Vom Smartphone über die Leistungselektronik in E-Autos bis zur Medizintechnik: Praktisch jede Industrie, jede Dienstleistung und jede wirtschaftliche Tätigkeit setzt heute auf elektronische Schaltkreise und damit auf Halbleiter. Wie die meisten Länder ist die Schweiz dabei vom Ausland abhängig, vor allem von den USA und von Taiwan. Wie verletzlich das macht, zeigte die Covid-19-Pandemie: Als Chips knapp wurden, konnten Schweizer Unternehmen bald keine Werkzeugmaschinen mehr ausliefern. «Fast die gesamte wirtschaftliche Wertschöpfung der Schweiz ist von Halbleiterbauteilen aus dem Ausland abhängig», sagt Adriaan Spierings, Ressortleiter Semiconductors beim Branchenverband Swissmem.
Gleichzeitig hält die Schweiz im internationalen Halbleitermarkt einige Trümpfe in der Hand. Rund 200 Player – geschätzt 160 bis 180 Unternehmen sowie mehrere Forschungsinstitutionen – beschäftigen hierzulande etwa 20'000 Personen. Manche von ihnen stellen Anlagen und Komponenten her, die weltweit in der Chipfertigung eingesetzt werden, auch von den grossen Playern der Branche. Andere fertigen spezialisierte Chips und gehören mit ihren Produkten zur Weltspitze.
Die Stärken liegen dabei konsequent in den Nischen: in der Photonik, in der die Information über Licht statt über Elektronen übertragen wird; in Halbleitermaterialien jenseits von Silizium wie Siliziumcarbid oder Galliumarsenid; und in sehr kleinen, präzisen und energieeffizienten Schaltungen, etwa für Sensorik oder implantierbare Medizintechnik. Einen Massenmarkt wie TSMC, Samsung oder Intel bedienen Schweizer Unternehmen nicht – weltweite Nischenmärkte dagegen sehr erfolgreich. Diese Position ist zudem schwer angreifbar: «Die Herstellung eines Chips ist hochkomplex und beruht auf jahrelanger Entwicklungsarbeit. Er lässt sich nicht einfach so kopieren», betont Jürg Leuthold, Professor für Photonik und Kommunikation an der ETH Zürich und Work-Package-Leiter der Förderinitiative SwissChips.
Genau hier liegt aber auch die grösste Schwachstelle. Die Herstellung von Chips – ob für die Forschung oder für die industrielle Produktion – erfordert Reinräume, die um ein Vielfaches staubfreier sind als ein Operationssaal, sowie spezialisierte und teure Anlagen für häufig 350 und mehr Prozessschritte. In der Schweiz existieren zwar mehrere Reinräume, etwa an der ETH Zürich, an der EPFL, am Paul Scherrer Institut, am CSEM und an der Ostschweizer Fachhochschule. Sie sind jedoch klein und fragmentiert. Viele Unternehmen entwerfen ihre Chips deshalb in der Schweiz und lassen sie gegen hohe Gebühren im Ausland fertigen.
Ein Zusammenschluss von ETH Zürich und Empa, unterstützt von Swissmem und mehreren Unternehmen, will dem mit dem FabLab-Projekt begegnen: einem gemeinsam genutzten Reinraum, der die ganze Wertschöpfungskette abbildet und Firmen zu Non-Profit-Konditionen im Pay-per-Use-Modell offensteht. «Viele andere Länder betreiben solche zentralen Reinräume, und es hat sich gezeigt, dass sie global eines der Erfolgsrezepte der Chipbranche sind», erklärt Leuthold.
Interaktive Infografik
Die Fertigung von Chips ist hochkomplex und gerade in der industriellen Herstellung global vernetzt. Es ist keine Ausnahme, dass Chips vom Produktionsstart bis zur Fertigstellung mehrmals um die Welt reisen.
Einen der fünf Schritte wählen, um mehr darüber zu erfahren.
Mit den Pfeiltasten zwischen den Schritten wechseln.
Schon das Design eines neuen Bauteils benötigt viel Wissen und finanzielle Mittel. Mitunter müssen Forschende und Unternehmen eigens neue Software entwickeln, damit sie für ihre Produkte aus neuen Materialien und Technologien überhaupt ein Design erarbeiten können.
Die Herstellungsprozesse für neue Halbleiter-Bauteile müssen zunächst entwickelt werden. Schon dafür und später für die vielen Produktionsschritte benötigt es Materialien mit bestimmten Eigenschaften sowie spezialisierte Anlagen in Reinräumen – für die Fertigung der Chips, aber auch etwa, um Prozessgase bereitzustellen und zu überwachen.
Die Produktion der Bauteile verläuft mittels chemischer und physikalischer Verfahren in langen Prozessketten, die in jahrelanger Arbeit entwickelt und getestet werden müssen.
Auch die Bauteile selbst müssen nach der Herstellung geprüft und charakterisiert werden. Hierfür braucht es spezialisierte Messmethoden und -geräte.
Schliesslich gilt es, die neuen Bauteile mit anderen Komponenten zu verbinden, sie etwa in ein Computerboard zu integrieren. Erst dadurch wird die Technologie industriell einsetzbar und für einen breiten Markt geöffnet.
