Urban Mining, EU-Kooperation, Nischenstrategie: Wie die Schweiz ihre Versorgungssicherheit stärken kann

Die Schweiz kann nicht autark werden – aber sie kann smarter werden. Im letzten Teil der Serie erklärt SATW-Expertin Alessa Hool, welche Rolle Recycling, europäische Zusammenarbeit und Schweizer Innovationskraft spielen können und wo dringend nachgebessert werden muss. Interviewserie Teil 3/3: Lösungsansätze und Schweizer Stärken.

Alessa Hool in grüner Kleidung vor blauem Hintergrund

Alessa Hool ist Geschäftsführerin bei der ESM Foundation und Expertin der SATW-Themenplattform Nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Bildrechte: ESM Foundation.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Eine stärkere Anbindung an EU-Initiativen würde besseren Zugang zu Informationen, Frühwarnsystemen und gebündelter Verhandlungsmacht ermöglichen
  • Urban Mining und Recycling können Importabhängigkeiten reduzieren – doch wirtschaftlich rechnet sich die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe meist noch nicht
  • Schweizer Stärken: Präzisions- und Spezialmaschinen, Materialwissenschaften, Nano- und Mikrotechnologie sowie hochzuverlässige Elektronik
  • Grundproblem: Es fehlt in der Schweiz eine systematische Analyse der Verwundbarkeiten – solche Analysen sind in anderen Ländern seit Jahren Standard
  • Empfohlene Strategie: «Smart Dependence» statt unrealistische Autarkie – mit Fokus auf Risikodaten, europäische Kooperation, technologische Spezialisierung und Kreislaufwirtschaft

Statt auf Selbstversorgung zu setzen, sollte die Schweiz auf «Smart Dependence» bauen, sagt SATW-Expertin Alessa Hool. Im Abschluss unserer Serie zeigt sie auf, welches Potenzial in Urban Mining und Kreislaufwirtschaft steckt, warum eine stärkere Anbindung an EU-Initiativen sinnvoll wäre und welche technologischen Stärken die Schweiz einbringen kann. Ihr Fazit: Es braucht mehr als nur guten Willen – es braucht eine systematische Datenbasis und eine klare Strategie.

Welche Vorteile hätte eine Beteiligung an europäischen Initiativen wie der EU-Plattform für kritische Rohstoffe?

Zunächst müsste geklärt werden, inwiefern eine Beteiligung der Schweiz an europäischen Initiativen – etwa im Kontext des Critical Raw Materials Act – überhaupt möglich und von den europäischen Partnern gewünscht ist. Generell würde ich es aber für sinnvoll halten, stärkere Kooperationen aufzubauen: auf EU-Ebene und auch mit den nationalen Observatorien für kritische Rohstoffe.

Solche Kooperationen würden besseren Zugang zu Informationen über Verfügbarkeiten, Preisentwicklungen, Exportbeschränkungen und geopolitische Risiken eröffnen. Damit liessen sich Beschaffungsrisiken früher erkennen und strategischer managen. Zudem könnte die Schweiz indirekt von der gebündelten Verhandlungsmacht der EU profitieren. Schliesslich könnte eine stärkere Beteiligung die Einbindung der Schweizer Halbleiterbranche in europäische Sicherungsstrategien erhöhen. Das ist relevant, weil kritische Rohstoffe zunehmend geopolitisch gerahmt werden. Wer an der Ausgestaltung von Prioritätenlisten und Krisenmechanismen mit am Tisch sitzt, hat tendenziell besseren Zugang zu knappen Ressourcen in Stressphasen.

Auch eine Positionierung in europäischen Forschungsprojekten – beispielsweise unter Horizon Europe – ist wichtig: etwa Überlegungen, wie Schweizer Interessen gezielt eingebracht und die gewonnenen Erkenntnisse in die nationale Rohstoffpolitik übersetzt werden können. Dazu braucht es auf Schweizer Seite klare Ansprechstellen und Prozesse. Andernfalls bleibt die Teilnahme zwar fachlich bereichernd, trägt aber nur begrenzt dazu bei, die spezifischen Versorgungsrisiken der Schweiz tatsächlich zu adressieren.

Wie gross ist das realistische Potenzial von Urban Mining, Elektronikrecycling und Design-for-Circularity in der Schweiz, um die langfristige Versorgungssicherheit im Halbleiterbereich zu stärken?

In der Schweiz zirkulieren grosse Mengen wertvoller Rohstoffe. Mit einer ambitionierten Urban-Mining- und Recyclingstrategie könnte die Schweiz die Versorgungssicherheit bei zahlreichen Rohstoffen spürbar verbessern. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft kann Importabhängigkeiten zwar nicht aufheben, aber deutlich reduzieren. Die tatsächlichen Potenziale sind für viele kritische Technologiemetalle jedoch noch unsicher.

Derzeit lassen sich vor allem Edelmetalle und Kupfer wirtschaftlich zurückgewinnen. Für Silizium, Gallium oder Germanium ist das Potenzial aufgrund geringer Konzentrationen und volatiler Preise bislang begrenzt. Technologische Chancen liegen im High-End-Recycling und bei Design-for-Circularity: Produkte und Module können so entworfen werden, dass sie leichter demontiert und verwertet werden können. Im Chip selbst ist dies kaum realistisch, aber bei Platinen und Geräten, also in der Art, wie Halbleiter integriert und dokumentiert werden.

