Mehr Schweizer Forschung ins All: Florian Kehl über den Aufbau von Weltraummissionen an der ETH Zürich

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Vier Teleskope, die sehr lichtschwache Galaxien extrem lange stabil anvisieren müssen, Detektoren, die dabei bei rund –130 Grad Celsius konstant bleiben: Das Weltraumteleskop ARRAKIHS ist technisch am Limit gebaut. Im Juni 2026 hat die Europäische Weltraumorganisation ESA die Mission zur Umsetzung freigegeben – mit einem Schweizer Beitrag, für den Florian Kehl bis Ende 2025 verantwortlich war. Damit solche Beteiligungen keine Einzelfälle bleiben, braucht es neben guter Forschung auch Strukturen, schlanke Prozesse und Personen, die ganze Missionen auf die Beine stellen. Genau daran arbeitet Kehl heute als Director Space Research Initiatives bei ETH Zurich | Space. Im Gespräch mit der SATW erklärt er, was ARRAKIHS technisch so anspruchsvoll macht, wie kompetitiv die Schweiz um Führungsrollen in europäischen Missionen wirklich ist und warum die Suche nach ausserirdischem Leben für ihn kurz vor einer Antwort stehen könnte.

Florian Kehl ist Director Space Research Initiatives bei ETH Zurich | Space. Bildquelle: zVg.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Durch Kooperation zur Mission: Die ETH Zürich will künftig ganze Forschungs- und Explorationsmissionen ermöglichen – gemeinsam mit anderen Hochschulen und der Industrie, als Enabler und nicht als Konkurrenz.
  • Die Voraussetzungen sind stark, Prozesse können aber noch schneller werden: Die Schweiz verfügt über hervorragende Hochschulen, starke Forschung und ein stabiles Umfeld. ETH Zurich | Space will mit schlanken Prozessen, enger Zusammenarbeit und der Ausbildung neuer Talente dazu beitragen, Entwicklungswege zu verkürzen und Risiken im Raumfahrtsektor gezielt zu reduzieren.
  • Die Frage nach Leben bleibt offen: Die Entdeckung ausserirdischen Lebens würde nicht nur astronomische Erkenntnisse liefern, sondern auch Aufschluss darüber geben, wie Leben entsteht und was es ausmacht. Florian Kehl arbeitet in einer ESA-Expertengruppe für eine künftige Mission zum Saturnmond Enceladus daran mit.

Wenn die Europäische Weltraumorganisation ESA eine Wissenschaftsmission annimmt, ist sie formell zur Umsetzung freigegeben – ein Entscheid, dem Jahre an Konzeptstudien, Designarbeit und Dokumentation vorausgehen. Beim Weltraumteleskop ARRAKIHS, das die schwachen Lichthöfe um Galaxien vermessen und so der Dunklen Materie näherkommen soll, war Florian Kehl jahrelang als Swiss Project Manager und Deputy Instrument Lead an der Universität Zürich engagiert und hat zum Erfolg des Projektes beigetragen: im Juni 2026 hat die ESA die Mission offiziell angenommen. Seit März 2024 ist er Director Space Research Initiatives bei ETH Zurich | Space, der Initiative des früheren NASA-Wissenschaftsleiter Thomas Zurbuchen. Er verantwortet die Forschungsaktivitäten, leitet den Project und Innovation Hub und hat den MSc Space Systems mitaufgebaut. Im Rahmen des SATW-Themenmonats Space erklärt er, wie Missionen entstehen und was die Schweiz für eine führende Rolle in der europäischen Raumfahrt braucht.

Sie sind Director Space Research Initiatives bei ETH Zurich | Space – der Initiative, die der frühere NASA-Wissenschaftsleiter Thomas Zurbuchen mitaufgebaut hat. Was ist die Vision dieser Initiative? Und wie unterscheidet sich Ihre heutige Arbeit von Ihrer früheren Arbeit im Labor?