Der zweite Engpass sind qualifizierte Fachkräfte. Das Hochschul- und Start-up-Umfeld ist hochmobil; Forschende und Gründende wandern ab, wenn sie anderswo bessere Bedingungen finden. Dazu kommt der internationale Druck: Die USA investieren 50 Milliarden Dollar in die eigene Chipindustrie, Japan 65 Milliarden, die EU unterstützt Halbleiter-Start-ups mit insgesamt 43 Milliarden Euro. Eine direkte Industrieförderung kennt die Schweiz nicht – Schweizer Firmen kämpfen also mit kürzeren Spiessen. Mit der SwissChips-Initiative hat der Bund immerhin 30 Millionen Schweizer Franken für die nationale Halbleiterförderung bereitgestellt, vorerst befristet auf drei Jahre, und mit der «Swiss Chip Strategy» hat der Bundesrat 2026 zentrale Handlungsfelder benannt.
Offen zugängliche Reinraum-Infrastruktur: Ein zentrales, für Hochschulen, Start-ups und Unternehmen zugängliches FabLab bündelt teure Anlagen, verkürzt Entwicklungszyklen und senkt die Kosten für Forschung und Entwicklung.
Ausbildung und Fachkräfte: Zusätzliche Halbleiter-Professuren und attraktive Bedingungen sorgen dafür, dass in der Schweiz ausgebildetes Know-how auch hier zur Wertschöpfung beiträgt.
Pilotierung statt Direktzahlungen: Swissmem plädiert nicht für Subventionen an einzelne Unternehmen, sondern für Pilotierungsmöglichkeiten sowie Zugang zu geeigneten Anlagen und Finanzierung, damit vielversprechende Entwicklungen in der Schweiz industrialisiert werden.
Konsequente Nischenstrategie: Photonik, alternative Halbleitermaterialien und energieeffiziente Schaltungen sind die Felder, in denen die Schweiz international unverzichtbar bleiben kann.
Internationale Anschlussfähigkeit: Zugang zu Märkten und Forschungsprogrammen, resiliente Lieferketten und attraktive regulatorische Rahmenbedingungen sichern die Position im globalen Ökosystem – nicht zuletzt als Argument in Verhandlungen, etwa über Zölle.
Über Massenfertigung wird die Schweiz im globalen Halbleitermarkt nicht konkurrieren. Ihr Erfolg entscheidet sich nicht an der Grösse der Fabriken, sondern an der Fähigkeit, Forschung, Talente, Infrastruktur und Industrie zu einem leistungsfähigen Innovationsökosystem zu verbinden. Gelingt das, kann die Schweiz ihre technologische Souveränität stärken und in globalen Wertschöpfungsketten eine unverzichtbare Position einnehmen.
Das Factsheet gibt einen Überblick über die Schweizer Halbleiterbranche: über ihre Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern, ihre Stärken in hoch spezialisierten Nischen und die Engpässe, die ihre Weiterentwicklung bremsen. Es zeigt auf, welche Handlungsfelder für den Halbleiterstandort Schweiz entscheidend sind.
Sie umfasst geschätzt 160 bis 180 Unternehmen sowie mehrere Forschungsinstitutionen, insgesamt rund 200 Player mit etwa 20'000 Beschäftigten. Die Schweizer Exporte in den Sparten «Maschinen und Elektronik» beliefen sich 2024 auf 32,1 Milliarden Schweizer Franken, die Importe auf 32,9 Milliarden Schweizer Franken (Quelle: Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit BAZG).
In den Nischen: bei Photonik-Chips, bei Halbleitern aus anderen Materialien als Silizium – etwa Siliziumcarbid oder Galliumarsenid – sowie bei sehr kleinen, präzisen und energieeffizienten Schaltungen. Dazu kommen Unternehmen, die Anlagen und Komponenten für die weltweite Chipfertigung liefern, und eine hochstehende Forschungslandschaft, aus der immer wieder Start-ups hervorgehen.
Die Chipfertigung erfordert Reinräume mit spezialisierten, teuren Anlagen für häufig 350 und mehr Prozessschritte. In der Schweiz sind die vorhandenen Reinräume klein und fragmentiert, was ihre laufende Anpassung an neue Verfahren für jeden einzelnen Betreiber teuer macht. Viele Unternehmen entwerfen ihre Chips deshalb hier und lassen sie gegen hohe Gebühren im Ausland fertigen.
Ein Zusammenschluss von ETH Zürich und Empa mit Unterstützung von Swissmem und mehreren Unternehmen. Ziel ist ein gemeinsam genutzter Reinraum, der die ganze Wertschöpfungskette der Halbleiterproduktion abbildet und Firmen im Pay-per-Use-Modell zu Non-Profit-Konditionen offensteht.
Die Spannungen zwischen den USA und China führen zu einer teilweisen Aufspaltung des Halbleiter-Ökosystems. Zahlreiche Staaten investieren zweistellige Milliardenbeträge in ihre Chipindustrie, während die Schweiz keine direkte Industrieförderung kennt. Mit der SwissChips-Initiative hat der Bund 30 Millionen Schweizer Franken bereitgestellt, befristet auf drei Jahre.
An Entscheidungsträger:innen in Industrie, Verbänden, Forschung und Politik, die sich mit dem Halbleiterstandort Schweiz, mit Technologietransfer und mit Versorgungssicherheit befassen.
Es wurde von Dr. Santina Russo und Annika Müller im Auftrag der SATW verfasst und basiert auf Interviews mit fünf Expert:innen aus Forschung und Industrie.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Editorial staff | Esther Lombardini, Stefan Scheidegger |
| Text von | Annika Müller, Santina Russo |
| Expertise | Christofer Hierold, Jürg Leuthold, Heike Riel, Johannes Schumm, Adriaan Spierings |
| Konzept | Ester Elices, Peter Seitz |