Abbmira Therapeutics existiert seit September 2024 und hat weder ein eigenes Labor noch klassische Büroräume. Was nach einem Widerspruch klingt, ist für Julia Biwer das bewusst gewählte Modell: Ein schlankes, virtuelles Start-up, das auf das dichte Netzwerk von Fachpersonen des Basler Life-Sciences-Clusters setzt. Im Gespräch mit der SATW erklärt die Ökonomin, warum das Basler Ökosystem dafür ideal ist und wo es trotzdem an seine Grenzen stösst.
Frau Biwer, Sie haben Ökonomie studiert und später fünf Jahre am Universitätsspital Basel gearbeitet. Dann haben Sie ein Biotech-Start-up gegründet. Was hat Sie dazu gebracht?
Mich hat immer die Frage angetrieben, wie man Innovation in Wirkung für Patientinnen und Patienten übersetzt. Das Ökonomiestudium hat mir das wirtschaftliche Verständnis vermittelt und am Universitätsspital habe ich die medizinische Realität kennengelernt. Nach dem Studium am European Center of Pharmaceutical Medicine in Basel war die Gründung eines Biotech-Start-ups dann der logische nächste Schritt: Forschung in konkrete Lösungen zu überführen, die das Leben von Menschen verbessern können. Mein persönlicher Antrieb war nie der Wunsch, Unternehmerin zu werden, sondern der Wunsch, etwas zu bewegen. Wir alle sind irgendwann von Krebs betroffen. Wenn dies passiert, merkt man, dass die vorhandenen Behandlungsoptionen vielfältiger und patientenfokussierter sein könnten.
«Man kann mit minimalen Ressourcen wissenschaftlich vorankommen, wenn man die richtigen Leute im Netzwerk hat.»
Julia Biwer, Abbmira TherapeuticsAbbmira arbeitet ohne eigenes Labor, rein virtuell. Wie funktioniert das im Alltag?
Das ist eigentlich ein Modell, das sich in der Biotech-Branche immer stärker durchsetzt und ich halte es für das klügste für die frühe Phase. Man baut keine Fixkosten auf: kein Labor, kein Equipment, keinen Head Count. Wenn Geld hereinkommt, fliesst es direkt in die Forschung.
Was es dafür braucht, ist ein hervorragendes Netzwerk. Und da hilft Basel enorm: Es gibt hier viele hoch qualifizierte Fachleute aus der Branche – teils auf «Garden Leave», teils in der Restrukturierung –, die sich für Start-ups interessieren und ihr Wissen einbringen wollen. Diesen Wissenspool findet man so nirgendwo sonst in der Schweiz.
Sie sagen, Risikokapital sei in der Schweiz schwer zu bekommen. Warum ist das so?
Das ist eine strukturelle und eine kulturelle Frage. Kulturell ist die Schweiz traditionell ein Finanzstandort, aber das Geld liegt auf der Bank oder in sicheren Anlagen, nicht in Venture Capital. Das fängt beim Individuum an und geht bis zu institutionellen Anlegern wie Pensionskassen.
In den USA investieren Pensionskassen und institutionelle Anleger selbstverständlich in Risikokapital. In der Schweiz ist das selten und häufiger erst in späteren Wachstumsphasen. Das führt dazu, dass wir im Biotech-Bereich nur wenige Programme haben, die direkt in Start-ups investieren: zum Beispiel BaseLaunch, das auf Biotech spezialisiert ist. Das ist eine gute Initiative, aber es werden jährlich drei bis vier Firmen ausgewählt. Dänemark fördert mit einem vergleichbaren Programm 20 bis 30 Firmen pro Jahr, dabei ist Dänemark nicht wesentlich grösser als die Schweiz.
Inzwischen gibt es eine Initiative namens Deep Tech Nation Switzerland, die das ändern will. Ich finde das wichtig. Aber wir sind noch ein gutes Stück davon entfernt, dass Pensionskassen wirklich in Venture Capital fliessen lassen.
Was bedeutet das für Ihre eigene Finanzierungssituation?
Wir finanzieren uns derzeit durch einen bilateralen Innosuisse-Grant mit einer Forschungsgruppe in Warschau sowie durch das eigene Investment der drei Gründer:innen. Wir stecken also auch unser eigenes Geld hinein. Seit Ende Mai 2026 ist unsere erste externe Pre-Seed-Runde für Business Angels und Family Offices offen. Einige Investments wurden bereits platziert. Das ist ein wichtiger Schritt.
Unser Ziel ist es, ein möglichst attraktives Datenpaket bis Phase 1 zu generieren. Die erste klinische Phase kostet bereits rund dreissig Millionen Franken – das ist für ein Biotech-Unternehmen mit institutionellen Investoren gerade noch finanzierbar. Die zweite und dritte Phase kosten dreistellige Millionenbeträge. Das kann nur Big Pharma stemmen. Deshalb ist Big Pharma nicht unser Konkurrent, sondern unser Partner.
Basel hängt stark von Novartis und Roche ab. Sehen Sie das als Risiko?
Ja, und das ist etwas, das aus meiner Sicht zu wenig diskutiert wird. Der Standort Basel ist unglaublich reich an Fachwissen, eben weil diese beiden Unternehmen hier ansässig sind. Viele hoch qualifizierte Fachleute, die aus Novartis oder Roche kommen, sind ein Reservoir, von dem wir als Start-up direkt profitieren.
Aber wenn diese Firmen eines Tages gehen würden – Worst Case –, dann hätte Basel nicht nur ein massives Steuerproblem. Es würde auch enormes Know-how und Attraktivität verlieren. Boston ist in dieser Hinsicht robuster: Dort sitzen alle grossen Pharmafirmen, die globale Präsenz ist so breit, dass die Abhängigkeit von ein oder zwei Playern viel geringer ist. Wir sollten in Basel bestrebt sein, eine mit Boston vergleichbare breitere Basis aufzubauen.
«‹Sculpturing the immune system› bedeutet, das Immunsystem so zu beeinflussen, dass es Krankheiten aktiv bekämpft, nicht nur unterdrückt.»
Julia Biwer, Abbmira TherapeuticsWas ist die Vision hinter Abbmira und wo sehen Sie das Unternehmen in fünf Jahren?
Unser grosses Ziel ist es, das angeborene Immunsystem gegen Krebs zu aktivieren. Das ist ein «Heiliger Gral» in der Onkologie, denn viele haben es versucht, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Wir glauben, dass wir mit unserem Ansatz – kleine Moleküle, die die Immunzellen aktivieren – einen neuen Weg gefunden haben.
Das Immunsystem ist dabei viel mehr als ein Krebsthema. Es gibt direkte Verbindungen zu Autoimmunerkrankungen, die uns ebenfalls interessieren. Wir sprechen intern von «sculpturing the immune system» – das Immunsystem so zu formen, dass es Krankheiten aktiv bekämpft, nicht nur unterdrückt wird. Das ist das Bild, das uns antreibt.
In fünf Jahren möchten wir mit unserem Wirkstoffkandidaten in der klinischen Phase sein und zeigen, dass das angeborene Immunsystem ein echter Hebel gegen Krebs sein kann.
Julia Biwer ist COO und Mitgründerin von Abbmira Therapeutics in Basel. Das Start-up entwickelt einen bakteriell inspirierten Wirkstoff, der das angeborene Immunsystem gegen Tumore aktiviert. Das Unternehmen wurde im September 2024 gegründet und arbeitet virtuell – ohne eigenes Labor. Abbmira ist im Technology Outlook 2025 der SATW als Showcase im Bereich Life Sciences vertreten.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Esther Lombardini |
| Expertise | Julia Biwer |