Als die ESA-Sonde Rosetta 2014 den Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko erreichte, war ein Berner Instrument an Bord: das Massenspektrometer ROSINA, geleitet von Prof. Kathrin Altwegg. Es lieferte den bis heute detailliertesten chemischen Fingerabdruck eines Kometen und Hinweise darauf, dass die Bausteine des Lebens im All weiter verbreitet sind als bisher angenommen. Altwegg ist emeritierte Professorin für Weltraumforschung an der Universität Bern, leitete von 2011 bis 2016 das Center for Space and Habitability und ist seit 2021 Mitglied der SATW. Im Juli 2026 war sie Gast der SRF-Sommerserie «25 Jahre Tagesgespräch» und gab dort Einblick in ihre Forschung. Sie ist überzeugt: Bemannte Raumfahrt sei für die Forschung nicht zielführend und die Chance auf Leben im All sei gross. Im Rahmen des SATW-Themenmonats Space beantwortet sie Fragen und ordnet ihre Thesen ein.
Sie sagten kürzlich, bemannte Raumfahrt sei für die Forschung nicht zielführend, weil menschliche Spuren beispielsweise Resultate verfälschen würden. Ist der aktuelle Boom bemannter Mond- und Marsprogramme aus wissenschaftlicher Sicht also eher ein Rückschritt?
Mit jeder unbemannten Raumsonde transportieren wir Material von der Erde ins All, auf den Mond oder Mars. Darunter sind auch Bakterien und Viren. Das lässt sich nicht vermeiden. Von der Internationalen Raumstation ISS wissen wir, dass gewisse Bakterien die Bedingungen im All über viele Jahre überleben können. Noch viel gravierender wird allerdings das Problem mit bemannter Raumfahrt. Die Menschheit hat auf dem Mond schon mehr als 200 Tonnen Müll hinterlassen, darunter auch Fäkaliensäcke der Apollo-Astronauten, voll von Bakterien. Damit ist der Mond nicht mehr wirklich unberührt. Zudem ist bemannte Raumfahrt extrem teuer, ein Vielfaches teurer als robotische Missionen. Überall auf der Erde versuchen wir, Prozesse mit Robotern zu erledigen. Ausgerechnet im lebensfeindlichen Weltall wollen wir dafür Menschen einsetzen. Das ergibt aus wissenschaftlicher Sicht keinen Sinn.
Sie warnen zudem, dass ab 2032 jedes zweite Jahr ein Mensch durch herabfallenden Weltraumschrott sterben könnte. Wie ernst ist diese Gefahr wirklich? Und wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung, wenn private Unternehmen ungebremst neue Satelliten ins All schiessen?
Diese Zahl stammt von der US-Federal Aviation Administration (FAA) in einem Bericht von 2023 an den US-Kongress. Dieser Bericht ist wahrscheinlich schon längst veraltet, wird doch beispielsweise die Masse eines Starlink-Satelliten auf 286 Kilogramm geschätzt, während die vor Kurzem mit Starship gestarteten Satelliten 1700 Kilogramm wogen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich persönlich als Individuum durch ein Stück Weltraumschrott getroffen werde, ist viel kleiner, als dass ein Blitz mich trifft. Aber der Weltraumschrott ist menschengemacht und liesse sich vermeiden. Ich nehme an, beim ersten Menschen, der so ums Leben kommt, wird der Aufschrei riesig sein. Verantwortlich sind laut dem UNO-Weltraumvertrag (Outer Space Treaty) der Staat und die Behörde, die das erlaubt haben, also bei Starlink die US-FAA. Die ungebremste Aktivität im Weltall hat allerdings noch weit mehr negative Auswirkungen.
Welche zum Beispiel?
Alle Kommunikationssatelliten sind auf sehr ähnlichen Bahnen in puncto Höhe unterwegs. Das führt direkt zu Dichtestress und erhöht die Chance auf Kollisionen. SpaceX musste innerhalb eines Jahres mehr als 355’000 Ausweichmanöver durchführen, und die Tendenz ist steigend. Früher oder später wird es zu Kollisionen kommen, wodurch die Zahl des Weltraumschrotts exponentiell wächst. Das birgt die Gefahr, dass in diesen Umlaufbahnen bald keine Satelliten mehr existieren können. Zudem wird es für Raumsonden – insbesondere für bemannte – immer gefährlicher, auf dem Weg zum Mond diese Region zu durchqueren. Ein weiteres ungelöstes Problem ist das Verglühen von Raumschrott in unserer Atmosphäre. Bislang ist unklar, welche Auswirkungen Russteilchen in der oberen Atmosphäre haben. Dabei spielt viel Aluminiumoxid eine Rolle, ein Ozon-Killer. Schlussendlich könnten die Pläne von Elon Musk und anderen Firmen das Ende der bodengestützten Astronomie bedeuten. Werden wir in Zukunft nur noch Satelliten statt Sterne und Planeten sehen?
