Ökosystem als Netzwerk: Pharma-Start-ups brauchen Wissenschaftler:innen, Kliniker:innen, Regulierungsexpert:innen und die Nähe zu Big Pharma. Basel bietet dieses Netzwerk in aussergewöhnlicher Dichte.
Virtuell und schlank: Abbmira Therapeutics verzichtet bewusst auf ein eigenes Labor und nutzt externe Firmen und das Wissensnetzwerk des Basler Clusters – ein Modell, das Kosten minimiert und Forschung maximiert.
Finanzierungslücke: Die Schweiz ist stark in Forschung, aber im internationalen Vergleich schwach im Risikokapital. Pensionskassen und institutionelle Investoren fehlen als Venture-Capital-Geber fast vollständig.
Big Pharma als Ziel, nicht als Konkurrenz: Start-ups wie Abbmira entwickeln Wirkstoffkandidaten bis Phase 1; danach übernehmen Grosskonzerne. Die Rollen sind komplementär, nicht kompetitiv.
Basler Standortpaket: Der Kanton investiert bis zu 400 Millionen Schweizer Franken pro Jahr in Innovation und 15 Millionen in Forschungskooperationen. Infrastruktur und Innovationsförderung gelten als strategische Standortpolitik.
Pharmazeutische Innovation braucht mehr als eine gute Idee im Labor: Sie entsteht im Zusammenspiel von Wissenschaft, Klinik, Industrie und Kapital. Welche Bedingungen dafür nötig sind – und wo die Schweiz noch Lücken hat – zeigt der Technology Outlook 2025 der SATW, der Technologien mit strategischer Relevanz für den Wirtschaftsstandort Schweiz beleuchtet. Abbmira Therapeutics, ein Basler Biotech-Start-up, ist darin als Showcase im Bereich Life Sciences vertreten.
Die SATW hat zwei Expertinnen befragt, die das Schweizer Pharma-Ökosystem aus unterschiedlichen Winkeln kennen: Katja Jenni-Szaloky ist Co-Leiterin Bereich Wirtschaft beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) Basel-Stadt und gestaltet als Vertreterin der Standortförderung aktiv mit, welche Rahmenbedingungen junge Unternehmen in Basel vorfinden. Julia Biwer ist COO und Mitgründerin von Abbmira Therapeutics – einem Start-up, das seit September 2024 einen bakteriell inspirierten Wirkstoff gegen Krebs entwickelt, ohne ein einziges eigenes Labor zu betreiben. Ihre Antworten beleuchten, was das Basler Ökosystem auszeichnet und wo es an strukturelle Grenzen stösst. Zudem legen sie dar, was es braucht, damit aus exzellenter Forschung erfolgreiche Unternehmen werden.
Katja Jenni-Szaloky: Ein erfolgreiches Pharma-Start-up ist immer Teil eines starken Ökosystems. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Akteure: Hochschulen und Spitäler liefern wissenschaftliche Exzellenz und klinische Expertise, die Pharmaindustrie bringt regulatorische Erfahrung, globale Netzwerke und Marktverständnis ein, während Investoren Zugang zu Kapital und strategischem Know-how ermöglichen. Ebenso wichtig sind spezialisierte Dienstleister – etwa in den Bereichen Intellectual Property, Regulierung oder Finanzierung – sowie Behörden und Innovationsförderung, die passende Rahmenbedingungen schaffen.
Basel verfügt hier über ein aussergewöhnlich dichtes und international vernetztes Life-Sciences-Ökosystem. Neben weltweit führenden Pharmaunternehmen tragen zahlreiche Institutionen aktiv zur Förderung von Innovation und Unternehmertum bei. Dazu gehören beispielsweise Basel Area Business & Innovation mit Programmen wie BaseLaunch oder DayOne, das Innovation Office der Universität Basel, nationale Förderinstitutionen wie Innosuisse sowie weitere Start-up- und Entrepreneurship-Initiativen.
Ein zentraler Standortfaktor ist zudem die Infrastruktur: Junge Unternehmen benötigen bereits in einer frühen Phase geeignete Labor- und Büroflächen. Der Kanton Basel-Stadt bietet Start-ups unter anderem mit dem Tech Park Basel moderne und voll ausgestattete Labor- und Büroflächen. Ergänzt wird dieses Angebot durch weitere Anbieter, wie etwa den Switzerland Innovation Park Basel auf dem Novartis Campus. Zusammen mit dem Basler Standortpaket, Mietzinserleichterungen für Start-ups und Innovationsförderprogrammen schaffen diese Angebote günstige Rahmenbedingungen, die es Start-ups ermöglichen, Innovationen schneller zu entwickeln und international zu skalieren.
