Taiwan-Krise, China-Dominanz, EU-Abhängigkeit: Was ein geopolitischer Schock für die Schweiz bedeuten würde

Der Bundesrat sieht keinen Bedarf, kritische Rohstoffe systematisch in Freihandelsabkommen zu regeln. Doch wie realistisch ist diese Haltung angesichts wachsender geopolitischer Spannungen? SATW-Expertin Alessa Hool erklärt, warum die Schweiz ihre Handelspolitik überdenken sollte – und welche Folgen eine Taiwan-Eskalation hätte. Interviewserie Teil 2/3: Geopolitik und Handelspolitik.

Alessa Hool in grüner Kleidung vor blauem Hintergrund

Alessandra Hool ist Geschäftsführerin bei der ESM Foundation und Expertin der SATW-Themenplattform Nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Bildrechte: ESM Foundation.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Der Bundesrat hält spezifische Klauseln zu kritischen Rohstoffen in Freihandelsabkommen für nicht praktikabel – doch in Zeiten gezielter Exportkontrollen reicht ein allgemeines Bekenntnis zum Freihandel nicht mehr aus
  • Bei einer Eskalation um Taiwan drohen der Schweiz: Produktionsunterbrüche in Schlüsselbranchen, stark steigende Hardwarekosten und Verzögerungen bei Digitalisierungsprojekten
  • China kontrolliert nicht nur kritische Rohstoffe, sondern baut auch Kapazitäten bei älteren Chiptechnologien (Legacy-Prozesse) rasch aus
  • Freihandelsabkommen mit Drittstaaten sind kein Ersatz für EU-Beziehungen, aber wichtig für Diversifikation und zusätzliche Bezugskanäle
  • Wirkungsvolle Diversifikation braucht: breite Lieferantenbasis, intelligente Lager- und Vertragspolitik, systematisches Monitoring und klares Krisenmanagement

China kontrolliert zentrale Rohstoffstufen, Taiwan dominiert die Chipfertigung – und die Schweiz steht dazwischen. Im zweiten Teil unserer Serie analysiert Alessa Hool, wie gut die Schweiz auf einen geopolitischen Schock vorbereitet wäre und warum Freihandelsabkommen allein nicht mehr ausreichen. Sie zeigt auf, wo die Schweizer Handelspolitik an Grenzen stösst und welche Diversifikationsansätze tatsächlich funktionieren.

Der Bundesrat sagt bezüglich Aufnahme des Themas in Freihandelsabkommen: nicht nötig, nicht praktikabel. Wie überzeugend ist diese Einschätzung aus technischer und geopolitischer Sicht?

Vermutlich ist der Gedanke: Je mehr politisch sensible Themen zwingend in jedes Freihandelsabkommen „hineinverhandelt" werden, desto komplexer werden die Verhandlungen. Das ist verständlich. Dieser Ansatz hat in einer Phase relativ stabiler Lieferketten gut funktioniert; in der heutigen Lage stösst er aber an Grenzen. Wir sehen zunehmend Exportkontrollen, Sanktionspakete und gezielt genutzte Abhängigkeiten – gerade bei kritischen Rohstoffen und Chips. In so einem Umfeld reicht ein allgemeines Bekenntnis zum Freihandel allein nicht mehr aus.

Klauseln zu kritischen Rohstoffen könnten mehr Transparenz, Informationspflichten und gewisse Schranken für abrupt verhängte Exportverbote verankern. Während die USA, die EU, Japan oder Korea strategische Rohstoffallianzen ausbauen, besteht für die Schweiz ohne solche Elemente das Risiko, bei der Zuteilung knapper Güter nachrangig berücksichtigt zu werden.

Die Schweiz steht einer aktiven Industriepolitik traditionell skeptisch gegenüber und setzt bei Lieferkettenrisiken vor allem auf offene Märkte. Gerade deshalb könnte es sinnvoll sein, genau diese Handelsbeziehungen im Bereich kritischer Rohstoffe gezielt zu vertiefen – nicht als alleinige Antwort, aber als wichtigen Baustein einer vorausschauenden Versorgungssicherheitspolitik.

Der Bundesrat betont, dass die Schweiz viele kritische Materialien indirekt über die EU bezieht. Wie realistisch ist es, diese Abhängigkeit über Freihandelsabkommen zu reduzieren?