Mit den ROSINA-Daten der Rosetta-Mission haben Sie Hinweise auf lebensrelevante Moleküle auf Kometen gefunden und sagen, die Chance auf Leben im All sei gross. Woher kommt diese Zuversicht? Was fehlt uns noch, um eine solche Entdeckung tatsächlich zu belegen?
Kometen sind die ursprünglichsten Himmelskörper in unserem Sonnensystem. Sie sind weit weg von der Sonne entstanden und extrem gut tiefgekühlt. Die Hypothese war, dass solche primitiven Körper nur kleine, einfache Moleküle enthalten und komplexere Moleküle erst auf Planeten entstehen. Wir haben jedoch eine grosse Menge komplexer organischer Moleküle nachgewiesen. Die Moleküle des Kometen sind abiotisch, also ohne Beteiligung von Leben, entstanden. Die meisten dieser Moleküle sind älter als das Sonnensystem und somit «universell». Ein Teil dieser Moleküle kann mit Radioteleskopen und dem James-Webb-Weltraumteleskop auch im interstellaren Raum nachgewiesen werden. Was also auf der Erde passierte, kann durchaus auch auf einem der unzähligen anderen Planeten im All passiert sein. Allerdings fehlen uns bis heute Moleküle, die eineindeutig Leben bezeugen können. Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen, bevor wir behaupten können, auf dem Exoplaneten XY gäbe es Leben.
Ein Teil der ROSINA-Daten wird bis heute ausgewertet. Welche offenen Fragen oder möglichen neuen Erkenntnisse stecken noch in diesem Datensatz? Woran arbeiten Sie und Ihr Team aktuell konkret?
Derzeit analysieren wir stickstoffhaltige organische Moleküle und versuchen, ihre Entstehungsgeschichte zu rekonstruieren. Sie sind präbiotisch relevant. Bisher haben wir nur einen kleinen Teil der Missionsdaten ausgewertet, da dies vorwiegend Handarbeit ist. Deshalb sind weitere Pläne die Auswertung eines grösseren Teils der zwei Millionen Massenspektren mithilfe von KI. Das soll dabei helfen, Kometendaten mit Daten von Asteroidenmissionen, dem Saturnring und den Jupitermonden zu vergleichen und so ein besseres Bild der Vorgänge im frühen Sonnensystem zu erhalten. Die Forschung bleibt spannend.
Rosetta war eine ESA-Mission mit Beteiligung vieler Länder und Jahrzehnten an Planung, Bau und Betrieb. Was bedeutet es praktisch, ein wissenschaftliches Schlüsselinstrument einer solchen internationalen Grossmission zu leiten? Welche Rolle soll die Schweiz künftig bei solchen europäischen Missionen spielen?
Bei einer so grossen und langen Mission ist vor allem Geduld gefragt: Geduld der Forschenden, aber auch Geduld der Geldgeber. Während des Baus von Instrumenten und in der Flugphase sind Publikationen eher spärlich. Benötigt werden eine gute Infrastruktur, langfristige Kontinuität, kein «Hüst und Hott», technische Mitarbeitende, die über längere Zeit dabei sind, und natürlich ein gutes internationales Netzwerk. Zusammen mit der Schweizer Industrie sind wir in der Lage, Messinstrumente an vorderster technischer Front zu entwickeln. Die Schweiz war bei solchen Missionen sehr erfolgreich, insbesondere dank des PRODEX-Programms – nicht nur bei Rosetta. Damit das so bleibt, müssen die Rahmenbedingungen flexibel bleiben und eine riesige Administration vermeiden, sodass man sich wirklich auf Hardware, internationale Kooperation und Industriezusammenarbeit konzentrieren kann.
Sie sagen, wir verstünden bislang erst fünf Prozent des Universums und erwarten dank künstlicher Intelligenz wichtige neue Erkenntnisse, etwa zur Dunklen Materie. Wie verändert KI die Astrophysik gerade? Wo sehen Sie auch Risiken dieser Entwicklung?
Im Moment sind mehrere Teleskope im Bau, in Betrieb auf der Erde oder im Weltall wie beispielsweise Euclid, Nancy Grace Roman Space Telescop oder das Vera C. Rubin Observatory. Sie alle haben die Aufgabe, die Natur der dunklen Materie und der dunklen Energie zu erforschen, die wir bis heute nicht verstehen. Diese Teleskope liefern riesige Datenmengen – zwischen 10 bis 20 Terabyte pro Nacht –, die man ohne KI nicht bearbeiten kann. Was auffällt, ist, dass sehr viele Forschende den Himmel nur noch vom Computer her kennen. Es ist einfacher, Modellparameter zu variieren und damit Publikationen zu produzieren, als sich mit den physikalischen Grundlagen und mit Hardware zu befassen. Mit KI wird das gefährlich, da die KI nicht «kritisch denken» kann, sondern einfach Muster erkennt. Vielleicht ist das Muster aber eine Eigenheit des Teleskops und nicht des Himmels. Ohne eigenständiges Denken der Forschenden wird dies zu unwissenschaftlichen Ergebnissen führen.
