«Ich setze mich dafür ein, dass andere frei wählen können» – Eleonore Poli spricht über Raum, Innovation und die Kraft von Vorbildern

Autor:innen

Eleonore Poli, Ingenieurin und Materialwissenschaftlerin in Neuenburg, untersucht, wie Weltraumtechnologien auf der Erde genutzt werden können, und bereitet sich gleichzeitig auf ihren eigenen Weltraumflug vor. Als Analogastronautin hat sie bereits mehrere Simulationsmissionen unter extremen Bedingungen absolviert. Parallel zu ihrer Forschung engagiert sie sich als Mentorin bei Swiss TecLadies, dem nationalen Nachwuchsförderungsprogramm der SATW, das junge Frauen dazu ermutigt, sich für Berufe in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik (MINT) zu entscheiden. In diesem Interview spricht sie über ihre Visionen, die Zukunft der Raumfahrt und erklärt, warum Vorbilder für die jüngeren Generationen so wichtig sind.

Eleonore Poli ist Materialwissenschaftlerin, Analogastronautin und Gründerin von CHASM. Als Mitglied von Swiss TecLadies inspiriert sie die nächste Generation von Frauen in technischen Berufen. Foto: maeleog.com, Fotografin: Maële Othenin-Girard.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Von der Schwerelosigkeit ins Spital: In der Mikrogravitation lassen sich Organoide züchten, einkristalline Materialien herstellen und in Zukunft vielleicht sogar transplantierbare Organe entwickeln. Die Raumfahrttechnologie kommt der Medizin direkt zugute.
  • Teamarbeit unter extremen Bedingungen: Analogmissionen zeigen, dass Empathie, Kommunikation und die Komplementarität der Kompetenzen innerhalb eines Teams entscheidend sind. Diese Erkenntnis ist für jedes interdisziplinäre Innovationsprojekt von Nutzen.
  • Die Schweiz muss sich stärker Gehör verschaffen: Die Schweizer Raumfahrtlandschaft ist äusserst vielfältig und reicht von Bioreaktoren bis hin zur nachhaltigen Raumfahrt – doch auf internationaler Ebene ist sie praktisch unbekannt. Es braucht mehr Sichtbarkeit.
  • Vorbilder statt Vorurteile: Als Mitglied von Swiss TecLadies setzt sich Eleonore Poli dafür ein, dass junge Frauen ihren Weg aus Leidenschaft wählen und nicht, weil die Gesellschaft es ihnen vorschreibt.
  • Raumfahrt für alle: Institutionen wie die SATW können den Dialog zwischen Unternehmen und Schulen fördern und so der nächsten Generation zeigen, wie sie zum «Himmel von morgen» beitragen kann.

Frau Poli, die SATW beschäftigt sich intensiv mit den Technologien, die den Wirtschaftsstandort Schweiz prägen werden: von der fortschrittlichen Fertigung über neue Materialien bis hin zur künstlichen Intelligenz (KI). Im Rahmen Ihrer Forschung untersuchen Sie, wie Materialien unter extremen Bedingungen reagieren. Welche dieser Erkenntnisse aus der Weltraumforschung haben das grösste Potenzial, auch die Industrien auf der Erde zu verändern?

Es gibt regelmässig Technologien, die für die Raumfahrt entwickelt werden und Auswirkungen auf unser Leben auf der Erde haben, vom Klettverschluss über Hitzeschilde bis hin zu transparenten Materialien für Zahnspangen. Derzeit herrscht jedoch ein grosser Hype um die Herstellung von Materialien in der Mikrogravitation sowie von Medikamenten und künstlichen Organen. Tatsächlich lassen sich unter Mikrogravitationsbedingungen Organoide und – so hofft man – Organe züchten, die für Patientinnen und Patienten, die eine Transplantation benötigen, lebensfähig sind. Ebenso erfordern einkristalline Materialien Wachstumsbedingungen, die unter Mikrogravitationsbedingungen begünstigt würden. Hinzu kommt die gesamte Fertigung unter Verwendung «lokaler» Ressourcen, wie beispielsweise auf dem Mond und dem Mars, etwa der 3D-Druck von Behausungen aus Mondregolith.

Als Analogastronaut haben Sie Missionen geleitet, bei denen Teams unter Bedingungen extremer Isolation und unter Zeitdruck zusammenarbeiten mussten, wie beispielsweise bei der Asclepios-Mission in der Region Grimsel oder der Amadee-24-Mission in Armenien. Die SATW setzt sich für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft ein. Was können Teams aus der Schweizer Innovationslandschaft von solchen Analogmissionen lernen?

