Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:
Kunststoff ist die grosse Baustelle: Beim PET-Recycling ist die Schweiz mit 82 Prozent international führend, über alle Kunststoffe hinweg liegt die Recyclingquote aber bei nur 9 Prozent der Grossteil der jährlich rund 830'000 Tonnen wird verbrannt. Chemisches Recycling und KI-gestützte Sortierung könnten das ändern.
Phosphor kommt vermehrt aus der Kläranlage: Die Schweiz ist beim lebenswichtigen Pflanzennährstoff vollständig importabhängig. Seit 2026 gilt eine Rückgewinnungspflicht aus Klärschlamm und Tiermehl; ergänzend zeigt die Urinseparierung am Beispiel des Düngers Aurin einen dezentralen Weg auf.
Batterien erhalten ein zweites Leben: Modual baut aus ausgedienten Fahrzeugbatterien stationäre Solarspeicher und hat davon in der Schweiz bereits mehrere Hundert installiert. Die Berner Fachhochschule erforscht parallel mit einer E-Bike-Flotte, wie sich Batteriealterung verlangsamen und die Restlebensdauer zuverlässig prognostizieren lässt.
Elektroschrott ist eine Goldmine: ETH-Forschende gewinnen mit Schwämmen aus Molkenproteinen – einem Nebenprodukt der Käseherstellung – hochreines Gold aus alten Leiterplatten. Aus zwei Abfallströmen entsteht wertvolles Edelmetall.
Seltene Erden im Kreislauf stärken die Unabhängigkeit: Heute wird weniger als ein Prozent der seltenen Erden rezykliert. Das ETH-Spin-off REEcover gewinnt aus alten Leuchtstoffröhren Europium zurück.
Wissen ist da, Infrastruktur fehlt: Die Schweiz verfügt über Forschung, Unternehmen und Erfindergeist für eine echte Kreislaufwirtschaft. Entscheidend sind nun nationale Sammelsysteme, kluge Rahmenbedingungen und ein erweitertes Verständnis von Recycling als Schlüsseltechnologie.
Die Schweiz gilt als «Recycling-Weltmeisterin», so der Mythos.Eine detaillierte Analyse zeigt ein differenzierteres Bild: In manchen Bereichen ist die Schweiz tatsächlich international führend, in anderen hinkt sie überraschend weit hinterher. Der Technology Outlook der SATW nimmt den Stand der Dinge unter die Lupe und stellt die Menschen und Unternehmen vor, die am Recycling der Zukunft mitwirken.
Nirgends zeigt sich der Schweizer Widerspruch deutlicher als beim Plastik. Beim PET-Recycling ist die Schweiz mit einer stofflichen Verwertungsquote von 82 Prozent international an der Spitze. Über alle Kunststoffe hinweg sieht die Bilanz jedoch ernüchternd aus: Von den jährlich anfallenden rund 830'000 Tonnen Kunststoffabfällen wird der Grossteil schlicht verbrannt. Effektiv rezykliert werden nur etwa 72'000 Tonnen – eine Quote von 9 Prozent, mit der die Schweiz im internationalen Vergleich weit hinten liegt.
Das Problem ist weniger der fehlende Wille als die fehlende Infrastruktur: Für Kunststoffe wie Polyethylen oder Polypropylen existieren keine nationalen Recyclingsysteme, und Gemischtsammlungen müssen zur Sortierung ins Ausland transportiert werden. Dabei würde sich der Aufwand lohnen. Rezyklate senken den CO2-Fussabdruck von Kunststoff über den ganzen Lebenszyklus massiv und jedes Kilogramm wiederverwertetes Material spart rund drei Liter Erdöl.
Die gute Nachricht: Innovationen aus der Schweiz könnten das Blatt wenden. KI-gestützte Infrarotsortierung verspricht deutlich präzisere Trennung von Kunststoffgemischen(siehe als Beispiel Müller Recycling und das Walliser Start-up Depoly hat ein chemisches Verfahren entwickelt, das Kunststoffe in ihre molekularen Grundbausteine zerlegt – selbst gemischte Abfälle lassen sich so zu neuwertigen Produkten verarbeiten. In Monthey entsteht dazu eine erste Demonstrationsanlage.
Weit weniger im öffentlichen Bewusstsein, aber strategisch mindestens so wichtig ist das Recycling von Phosphor. Der Pflanzennährstoff ist unverzichtbar für unsere Ernährung und die Schweiz ist heute vollständig auf Importe angewiesen, meist aus Minen in Marokko, China oder Russland, wo der Abbau Umwelt und Gesundheit belastet. Gleichzeitig spülen wir jedes Jahr Tausende Tonnen Phosphor buchstäblich die Toilette hinunter oder entsorgen sie mit Schlachtabfällen.
