Die Komplexität von Krebserkrankungen erfordert multiple Strategien. Die im Technology Outlook vorgestellten Showcases spannen einen Bogen von der Früherkennung über neuartige Therapieansätze bis hin zu molekularen Präzisionswerkzeugen und zeigen dabei die Innovationskraft des Schweizer Life-Sciences-Standorts. Dieser Beitrag geht auf die Errungenschaften der vier Schweizer Firmen Abbmira Therapeutics, Proteomedix, Tolremo und Haya Therapeutics ein und verdeutlicht neue Durchbrüche in der Krebsforschung.
Prostatakrebs ist mit 30 Prozent aller Krebsdiagnosen die häufigste Krebsart überhaupt. Die Früherkennung erfolgt meist über den PSA-Wert im Blut – doch dieser Test ist ungenau. Erhöhte Werte führen oft zu unnötigen Biopsien, obwohl in vielen Fällen gar kein Krebs vorliegt. Sport, Entzündungen oder sogar Geschlechtsverkehr können den Wert verfälschen.
Proteomedix aus Schlieren entwickelte mit Proclarix® einen Bluttest, der nicht nur PSA misst, sondern zusätzlich zwei weitere Biomarker: Thrombospondin 1 und Cathepsin D. Diese Proteine zeigen an, ob ein bestimmter Signalweg in den Zellen überaktiv ist, was ein typisches Merkmal von Prostatakrebs darstellt. Ein intelligenter Algorithmus berechnet aus allen Werten einen individuellen Risiko-Score.
Das Ergebnis: Der Test erkennt Prostatakrebs mit sehr hoher Genauigkeit und reduziert unnötige Biopsien um 43 Prozent. Für Männer mit negativem Test bedeutet dies Gewissheit und Entlastung – denn trotz erhöhtem PSA-Wert besteht kein Krebsrisiko. Seit 2023 ist Proclarix in den Leitlinien der europäischen und amerikanischen Urologen-Gesellschaften verankert. Dies ist ein wichtiger Schritt zur Kostenübernahme durch Krankenkassen. CEO Ralph Schiess freut sich über den Erfolg seiner Firma: «Die Tatsache, dass ein einfacher Bluttest invasive Biopsien reduziert und gesunde Männer nicht unnötigem Stress aussetzt, inspiriert mich.»
Krebszellen sind Überlebenskünstler. Sie programmieren sich um, aktivieren alternative Signalwege und nutzen sogar Mechanismen aus der Embryonalentwicklung, um Medikamenten zu entkommen. Das Resultat: 40 Prozent der Patient:innen sprechen auf Therapien gar nicht erst an, bei den anderen entwickeln sich nach 6 bis 12 Monaten oft Resistenzen.
Tolremo aus Basel verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz. Während die meisten Forschenden zuerst ein Zielprotein identifizieren und dann nach passenden Wirkstoffen suchen, drehte das Team den Prozess um. Sie testeten 16'000 Substanzen direkt in Tumorzellen. Der Test funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Leuchten die Zellen, sind die Ausweichrouten blockiert; leuchten sie nicht, bleiben die Überlebenswege aktiv.
Die beste der 16'000 Substanzen, TT125-802, wurde in 802 Optimierungsschritten verbessert. Anschliessend nutzten die Forschenden eine Art «molekulare Angel», um herauszufinden, woran das Molekül im Inneren der Krebszellen andockt. Sie fischten zwei nahezu identische Proteine heraus, die zentrale Schaltstellen in den Ausweichkaskaden darstellen. Der Wirkstoff bindet hochspezifisch nur an diese beiden Proteine – was weniger Nebenwirkungen verspricht.
In der ersten klinischen Studie mit Patient:innen zeigen sich ermutigende Resultate. Das Tumorwachstum verlangsamte sich oder die Tumoren bildeten sich sogar zurück. Und dies ohne schwere Nebenwirkungen. Mitgründerin und CEO Stefanie Flückiger-Mangual ist darüber erleichtert: «Unsere Angst, den Patient:innen falsche Hoffnung zu machen, war unbegründet.» Tolremo fokussiert auf Lungen-, Prostata- und Darmkrebs.
Die Zahlen sind ernüchternd: Bis zu 70 Prozent der Patient:innen entwickeln Resistenzen gegen PD1-Inhibitoren – eine moderne Klasse von Immuntherapien – oder sprechen gar nicht erst darauf an. Der Grund liegt oft in der Tumorumgebung: Spezialisierte Immunzellen, sogenannte Makrophagen, existieren in zwei Formen. Die «gute» M1-Form aktiviert das Immunsystem und bekämpft Tumore. Die «böse» M2-Form unterdrückt Immunreaktionen und fördert das Tumorwachstum. Dominiert die M2-Form, verschlechtert sich die Prognose drastisch.