Julia Biwer: Medikamente zu entwickeln ist wohl eines der komplexesten Projekte, das man überhaupt stemmen kann. Man braucht ein sehr breites Netzwerk: hoch spezialisierte Biochemiker:innen mit Erfahrung in der pharmazeutischen Entwicklung, Expert:innen für regulatorische Vorgaben seitens European Medicines Agency (EMA) und US Food and Drug Administration (FDA), Kliniker:innen aus Universitätsspitälern – und am Ende auch Big Pharma als Abnehmer.
Gerade im Onkologie-Bereich ist moderne Therapie so personalisiert, dass man den genauen Bedarf nur versteht, wenn man eng mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten vernetzt ist. Wir fokussieren uns auf Eierstockkrebs und Lungenkrebs und arbeiten deshalb mit Kliniker:innen zusammen, die Betroffene täglich behandeln; nicht nur in Basel, sondern auch in grossen deutschen Zentren wie Heidelberg. Dieses klinische Netzwerk ist zentral.
Und dann ist natürlich auch Pharma unser Netzwerk. Aber nicht so sehr als Konkurrenz, sondern als Partner. Ein Biotech-Start-up in der Onkologie kann in der Regel nur die erste klinische Phase selbst finanzieren, die bereits dreissig Millionen Franken kosten kann. Die späten Phasen, mit dreistelligen Millionenbeträgen, kann nur Big Pharma stemmen. Unser Ziel ist es, ein möglichst attraktives Datenpaket bis Phase 1 zu generieren und parallel die richtigen Verbindungen in die Pharmaindustrie zu knüpfen.
Katja Jenni-Szaloky: Die Schweiz ist einer der wenigen Standorte weltweit, an denen wissenschaftliche Exzellenz, eine global führende Pharmaindustrie, Kapital und politische Stabilität auf engem Raum zusammenkommen. Diese Dichte ist international herausragend und ermöglicht einen engen Austausch. Dies ist entscheidend, um Vertrauen aufzubauen, aber auch um gemeinsam schnelle Lösungen zu finden.
Besonders die Region Basel verfügt über eine aussergewöhnliche Konzentration an Life-Sciences-Kompetenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Forschung über klinische Entwicklung bis hin zu Produktion und globalem Marktzugang. Ergänzt wird dies durch eine starke Anziehungskraft auf globale Talente: Internationale Gründerinnen und Gründer stellen heute rund die Hälfte aller Start-up-Gründer in der Schweiz – und einen noch höheren Anteil unter Schweizer Unicorns.
Eine zentrale Herausforderung für Schweizer Biotech-Unternehmen bleibt die Finanzierung, insbesondere in den späteren Entwicklungsphasen. Die Schweiz liegt in Sachen Risikokapitalinvestitionen deutlich hinter Start-up Nationen wie den USA, Singapur oder Israel. Wir beobachten jedoch ein Wachstum bei Investitionen – 2025 war ein Rekordjahr, in dem 946,3 Millionen Schweizer Franken in Biotech Start-ups flossen.
Julia Biwer: Was die Schweiz auszeichnet, ist die Qualität ihrer Universitäten und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die ETH Zürich, die Universität Basel, die FHNW – da herrscht eine offene Mentalität, eine echte Kollaborationskultur. Wir arbeiten mit Partnern in verschiedenen Sprachregionen, und trotzdem fühlt sich die Schweiz wie ein vernetztes Ganzes an. Das ist wertvoll.
Wo wir grosse Lücken haben, ist die Finanzierung von Start-ups in der Frühphase. Die Schweiz ist traditionell ein Finanzstandort – Risikokapital fliesst wenig. Pensionskassen und institutionelle Anleger haben Venture Capital bis heute kaum als Anlageklasse entdeckt. Das ist zum Teil eine Mentalitätsfrage: In der Schweiz legt man sein Geld lieber auf die Bank als in etwas Risikoreiches. Das hängt uns nach.