Zentral bleibt das Grundproblem: Der Einkauf auf dem Weltmarkt ist heute meist günstiger als die aufwändige Rückgewinnung – eine betriebswirtschaftlich rationale, aber strategisch kurzsichtige Perspektive. Internationale Erfahrungen zeigen, dass sich die Rückgewinnung kritischer Rohstoffe in der Aufbauphase oft nur mit staatlichen Anreizen rechnet. Ohne solche Instrumente bleibt das Investitionsrisiko für private Akteure meist zu hoch.

Wie sich diese strukturelle Finanzierungslücke in einer liberalen Marktwirtschaft schliessen lässt, ist bislang ungelöst. Klar ist aber: Für eine strategische Stärkung der Versorgungssicherheit sind Urban Mining, Elektronikrecycling und Design-for-Circularity wichtige Elemente.

Wo liegen die technologischen oder industriellen Stärken der Schweiz, die zur Resilienz des Halbleiter-Ökosystems beitragen könnten?

Die Schweiz verfügt über mehrere Stärken, die direkt zur Resilienz von Halbleiter-Wertschöpfungsketten beitragen können. Sie ist stark in Präzisions- und Spezialmaschinen, etwa in Mess-, Prüf- und Prozessanlagen, die für die Qualitätssicherung in der Chips-Fertigung zentral sind. Durch solche Technologien kann der Rohstoffbedarf verringert werden.

Weiter besteht hohe Kompetenz in den Materialwissenschaften, der Nano- und Mikrotechnologie und Leistungselektronik. Das gut ausgebaute Forschungs- und Innovationsökosystem schafft günstige Rahmenbedingungen, um gezielt Projekte zur Resilienz anzustossen – etwa zur Substitution kritischer Materialien oder besserer Materialeffizienz.

Darüber hinaus trägt die Schweizer Stärke in hochzuverlässiger Elektronik, Medizintechnik und industrieller Automation indirekt zur Resilienz bei: Diese Branchen fungieren als Treiber für robuste Standards, von denen auch andere Segmente der Halbleiter-Wertschöpfung profitieren.

Zusammengenommen kann die Schweiz weniger durch Volumen, aber durch Know-how, Innovationskraft und Spezialisierung zur Resilienz beitragen. Diese Stärken erhöhen die strategische Bedeutung der Schweiz im Gesamtsystem.

Setzt die Motion die richtigen Schwerpunkte, oder braucht es aus technologischer Sicht zusätzliche Massnahmen?

Das Thema der Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen in Freihandelsabkommen aufzunehmen, halte ich für einen guten und wichtigen Schritt.

Es fehlt in der Schweiz aber noch an anderem. Eine umfassende Analyse der Verwundbarkeiten der Schweizer Wirtschaft im Hinblick auf kritische Rohstoffe ist nach wie vor ausstehend. Bislang wurden nur punktuell Importzahlen einzelner Rohstoffe ausgewertet, ohne dass eine systematische Gesamtanalyse vorliegt. So eine Analyse ist in anderen Ländern seit vielen Jahren Standard.

Dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch vergleichsweise passiv sind, hat wohl mit der traditionellen Scheu vor Überregulation zu tun. Eine fundierte Beurteilung der Versorgungsrisiken muss aber nicht zwangsläufig zu massiven staatlichen Eingriffen führen. Sie bildet vielmehr die Grundlage, um potenzielle Verwundbarkeiten zu identifizieren und diesen mit Augenmass zu begegnen – etwa indem Unternehmen besseren Zugang zu Informationen erhalten oder Forschungsschwerpunkte zur Substitution und zum Recycling gesetzt werden.

Welche strategische Richtung sollte die Schweiz wählen – und welche Massnahmen haben aus Ihrer Sicht die grösste Wirkung?

Die Schweiz sollte im Halbleiterbereich eine Nischen- und Resilienzstrategie verfolgen, die auf «Smart Dependence» statt auf unrealistische Autarkie setzt. Im Zentrum steht die Rolle als vertrauenswürdiger, hochinnovativer Partner in ausgewählten Bereichen wie Spezialmaschinen, Materialien sowie Test- und Messtechnik.

Ein Schlüsselbaustein ist der systematische Aufbau einer Risiko- und Datenbasis: Eine Analyse der importierten Rohstoffe und Vorprodukte sowie der damit verbundenen Versorgungsrisiken, ergänzt mit Frühwarnindikatoren, würde die derzeit unzureichende Informationslage deutlich verbessern. Parallel dazu sollte die Schweiz ihre Einbindung in europäische Initiativen vertiefen.

Besonders wirkungsvoll sind Massnahmen zur Stärkung eigener technologischer Kompetenzen, die den Einsatz kritischer Rohstoffe verringern: etwa die Förderung von Forschung in Materialsubstitution, Kreislaufansätzen und Spezialmaschinen, die Ressourcenverbrauch und Störanfälligkeit senken. Eine aktive Kreislauf- und Recyclingpolitik kann die Abhängigkeit von Primärimporten zusätzlich dämpfen.

Eine Kombination aus datenbasierter Politik, internationaler Einbettung, technologischer Spezialisierung und verbesserter Kreislaufwirtschaft bietet für die Schweiz den grössten Hebel, um die Versorgungssicherheit mit vertretbarem Ressourceneinsatz zu stärken.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Esther Lombardini
Expertise Alessandra Hool