Sie werfen die Frage auf, welches Leben mehr zähle: jenes auf der Erde oder jenes auf einem fremden Himmelskörper, wenn wir dort mit bemannten und unbemannten Missionen möglicherweise Leben zerstören könnten. Wie sind Sie persönlich zu dieser Haltung gelangt?
Als Direktorin des Center for Space and Habitability der Universität Bern hatte ich die Auflage der Universitätsleitung, interdisziplinär zu arbeiten. Wir haben das ernst genommen und mit den Theolog:innen das Gespräch gesucht. Damit wurde Ethik zu einem zentralen Thema und damit die Frage, welches Leben wertvoller ist, das irdische oder das ausserirdische. Meine Antwort ist klar: Leben auf anderen Planeten ist gleichwertig. Wir wissen aber auch spätestens seit der Corona-Pandemie, wie ein neues Virus Leben sehr schnell gefährdet. Bevor wir also auf anderen Planeten landen, müssen wir sicherstellen, dass wir Leben, sofern vorhanden, dort nicht in Gefahr bringen. Umgekehrt, wenn wir Material von anderen Himmelskörpern auf die Erde bringen, müssen wir sicher sein, dass wir dadurch das irdische Leben nicht gefährden. Bei Apollo 11 mussten deshalb die Astronauten nach der Mission 21 Tage in Quarantäne. Nachträgliche Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass diese Quarantäne völlig ungenügend war und eine Verunreinigung der Erde mit allfälligen Mondviren in keiner Weise verhindert hätte.
Mit dem Nachweis von Bausteinen des Lebens auf einem Kometen rühren Sie an die Frage, was «Leben» im chemischen Kern eigentlich bedeutet. Wo verläuft für Sie persönlich die Grenze zwischen komplexer Chemie und Leben?
Für die Entwicklung von Leben, wie wir es kennen, sind vier Zutaten notwendig: flüssiges Wasser, Energie, organische Moleküle und Zeit. Auf Kometen finden sich zwei dieser Zutaten: organisches Material und Zeit. Aber das allein reicht noch nicht für die Entstehung von Leben aus. Es gibt verschiedene Definitionen von Leben, aber keine ist vollständig. Es braucht Metabolismus, Reproduktion, Evolution, Homöostase usw. Die beste Definition stammt von einem Philosophen: «Leben erkennt man anhand seiner Auswirkungen.» Damit ist es ähnlich wie beim physikalischen Begriff der Kraft. Wir erkennen Leben, wenn wir ihm begegnen. Kometen sind unbelebt, da ihnen flüssiges Wasser fehlt. Ob wir je aus unbelebter Materie Leben erschaffen können, weiss ich nicht. Ich hoffe, dass uns dieser Schritt verborgen bleibt. Nicht auszudenken, was die Menschheit damit anrichten würde!
Sie waren eine der ersten Physikerinnen der Schweiz und haben mit Rosetta einen der grössten Erfolge der europäischen Raumfahrt mitgeprägt. Was wünschen Sie sich, dass die nächste Generation von Weltraumforschenden anders macht als Ihre?
Weltraumforschung ist Teamarbeit. Wenn ich auf meine Vorgänger, die Professoren Johannes Geiss und Hans Balsiger, zurückblicke, dann haben sie vieles richtig gemacht. Sie haben uns Promovierenden und Postdocs viel Verantwortung und Freiheiten gegeben, waren äusserst gute Lehrkräfte und haben uns unterstützt, wo immer sie konnten. Sie haben Techniker, Sekretärinnen und Mechaniker genauso respektiert wie Wissenschaftler:innen. Diese Eigenschaften sind in meiner Generation etwas weniger anzutreffen. Ich hoffe, dass zukünftige Generationen diese Eigenschaften vermehrt mitbringen und verstehen, dass es nicht nur um den eigenen Erfolg, sondern um den Erfolg des gesamten Teams geht. Als Frau hoffe ich natürlich, dass Frauen und Männer gleichberechtigt im Team vertreten sind, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen in der Weltraumforschung tätig sind – auch in führenden Positionen – und dass sie ernst genommen werden.
Kathrin Altwegg ist Astrophysikerin und emeritierte Professorin für Weltraumforschung an der Universität Bern sowie ehemalige Direktorin des Center for Space and Habitability. Sie leitete das Massenspektrometer ROSINA an Bord der ESA-Kometensonde Rosetta und lieferte damit zentrale Erkenntnisse zur Zusammensetzung von Kometen und zu möglichen lebensrelevanten Molekülen im All. In den 1970er-Jahren war sie eine der ersten Frauen, die in der Schweiz Physik studierten.
2021 wurde sie als Einzelmitglied in die SATW aufgenommen – in Anerkennung ihrer Pionierrolle in der Erforschung von Kometen und ihres Engagements für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf allen Stufen.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise | Kathrin Altwegg |