Im Bereich Biotech gibt es in der Schweiz eigentlich nur ein einziges Programm, das direkt und substanziell in Biotechs investiert: BaseLaunch. Das ist eine gute Initiative – aber es werden jährlich nur drei bis vier Firmen ausgewählt. Dänemark hat mit dem Bio Innovation Institute einen vergleichbaren Inkubator und fördert 20 bis 30 Firmen pro Jahr. Das zeigt den Unterschied. Innosuisse ist ebenfalls sehr wertvoll, aber das Geld fliesst hauptsächlich in die Universitäten, nur wenige Innosuisse-Programme investieren direkt in Start-ups. Seit Ende 2025 fliessen Innosuisse-Fördergelder verstärkt in reifere Unternehmen, während junge Biotech-Start-ups deutlich schwieriger Kapital finden als noch vor einigen Jahren. Wenn Finanzierung knapp ist, fliesst sie eher in Firmen, deren Technologien bereits weiter validiert sind und deren Risiko besser abschätzbar ist. Das ist das Paradox der Innovation: Wenn Kapital knapp wird, fliesst es seltener zu den mutigsten Ideen, sondern häufiger zu den reiferen Unternehmen.
Katja Jenni-Szaloky: Gerade weil Pharmaentwicklung komplex und risikoreich ist, entstehen viele disruptive Innovationen in kleinen, fokussierten Teams. Start-ups können schneller Entscheidungen treffen, kalkulierte Risiken eingehen und neue Technologien konsequent verfolgen. Die grossen Pharmaunternehmen beobachten diese Innovationsdynamik sehr genau. In der Praxis ergänzen sich grosse und kleine Akteure oft: Start-ups treiben frühe Innovation voran, während grössere Unternehmen Skalierung, globale Studien, regulatorisches Know-how sowie Marktzugang ermöglichen.
Die Schweiz macht strukturell einiges richtig: starke Hochschulen, hohe Forschungsqualität, internationale Vernetzung und ein stabiles Umfeld.
Julia Biwer: Big Pharma ist eigentlich gar nicht mehr unsere Konkurrenz – und das ist eine wichtige Verschiebung. In den letzten 10 bis 20 Jahren haben grosse Pharmafirmen ihre eigenen Forschungs- und Entwicklungskapazitäten immer weiter reduziert. Was man heute sieht, ist, dass Pharma zunehmend einkauft: Assets, die von Biotech-Firmen wie uns entwickelt wurden. Die Rollen sind komplementär – und das ist aus unserer Sicht gut.
Die Kehrseite ist: Weil sich die Pharmaindustrie zunehmend auf externe Innovationen stützt, braucht es heute einen intensiveren und frühen Austausch, damit die wissenschaftlichen Überlegungen hinter bestimmten Entwicklungsentscheidungen gemeinsam verstanden werden. Aber grundsätzlich ist das Zusammenspiel gut, denn Biotech liefert die frühe Innovation, die Grossen liefern Skalierung, globale Studien und Marktzugang. Das funktioniert, aber ein enger Austausch ist sehr wichtig.
Katja Jenni-Szaloky: Welche Durchbrüche die Pharmaforschung noch hervorbringen wird, bleibt abzuwarten – als Kanton verfolgen wir das mit grossem Interesse. Die Aufgabe des Kantons Basel-Stadt ist es, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Innovationen Marktreife erlangen und Patient:innen erreichen. Dazu gehören Zugang zu Talenten, internationale Sichtbarkeit, verfügbare Flächen, starke Netzwerke und Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups.
Mit dem Basler Standortpaket fördert Basel-Stadt gezielt Investitionen in Innovation (bis rund 400 Millionen Schweizer Franken pro Jahr) sowie Forschungskooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie, um Innovationen mit globalem Nutzen voranzutreiben. Mit jährlich 15 Millionen Schweizer Franken werden Forschungszusammenarbeiten zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Universitätsspitälern und der lokalen forschenden Industrie gestärkt.