Unsere Vision ist es, mehr Schweizer Forschung ins All zu bringen. ETH-Forschende haben bereits wichtige Instrumente und Komponenten zu Missionen beigesteuert. Künftig wollen wir aber auch ganze Forschungs- und Explorationsmissionen ermöglichen – gemeinsam mit anderen Hochschulen und der Industrie. Wir sehen uns dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Enabler. Früher stand ich selbst viel im Labor und baute Prototypen. Heute leite ich ein Team aus ca. 20 Ingenieur:innen und Projektleitenden. Gemeinsam entwickeln wir neue Missionsideen, schreiben Anträge, arbeiten mit Forschung, Industrie und Politik zusammen. Zudem gebe ich meine Erfahrung nun auch an Studierende weiter.

Ende 2025 haben Sie die Schweizer Leitung der ESA-Mission ARRAKIHS übergeben, im Juni 2026 hat die ESA die Mission angenommen. Was hat Sie bewogen, von der operativen Missionsarbeit in eine institutionelle Rolle zu wechseln? Und was bedeutet die Schweizer Beteiligung für den hiesigen Weltraumsektor?

Nach Abschluss der ersten grossen Planungs- und Designphase habe ich die Schweizer Leitung von ARRAKIHS übergeben, nachdem wir der ESA die vollständige technische Dokumentation für die nächste Missionsentscheidung eingereicht hatten. Das war ein natürlicher Zeitpunkt, da danach die Industrie stärker einsteigt. Gleichzeitig reizte mich die Chance, bei ETH Space nicht nur an einer Mission, sondern an vielen Projekten und am Aufbau neuer Strukturen mitzuwirken. Umso mehr habe ich mich gefreut, als die ESA ARRAKIHS diesen Sommer offiziell bestätigt hat. Technisch ist die Mission enorm anspruchsvoll: Vier Teleskope müssen extrem lange auf sehr lichtschwache Galaxien zielen, ohne zu «zittern» oder zu «schielen», während die Detektoren bei rund –130 Grad Celsius hochstabil gehalten werden. Für die Schweiz bedeutet das: neue Forschung, industrielle Fähigkeiten und konkrete Aufträge. So wurden beispielsweise Ingenieurstellen für die Entwicklung bei der Universität Zürich, FHNW, HSLU und ZHAW geschaffen und finanziert. Gleichzeitig gingen Aufträge an kleinere Schweizer Raumfahrtfirmen , während Prototypen für das Thermalsystem und die Teleskopstruktur unter anderem bei etablierten Schweizer Raumfahrtunternehmen gebaut wurden.

Sie haben den neuen Studiengang «Master in Space Systems» der ETH Zürich mitaufgebaut. Was unterscheidet diese Ausbildung von klassischen Physik- oder Ingenieurstudiengängen? Und wie stellt die Schweiz damit sicher, dass genügend Fachkräfte für die wachsende Weltraumindustrie nachkommen?

Der «Master of Science in Space Systems» unterscheidet sich von klassischen Physik- oder Ingenieurstudiengängen durch den konsequenten Fokus auf das Gesamtsystem. Es geht nicht nur um einzelne Technologien, sondern darum, wie aus einer wissenschaftlichen Fragestellung eine funktionierende Weltraummission wird und wie Instrumente, Satellit, Kommunikation, Bodenstationen, Betrieb und Daten zusammenspielen. Hinzu kommen Systems Engineering, praktische Projektarbeit und Nachhaltigkeit. So bilden wir gezielt Personen aus, die über Fachgrenzen hinwegdenken und komplexe Weltraumsysteme entwickeln können. Genau solche Profile werden in der stark wachsenden Schweizer Raumfahrt dringend benötigt.

Mit dem ETH Space Project und Innovation Hub unterstützen Sie Forschende dabei, sich Rollen in grossen internationalen Weltraumprojekten zu sichern. Wie kompetitiv ist die Schweiz heute tatsächlich, wenn es um Führungsrollen in Missionen wie ARRAKIHS geht und was müsste sich ändern, damit das Land nicht ins Hintertreffen gerät?