Solche Missionen sind hervorragende Testplattformen für die interdisziplinäre Forschung sowie für die Umsetzung und Logistik, die mit Weltraummissionen verbunden sind. Tatsächlich kann bei diesen Missionen jede Disziplin getestet werden, vom Ingenieurwesen über die Architektur bis hin zur Medizin, Landwirtschaft und Psychologie. Die Herausforderungen im Teammanagement sind am komplexesten – die Technologie bleibt im Grossen und Ganzen beherrschbar und erfordert zwar eine äusserst sorgfältige Planung, doch diese ist notwendig, da sie Menschenleben sichert. Menschen hingegen halten sich weniger an Protokolle und sind anfällig für Müdigkeit und Stress. Diese Missionen bieten fantastische Gelegenheiten, um Teamfähigkeit, Empathie, Kommunikation und Führungsqualitäten zu entwickeln. Zu verstehen, dass das Team Probleme gemeinsam angeht, aber auch, dass jedes Problem gelöst werden muss, ist sehr inspirierend. Man lernt daraus, dass jeder Einzelne Fähigkeiten und Kompetenzen besitzt, die diejenigen der anderen ergänzen, und dass jede Person einen Baustein an Wissen und Talenten beisteuert. Wenn man diese kombiniert, schafft man wunderbare Dinge.

Die Schweiz wird oft nicht als klassische Raumfartnation wahrgenommen, ist jedoch seit ihrer Gründung Mitglied der ESA und Wiege wegweisender Forschung. Der «Technology Outlook» der SATW identifiziert regelmässig die Schlüsseltechnologien der Zukunft. Wie sehen Sie die Position der Schweiz im internationalen Wettbewerb im Bereich der Raumfahrttechnologien? Und wo muss sie ihre Anstrengungen verstärken, um ihren Vorsprung zu halten?

Die Schweiz ist im Raumfahrt-Ökosystem technologisch stark vertreten – durch ihre Instrumente, ihre Astronauten, ihre Kapazitäten im Bereich der Trägerraketen, vor allem aber in Sachen Innovation und Start-ups. Wo die Schweiz hingegen Schwächen aufweist, ist die Kommunikation. Die Schweiz ist sehr oft bescheiden, man macht keine Wellen, man spricht nicht darüber. Wenn wir jedoch weiterhin Chancen in der Raumfahrt haben wollen, müssen wir uns klar behaupten. Die Schweiz ist schon seit den Anfängen dabei, seit den Apollo-Missionen, und hat vor allem nie aufgehört. Die Schweizer Raumfahrtlandschaft ist äusserst vielfältig und deckt eine beeindruckende Anzahl von Disziplinen ab, von der Biologie mit Bioreaktoren bis hin zur Teilchenphysik, zusätzlich zu ihren Kompetenzen im Bereich der nachhaltigen Raumfahrt mit den RemoveDebris-Missionen. Warum sagen wir das nicht? Warum verkünden wir es nicht von den Dächern? Oder finden zumindest einen Kompromiss. Ich arbeite mit sehr vielen verschiedenen Ländern zusammen, und leider wissen die meisten nur wenig über die Rolle, die die Schweiz spielt. Es ist an der Zeit, das zu ändern, damit wir unsere Innovationskraft weiter ausbauen können.

Sie engagieren sich bei Swiss TecLadies, dem nationalen Nachwuchsförderungsprogramm der SATW, das das Interesse von Mädchen und jungen Frauen an MINT-Berufen weckt. Was hat Sie motiviert, sich diesem Programm anzuschliessen? Und was würden Sie Mädchen sagen, die sich für Technik interessieren, aber noch zögern, diesen Weg einzuschlagen?

Was mich motiviert hat, an dem Programm teilzunehmen, war der Gedanke, dass ich für die Entscheidungsfreiheit anderer kämpfe. Damit junge Mädchen, aber auch Jungen, ihren Weg nicht wählen, weil die Gesellschaft es ihnen vorschreibt, sondern weil sie es selbst wollen. Es ist wichtig, dass alle die Vielfalt der technischen Berufe und die verschiedenen möglichen Karrierewege erkennen und vor allem, dass sie daran teilhaben können. Es muss nicht unbedingt ein 50:50-Verhältnis zwischen Frauen und Männern in den naturwissenschaftlichen Studiengängen erreicht werden. Aber wir müssen wissen, dass jede Person, die diesen Weg wählt, dies aus eigenem Antrieb, aus Interesse und aus Leidenschaft tut und nicht, weil es die Gesellschaft vorschreibt. Als Ingenieurin, Wissenschaftlerin und schon vorher als Luftfahrtbegeisterte und mittlerweile als Pilotin wurde ich immer wieder gefragt: «Ach, aber als Frau, solltest du das wirklich machen? / Ist das nicht zu schwer? / Ist das nicht unweiblich? / Können Mädchen das überhaupt?» Fragen, die ich wirklich bedauerlich fand, denn sie schienen mein Geschlecht und nicht meine Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen.