Julia Biwer: Wir begrüssen das Basler Standortpaket ausdrücklich. Besonders wichtig wird sein, dass auch junge Start-ups von diesen Investitionen profitieren und so der Weg von exzellenter Forschung zu erfolgreichen Unternehmen weiter gestärkt wird. Unser grosses Ziel ist es, das angeborene Immunsystem gegen Krebs zu aktivieren. Das ist ein «Heiliger Gral» in der Onkologie, der bisher nicht gelöst wurde – viele haben es versucht, ohne Erfolg. Wir glauben, dass es sich lohnt, in diese Richtung zu forschen, weil das Potenzial enorm ist. Das Immunsystem ist ja nicht nur für Krebs relevant: Neben Krebs könnten einige Autoimmunerkrankungen ebenfalls von unserer Therapie profitieren. Dies sind für uns Projekte zum Aufbau unseres Portfolios.
Unser Ansatz lässt sich so zusammenfassen: «Sculpturing the innate immune system.» Wir wollen das Immunsystem nicht runterfahren, sondern so beeinflussen, dass es Krankheiten aktiv bekämpft und möglicherweise sogar vorbeugend wirkt. Dazu fokussieren wir uns auf eine bestimmte Zellart und fragen: Wie können wir diese Zellen aktivieren, damit sie bei einer Erkrankung besser reagieren? Das ist das Bild, das wir verfolgen.
Die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle dank ihrer starken Forschungsbasis, den akademischen Netzwerken und dem Ökosystem in Basel. Mit dem Basler Standortpaket bietet sich die Chance, die Zusammenarbeit zwischen Start-ups wie Abbmira und Spitzenforschung wie im Universitätsspital Basel weiter auszubauen. Wir sind jung und früh, aber wir sind genau an der richtigen Stelle.
Julia Biwer: Das virtuelle Modell ist keine Besonderheit Basels – es ist eine Notwendigkeit. Ich treffe immer mehr Biotech-CEOs, die so aufgestellt sind, weil es schlicht das klügste Modell für die frühe Phase ist. Man baut keinen Head Count auf, keine Fixkosten für Labore und Equipment. Man bleibt schlank und in dem Moment, wo Geld zur Verfügung steht, fliesst es direkt in die Forschung und Entwicklung.
Wir finanzieren uns derzeit durch einen bilateralen Innosuisse-Grant mit einer Forschungsgruppe in Warschau sowie durch eigenes Investment der drei Gründer:innen. Seit Ende Mai 2026 ist unsere erste externe Pre-Seed-Runde für Business Angels und Family Offices offen. Hier haben wir bereits einige Investments sichern können. Das zeigt, dass dieses Modell funktioniert: Man kann mit minimalen Ressourcen wissenschaftlich vorankommen.
Irgendwann werden wir auch ein eigenes Labor haben – das ist absehbar. Aber so lange wir externe Expert:innen haben, die ihre Arbeit als Dienstleistung erbringen und das schlicht besser können als wir derzeit, gehen wir mit den Besten. Basel hilft dabei enorm: Hier gibt es viele Fachleute, die aus Novartis oder Roche kommen, auf «Garden Leave» sind oder sich mit Start-ups beschäftigen wollen, weil grosse Organisationen träge sind und sich ständig restrukturieren. Diesen Wissenspool gibt es so nirgendwo sonst in der Schweiz.
Katja Jenni-Szaloky ist Co-Leiterin Bereich Wirtschaft beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) Basel-Stadt. Die Standortförderung Basel-Stadt fördert gezielt das Zusammenspiel von Industrie, Hochschulen und Start-ups. Das Basler Standortpaket ist zu 80 Prozent auf Innovationsförderung ausgerichtet.
Julia Biwer ist COO und Mitgründerin von Abbmira Therapeutics in Basel. Das Start-up entwickelt einen bakteriell inspirierten Wirkstoff, der das angeborene Immunsystem gegen Tumore aktiviert. Das Unternehmen wurde im September 2024 gegründet und arbeitet virtuell – ohne eigenes Labor.
Die Interviews wurden unabhängig voneinander geführt; die Antworten von Katja Jenni-Szaloky wurden schriftlich eingereicht und das Interview mit Julia Biwer fand mündlich statt.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Kommunikationskampagne zum Technology Outlook 2025 der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW). Die SATW betreibt im Auftrag des Bundes technologische Früherkennung; aus diesen Foresight-Aktivitäten resultiert der Technology Outlook, der alle zwei Jahre aktuelle und zukünftige Technologien für den Schweizer Wirtschaftsstandort beleuchtet. Abbmira Therapeutics ist als Showcase im Bereich Life Sciences vertreten.
| Rolle | Titel + Name |
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| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise |