- und Planungssicherheit. Die Chance sehe ich darin, dass Raumfahrttechnologie künftig einen stärkeren Beitrag zu Sicherheit und Souveränität unseres Landes leisten kann und wir in dieser Wertschöpfungskette stark verankert sind. Es gibt aber auch einen hohen Druck, der vom Geschäft selbst herrührt: Nach dem Verlustjahr 2025 steht 2026 im Zeichen von Stabilisierung, Risikoreduktion und der weiteren Industrialisierung unserer Produktion. Unser Anspruch ist, im internationalen Wettbewerb durch Leistung zu bestehen. Bis 2027 wollen wir wieder profitabel sein und einen positiven freien Cashflow erreichen. Weil sich die kapitalintensive Raumfahrt rasant entwickelt und der Investitionsbedarf weder aus dem laufenden Geschäft allein noch dauerhaft vom Bund gedeckt werden soll, ist auch denkbar, dass wir eines Tages Kapital von Dritten hereinholen, immer unter der Prämisse, dass der Bund die Kontrolle behält.
Raumfahrt ist längst kein ziviles Thema mehr: Satelliten sind kritische Infrastruktur für Kommunikation, Navigation und Aufklärung. Wie wird Beyond Gravity diesen dualen Anspruch zwischen kommerziellem Geschäft und Sicherheitsrelevanz umsetzen?
Indem wir beides ernst nehmen. Die anspruchsvollsten kommerziellen Kunden der Welt kaufen bei uns – Amazon Leo, ArianeGroup, Airbus –, und sie tun das nicht aus Patriotismus, sondern weil die Leistung stimmt. Bei Schleifringen zum Beispiel sind wir europaweit die Nummer eins. Kein Satellit kommt ohne diese Komponenten aus. Zugleich verfügt Beyond Gravity über Fähigkeiten, die für Bund und Armee künftig auch punkto Sicherheit im Weltraum wichtig sein könnten. Auf diese Bedürfnisse sind wir bereit zu reagieren. Die beiden Ansprüche stärken sich gegenseitig: Nur eine Beyond Gravity, die im globalen Markt besteht, hält mit der Marktentwicklung Schritt und kann bei Bedarf ihren Beitrag zur Sicherheit der Schweiz im Weltraum leisten.
Sie kommen aus der Automatisierungs- und Energietechnologie. Was bringen Sie aus dieser Welt mit, das Beyond Gravity jetzt braucht?
Die Raumfahrt befindet sich im grössten industriellen Umbruch ihrer Geschichte. Der Zugang zum Weltraum ist erschwinglich geworden, und die Branche macht nun den Schritt von der Einzelanfertigung zur Serie. Wir reden von grösseren Satellitenzahlen, immer häufigeren Raketenstarts, kürzeren Zyklen und höherem Kostendruck. Genau solche Umbrüche habe ich in der Automatisierungs- und Energietechnik über Jahre begleitet. Was ich ebenfalls mitbringe, ist die Erfahrung, Prozesse und Strukturen konsequent auf Leistung und finanziellen Erfolg auszurichten. Genau das braucht Beyond Gravity jetzt, denn wir stehen mitten in einem Turnaround. Die Substanz dafür ist da, mit vollen Auftragsbüchern, führenden Produkten und hervorragenden Leuten. Was die Unterschiede zu einem Grosskonzern betrifft, so erlebe ich vor allem eine kleinere Organisation, kürzere Wege und einen Eigner mit klaren Zielen statt eines breiten Aktionariats. Das macht vieles einfacher, Entscheide fallen schneller.
Die SATW vernetzt Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. Wo sehen Sie die drängendste Aufgabe, bei der die Technikbranche und Politik enger zusammenarbeiten müssen – gerade mit Blick auf Sicherheit und digitale Souveränität der Schweiz?
Die drängendste Aufgabe ist, den Weltraum als das zu behandeln, was er heute ist, nämlich als kritische Infrastruktur und wichtige Basis für die Souveränität der Schweiz. Wetterdaten, Navigation, Kommunikation und Erdbeobachtung kommen aus dem All, und niemand kann darauf verzichten, gerade in der Krise. Zugleich wächst der Markt um rund 5,5 Prozent pro Jahr und damit deutlich stärker als die Weltwirtschaft. Die ESA hat ihr Budget für 2026 bis 2028 um 30 Prozent aufgestockt. Diese Dynamik ist eine grosse Chance, aber sie ergreift sich nicht von selbst. Damit aus dem wachsenden Markt Aufträge, Arbeitsplätze und Kompetenzen im Land werden, müssen Forschung, Industrie und öffentliche Hand gut zusammenspielen. Zudem sehe ich Potenzial, wenn es darum geht, die richtigen Talente für die Branche auszubilden und zu gewinnen. Wir arbeiten dazu mit den Hochschulen oder auch mit Studierendenteams wie ARIS zusammen, um Absolventinnen und Absolventen für eine Karriere in diesem zukunftsträchtigen Feld zu begeistern. Schliesslich gehört die Schweiz mit über 150 Firmen im Weltraumbereich zu den kompetitivsten Standorten Europas, und die Branche formiert sich gerade, um diese Position noch sichtbarer zu machen.
Was ist Ihre persönliche Vision für Beyond Gravity in fünf Jahren?
In fünf Jahren ist Beyond Gravity nachhaltig profitabel. Ich möchte Beyond Gravity zum am stärksten industrialisierten Akteur der Raumfahrt machen, einem Unternehmen, das Weltraumtechnologie in Serie fertigt, aus der Schweiz heraus für Europa und den Weltmarkt. 2028 feiern wir 60 Jahre Raumfahrt in der Schweiz, kaum jemand weiss das. 1968 startete mit ESRO-1 der erste europäische Forschungssatellit ins All, und seine Struktur stammte von unserer Vorgängerfirma Contraves aus Zürich-Seebach. Seit dem Erststart der Ariane 1979 fliegt zudem jede Ariane mit einer Nutzlastverkleidung aus Schweizer Produktion. Die Schweiz zeigt also seit sechs Jahrzehnten, dass ein kleines Land auch ohne eigene Rakete in der Raumfahrt ganz vorne mitspielen kann.
Dr. Barbara Frei-Spreiter ist seit April 2026 CEO von Beyond Gravity und RUAG International. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre internationale Führungserfahrung in globalen Industrie- und Hightech-Unternehmen. Sie studierte Maschinenbau, promovierte in Elektrotechnik an der ETH Zürich und absolvierte einen Executive MBA am IMD in Lausanne. Seit 2026 ist sie zudem Mitglied des Verwaltungsrats der Sika AG. 2025 wurde sie als Einzelmitglied in die SATW aufgenommen – in Anerkennung ihrer herausragenden Leistungen als Führungskraft im Bereich Energiemanagement und -automatisierung sowie ihrer bedeutenden Beiträge zu Nachhaltigkeit und Chancengleichheit in der Industrie.
Raumfahrt ist näher, als sie scheint – und die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle. Im SATW-Themenmonat «Space: Die Schweiz als Raumfahrtnation» finden Sie weitere Geschichten, Entwicklungen und Perspektiven rund um Forschung, Technik und Raumfahrt aus der Schweiz.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise | Barbara Frei-Spreiter |