Abbmira Therapeutics aus Basel entdeckte durch systematische Literaturrecherche und künstliche Intelligenz ein Molekül aus bakteriellen Zellwänden, das dieses Verhältnis umkehren kann. Das Molekül mit dem Code C42 aktiviert einen Rezeptor in den Makrophagen, der zur Bildung der M1-Form führt. «Die Guten übernehmen das Steuer», erklärt CEO Marc Creus. Der Tumor wird für das Immunsystem sichtbar gemacht.
Die Besonderheit besteht darin, dass Abbmira über keine eigenen Labors verfügt, C42 extern synthetisieren und testen liess und von Beginn an auf eine In-silico-Entwicklung sowie auf die Arbeit mit nur einem einzigen Wirkstoffkandidaten setzte. Im Mausmodell für Hautkrebs reduzierte die Kombination von C42 mit einem PD1-Inhibitor das Tumorwachstum deutlich stärker als der Inhibitor alleine. Für COO Julia Biwer war der Fall klar: «Die eintreffenden Daten waren der Startschuss für die Firmengründung.»
Der Ansatz – ein Kandidat, ein Treffer statt Tausende getesteter Moleküle – spart Kosten und Zeit. Zudem versteht das Team die Eigenschaften von C42 bereits sehr gut. Bis zu klinischen Studien liegt aber noch Arbeit vor: Das Molekül muss für den pharmazeutischen Einsatz optimiert und auf Sicherheit geprüft werden. Mögliche Anwendungen gibt es viele, so könnten beispielsweise Darm-, Eierstock- und Lungenkrebs sowie Glioblastome von C42 profitieren. Die im September 2024 gegründete Firma nutzt das Life Sciences Cluster Basel mit seinem Netzwerk erfahrener Fachkräfte aus der Pharmaindustrie.
Jahrzehntelang konzentrierte sich die Forschung auf jene zwei Prozent unseres Erbguts, die Bauanleitungen für Proteine enthalten. Und was passierte mit den restlichen 98 Prozent? Diese galten als «Abfall-DNA» ohne Funktion. Heute wissen wir jedoch, dass diese Regionen sogenannte Long non-coding RNAs (lncRNAs) produzieren und somit molekulare Dirigenten sind. Denn die lncRNAs steuern, wann, wo und wie stark Gene abgelesen werden. Ihre Fehlfunktionen werden mit Krebs, Herzinsuffizienz und neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Haya Therapeutics aus Lausanne kartierte dieses «dunkle Genom» systematisch. Der daraus entstandene HAYAtlas kombiniert eigene Forschungsdaten und öffentliche Informationen mit maschinellem Lernen. Er zeigt, in welchen Geweben spezifische lncRNAs vorkommen, welche Funktionen sie haben und mit welchen Krankheiten sie verbunden sind. «Dieser Atlas ist die Schlüsselkomponente unserer Plattform», erklärt CTO Daniel Blessing.
Dieser Ansatz stimmt hoffnungsvoll: Da lncRNAs sehr gewebespezifisch auftreten, lassen sich hochpräzise Medikamente mit minimalen Nebenwirkungen entwickeln. Der erste Wirkstoffkandidat HTX-001 zielt auf Wisper, eine lncRNA, die nur im Herzen vorkommt und mit Herzfibrose zusammenhängt. Ein kurzes RNA-Stück blockiert Wisper gezielt – in Zellkultur und Tiermodellen mit vielversprechenden Resultaten.
Doch auch für Krebs bietet der Ansatz Potenzial. Haya identifizierte lncRNAs, die im Bindegewebe rund um Tumoren erhöht sind. Werden sie blockiert, reduziert sich die Fibrose um die Tumorzellen. Die Tumormasse nimmt dann ab und wird für Therapien zugänglicher. Auch die Pharmaindustrie ist von der Erfindung überzeugt, denn im September 2024 schloss Haya mit Eli Lilly and Company einen Vertrag zur Entwicklung von Therapien gegen Fettleibigkeit ab – im Wert von bis zu einer Milliarde US-Dollar, einschliesslich potenzieller Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren. Im Mai 2025 folgten weitere 65 Millionen US-Dollar für die klinische Entwicklung.
Diese vier Showcases illustrieren mehr als technologische Durchbrüche – sie zeigen die Notwendigkeit verschiedener, sich ergänzender Strategien im Kampf gegen Krebs. Früherkennung, Resistenzmanagement, Immunmodulation und molekulare Präzisionswerkzeuge müssen Hand in Hand arbeiten.
Zugleich werden charakteristische Stärken des Schweizer Innovationsökosystems sichtbar: exzellente Grundlagenforschung, erfolgreiche Übersetzung in kommerzielle Anwendungen, internationale Partnerschaften und die Fähigkeit, in hoch spezialisierten Nischen Massstäbe zu setzen. Wie Haya-CEO Samir Ounzain formuliert: «Das Ziel ist eine zukünftige Medizin, die programmierbar, präzise, präventiv und patientenzentriert ist.» Diese Vision einer massgeschneiderten, vorausschauenden Medizin vereint alle vier Ansätze. Die im Technology Outlook dokumentierten Beispiele zeigen, dass Schweizer Innovation bereits heute die Medizin von morgen gestaltet.