Freihandelsabkommen mit anderen Staaten sollten nicht als Ersatz für die Handelsbeziehungen mit der EU gesehen werden. Die EU ist der zentrale Handelspartner der Schweiz – auch bei kritischen Rohstoffen. Zwar stammen viele Technologiemetalle physisch aus Drittländern, doch fungiert die EU als wesentliche Drehscheibe für Transport, Veredelung und Distribution.

Freihandelsabkommen mit Drittstaaten können jedoch einen wichtigen Beitrag zur Diversifikation leisten. Sie schaffen zusätzliche Bezugskanäle für den Fall, dass es in der EU zu Verwerfungen kommt. Konkret können sie Zölle senken, Kooperationsplattformen etablieren und rechtliche Planungssicherheit erhöhen.

China dominiert zentrale Rohstoffstufen, Taiwan die Chipfertigung. Wie hoch ist das Risiko eines geopolitischen Schocks – und wie gut wäre die Schweiz vorbereitet?

Das Risiko, dass ein geopolitischer Schock in Ostasien die Schweiz wirtschaftlich hart trifft, ist hoch. Taiwan dominiert die Fertigung hochintegrierter Halbleiter, während China zentrale Rohstoff- und Verarbeitungsstufen kontrolliert und seine Kapazitäten bei älteren Chiptechnologien – den sogenannten Legacy-Prozessen – rasch ausbaut. Eine Eskalation würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verknappung von Halbleitern über alle Technologiesegmente hinweg führen.

Für die Schweiz hätte dies unmittelbare Folgen: Produktionsunterbrüche in Maschinenbau, Medizintechnik und Elektronik, stark verlängerte Lieferzeiten und deutlich höhere Hardwarekosten sowie Verzögerungen bei Digitalisierungs- und Infrastrukturprojekten, weil viele Komponenten technologisch nicht substituierbar sind.

Parallel dazu wäre mit starken Störungen im globalen Transport- und Rohstoffhandel zu rechnen. Versicherungs- und Frachtkosten würden sprunghaft steigen, und umfangreiche Sanktionen könnten zu zusätzlichen Exportrestriktionen Chinas bei kritischen Rohstoffen führen.

Über diese unmittelbaren Schocks hinaus würde eine solche Krise die strukturelle Abhängigkeit der Schweiz offenlegen. Das Risiko wären nicht nur vorübergehende Engpässe, sondern nachhaltige Wettbewerbsnachteile: Wenn zentrale Digitalisierungs- und Innovationsvorhaben in Schlüsselbranchen verzögert werden, sinkt die Attraktivität des Standorts. Insgesamt ist die Schweiz auf ein solches Szenario meiner Einschätzung nach heute nur unzureichend vorbereitet.

Welche Ansätze zur Diversifikation funktionieren in der Praxis wirklich?

Für die Schweiz funktionieren vor allem solche Diversifikationsansätze, die realistisch an die eigene Grösse anknüpfen. Neue Partnerschaften sind sinnvoll, wenn sie echte Alternativen eröffnen – also andere Produktionsländer, Unternehmensgruppen und möglichst auch andere Transportkorridore einbeziehen.

Frühwarnmechanismen sind für ein kleines, stark vernetztes Land ein zentraler Hebel: Monitoring von Märkten, Preisen, Exportrestriktionen und politischen Risiken kann helfen, Engpässe früh zu erkennen. Um wirksam zu greifen, müssen Wirtschaft und Verwaltung aber bereit sein, Konsequenzen zu ziehen – etwa höhere Lagerhaltungskosten oder längerfristige Lieferverträge in Kauf zu nehmen.

Generell neigt die Schweiz dazu, ihre Möglichkeiten zur aktiven Steuerung globaler Wertschöpfungsketten zu überschätzen und gleichzeitig den Nutzen „unsichtbarer" Massnahmen wie Datenaufbau und Szenarioanalysen zu unterschätzen. Wirkungsvolle Diversifikation entsteht durch eine Kombination aus breiter Lieferantenbasis, intelligenter Lager- und Vertragspolitik sowie systematischem Monitoring. Zudem sollten wir auf unsere Stärken in Innovation und Recycling bauen.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Esther Lombardini
Expertise Alessandra Hool