An alle würde ich sagen: Macht, was euch Spass macht, kämpft für das, was ihr liebt, wofür ihr euch begeistert. Lasst euch von euch selbst inspirieren, lernt von euren Freund*innen und Mentor*innen. Und wenn ihr noch keine Mentorin gefunden habt, werdet eure eigene Mentorin. Euer eigenes Vorbild.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie stellen Sie sich persönlich das Zusammenspiel von Raum, Technologie und Gesellschaft vor? Und welche Rolle können Institutionen wie die SATW spielen, um diese Entwicklung mitzugestalten?

Die Raumfahrt spielt heute eine exponentiell grössere Rolle als noch vor 10 bis 15 Jahren. Wir wecken das Interesse der jüngeren Generationen an der Raumfahrt schon früher und bilden sie in diesem Bereich aus; ausserdem geben wir ihnen die Möglichkeit, sich im Rahmen verschiedener Initiativen einzubringen. Das ist sehr wichtig für die Gestaltung unserer Zukunft, denn die zunehmende Anzahl von Satelliten wirft ökologische und sicherheitsrelevante Probleme auf. Umso mehr, als unsere Technologien – vom GPS bis zur Klimaüberwachung – von Satelliten abhängig sind und die bemannte Weltraumforschung dank privater Missionen, aber auch dank Artemis wieder an Fahrt gewonnen hat. Die Schweiz hat bereits gezeigt, dass sogar ihre Auszubildenden die Raumfahrt von morgen vorbereiten, wie zum Beispiel Asclepios und natürlich PAVE Space (ehemals Gruyère Space Program). Wir werden eine immer wichtigere Rolle im Weltraum spielen, und vor allem wird er nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten sein. Institutionen wie die SATW können diesen Dialog zwischen Unternehmen und Schulen fördern und so den neuen Generationen ermöglichen zu verstehen, wie sie zum Himmel von morgen beitragen können.

Über die Person

Eleonore Poli ist Materialwissenschaftlerin, Analogastronautin und Gründerin von CHASM (Community of Human Analogue Space Missions). Sie wurde 1995 in Lausanne geboren, studierte Werkstofftechnik an der EPFL, anschliessend Maschinenbau an der ZHAW und erwarb ihren Master sowie ihren Doktortitel in Materialwissenschaften an der Universität Cambridge. Sie war Kommandantin der Mondmission «Asclepios I» im unterirdischen Labor der Nagra in der Region Grimsel und nahm an der Mission «Amadee 24» in Armenien teil. Neben ihrer Forschungstätigkeit ist sie Ironman-Triathletin, Pianistin, Pilotin und engagierte Referentin – unter anderem an TEDx Zürich und Neapel sowie am Swiss Economic Forum. Als Mitglied von Swiss TecLadies inspiriert sie die nächste Generation von Frauen im Technologiebereich. Sie ist per E-Mail (eleonore.poli@csem.ch) und auf LinkedIn (linkedin.com/in/eleonore-cassandra-poli) erreichbar.

Swiss TecLadies und das Mentoring-Programm

Swiss TecLadies ist ein nationales Nachwuchsförderungsprogramm der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW). Es setzt sich für eine Zukunft ein, in der Frauen in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik (MINT) eine zentrale Rolle spielen. Das Programm umfasst Camps für Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren, ein Mentoring-Programm für junge Frauen von 14 bis 19 Jahren und das Netzwerk Swiss TecLadies, das ehemalige Teilnehmerinnen sowie Frauen vereint, die in MINT-Berufen tätig sind. Im Rahmen des Mentoring-Programms begleiten erfahrene Fachfrauen aus den MINT-Bereichen die jungen Teilnehmerinnen sieben Monate lang als Mentorinnen.

Möchten Sie mehr über Swiss TecLadies erfahren oder dem Netzwerk beitreten? Die nächste Ausgabe des Mentoring-Programms findet von September 2026 bis April 2027 statt. Alle Informationen finden Sie unter: https://www.tecladies.ch/de

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Esther Lombardini
Expertise Eleonore Poli