Die Schweiz hat eigentlich fast alles, was nötig ist, um im stark wachsenden Raumfahrtsektor eine führende Rolle zu spielen: hervorragende Hochschulen, starke Forschung, viel technisches Talent, Präzision, Qualität sowie politische und wirtschaftliche Stabilität. Was uns manchmal bremst, sind lange und komplexe Entscheidungsprozesse sowie eine gewisse Risikoaversion, auch bei Investitionen in neue Technologien und junge Unternehmen. . Genau dort setzen wir mit dem ETH Space Project und dem Innovation Hub an: mit schlankeren Prozessen, erfahrenen internationalen Fachleuten, Zusammenarbeit und der Ausbildung neuer Talente. So wollen wir Risiken gezielt reduzieren, ohne dabei die Geschwindigkeit und den Mut für neue Ideen zu verlieren.

Sie haben Ihre Karriere mit der Entwicklung von wissenschaftlichen Instrumenten zur Suche nach ausserirdischem Leben begonnen. Heute verantworten Sie ein ganzes Portfolio von Weltraumprojekten mit zahlreichen Partnern. Was hat sich für Sie verändert und was von Ihrer früheren Arbeit vermissen Sie?

Im tiefsten Innern bin ich immer noch Bastler und Erfinder. Ich liebe es, Prototypen zu entwerfen, zu bauen und zu testen – von Mechanik und Fluidik über Elektronik und Optik bis hin zu Firm- und Software. Heute komme ich selbst kaum noch dazu, selbst mit Lötkolben, Fräsmaschine oder Laser zu arbeiten. Diese Arbeit übernehmen nun Spezialist:innen in meinem Team, Studierende oder Industriepartner. Dafür kann ich an viel mehr Projekten gleichzeitig mitwirken und mit aussergewöhnlich talentierten Menschen zusammenarbeiten. Mit Fachpersonen zu arbeiten, die in ihrem Gebiet zu den Besten der Welt gehören, und dabei noch meinem Kindheitstraum nachzugehen, ist für mich ein grosses Privileg.

Sie haben lange direkt an Instrumenten gearbeitet, die nach Spuren von Leben suchen sollten. Wie hat diese Arbeit Ihre eigene Vorstellung davon geprägt, was Leben überhaupt ausmacht?

Das Leben zu definieren, ist tatsächlich erstaunlich schwierig. Durch meine Arbeit ist es für mich jedoch nicht weniger, sondern sogar noch faszinierender geworden. Die Suche nach ausserirdischem Leben ist eine der ältesten unbeantworteten Fragen der Menschheit. Ich arbeite bis heute daran, unter anderem als Mitglied einer ESA-Expertengruppe für eine künftige Mission zum Saturnmond Enceladus. Ich glaube, dass wir kurz davorstehen könnten, erstmals eine echte Antwort zu finden. Das wäre nicht nur eine astronomische Entdeckung, sondern könnte uns auch dabei helfen, zu verstehen, wie Leben entsteht und was es ausmacht. Wir könnten unsere eigene Biologie besser begreifen, neue Ansätze für die Medizin eröffnen und unseren Platz im Universum neu einordnen.

Zur Person

Florian Kehl ist Director Space Research Initiatives bei ETH Zurich | Space und arbeitet eng mit dessen Direktor Thomas Zurbuchen, dem ehemaligen Wissenschaftsleiter der NASA, zusammen. Er leitet den Project Hub und den Innovation Hub, mit denen Forschende bei der Entwicklung von Technologien, Instrumenten und ganzen Weltraummissionen unterstützt werden. Zudem hat er den neuen Master in Space Systems mitaufgebaut und unterrichtet weiterhin darin. Zuvor leitete Kehl die Space Instruments Group an der Universität Zürich und war Schweizer Projektmanager der ESA-Mission ARRAKIHS. Von 2016 bis 2021 arbeitete er am NASA Jet Propulsion Laboratory an Instrumenten zur Suche nach Spuren ausserirdischen Lebens. Heute ist er weiterhin in internationale Missionen eingebunden, unter anderem in die Planung einer künftigen ESA-Mission zum Saturnmond Enceladus.

Die Schweiz im Weltraum

Raumfahrt ist näher, als sie scheint – und die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle. Im SATW-Themenmonat «Space: Die Schweiz als Raumfahrtnation» finden Sie weitere Geschichten, Entwicklungen und Perspektiven rund um Forschung, Technik und Raumfahrt aus der Schweiz.

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Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Esther Lombardini
Expertise Florian Kehl