Seit 2026 gilt in der Schweiz eine Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm und Tiermehl. Grosstechnische Anlagen sind in Bazenheid, Zuchwil und Oftringen in Planung oder im Aufbau. Parallel dazu verfolgen Forschende einen zweiten, dezentralen Weg: die Urinseparierung. Die Eawag hat berechnet, dass sich mit der Separierung von nur einem Fünftel des anfallenden Urins rund 15 Prozent der Mineraldüngerimporte ersetzen liessen. Dass das funktioniert, beweist der aus Urin gewonnene Flüssigdünger Aurin – der weltweit erste zugelassene Dünger dieser Art, entwickelt in der Schweiz. Wie solche Nährstoffkreisläufe in der Praxis aussehen, zeigt etwa der Showcase «Nährstoffe sammeln statt wegspülen».
Die Elektromobilität boomt. Was geschieht mit den Batterien, wenn sie nicht mehr fürs Fahren taugen? Bereits bei einer Restkapazität von 80 Prozent gelten sie als ungenügend und werden ersetzt; global werden Schätzungen zufolge nur 5 bis 15 Prozent aller Batterien korrekt rezykliert. Dabei steckt in ihnen noch reichlich Leistung.
Eine Schweizer Antwort darauf kommt aus Brunnen am Vierwaldstättersee. Die Modual-Gründer erkannten, dass die Restkapazität ausgedienter Fahrzeugbatterien für stationäre Energiespeicher völlig ausreicht und begannen 2020,im Keller zu experimentieren – mit Batterien aus den dreirädrigen Postzustellfahrzeugen von Kyburz Switzerland. Heute hat das Unternehmen in der Schweiz mehrere Hundert Anlagen installiert, alle am Firmensitz gefertigt, mit Kapazitäten zwischen 11,5 und 368 Kilowattstunden. Eine eigene Software unterzieht die Zellen periodisch einem «Wellness-Programm», um ihre Restlebensdauer zu optimieren. Als Nächstes stehen Grossspeicher ab 500 Kilowattstunden an, die zu virtuellen Kraftwerken zusammengeschlossen die Netzstabilität stützen könnten.
Noch früher setzt die Berner Fachhochschule an: Mit einer Flotte von 200 E-Bikes des Herstellers Thömus erforscht sie, welche Bedingungen Batterien schneller altern lassen. Diese Fragestellung ist eine wichtige Voraussetzung für verlässliche Prognosen zur Restlebensdauer und damit für Geschäftsmodelle rund um die Zweitnutzung. Eingebettet ist die Arbeit in das Innosuisse-Projekt CircuBAT. Wie sich der Kreislauf am Ende schliesst, zeigt der Showcase zur Demontage von Batterien mithilfe KI-unterstützter Robotik.
Dass Abfall wortwörtlich Gold wert sein kann, demonstriert die Forschung der ETH Zürich. Elektronikschrott enthält Gold in einer Konzentration, die diejenige von Goldminen um ein Hundertfaches übersteigt. Trotzdem wird global nur ein Bruchteil davon zurückgewonnen. Das Team um Professor Raffaele Mezzenga hat dafür eine ebenso elegante wie überraschende Lösung gefunden: Molke, ein Abfallprodukt der Käseherstellung. Aus den Molkenproteinen stellen die Forschenden hochporöse Schwämme her, die Goldionen aus aufgelöstem Elektronikschrott mit erstaunlicher Selektivität binden. Aus 20 alten Computer-Hauptplatinen entstand so ein Goldnugget von 450 Milligramm mit einer Reinheit von 22 Karat: aus zwei Abfallströmen wird wertvolles Edelmetall. Wie die Industrie das Thema angeht, zeigt der Showcase «Gold gewinnen aus Elektronikschrott».
Ähnlich zukunftsweisend ist die Arbeit von Marie Perrin, die während ihres Doktorats an der ETH Zürich ein Verfahren entwickelt hat, um Europium – ein Metall der seltenen Erden – aus alten Leuchtstoffröhren zurückzugewinnen. Das ist brisant: Seltene Erden stecken in praktisch jedem elektronischen Gerät, stammen aber zu rund 70 Prozent aus chinesischen Minen. Bislang wird weniger als ein Prozent davon rezykliert. Perrins Methode trennt Europium um ein Vielfaches treffsicherer als bisherige Verfahren. Mit ihrem Spin-off REEcover arbeitet die mehrfach preisgekrönte Forscherin nun an der Skalierung – ein Schweizer Beitrag zu einem Ziel, das sich auch die EU gesetzt hat: mehr Unabhängigkeit bei kritischen Rohstoffen.
Der Blick in den Technology Outlook zeigt: Die Schweiz verfügt über das Wissen, die Unternehmen und den Erfindergeist, um Abfallströme in Rohstoffquellen zu verwandeln. Was es jetzt braucht, sind die passende Infrastruktur, kluge Rahmenbedingungen und das Bewusstsein, dass Recycling weit mehr ist als Flaschensammeln – nämlich eine Schlüsseltechnologie für Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wertschöpfung im Inland.
Neugierig geworden? Der Technology Outlook der SATW bietet fundierte Einblicke in diese und viele weitere Technologien und Showcases – recherchiert mit Expert:innen aus Hochschulen und Industrie:
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Expertise | Christian Holzner, Matthias Meili, Stefan Scheidegger, Claudia Schärer |
| Text von | Esther Lombardini |