«Wir sind deutlich verletzlich»: Die Abhängigkeit der Schweiz von kritischen Rohstoffen

Die Schweiz bezieht praktisch alle kritischen Rohstoffe aus dem Ausland – oft über wenige, konzentrierte Lieferketten. SATW-Expertin Alessa Hool analysiert im Interview, wo die grössten Risiken liegen und welche Branchen besonders exponiert sind. Interviewserie Teil 1/3: Die Verwundbarkeit der Schweiz.

Alessa Hool in grüner Kleidung vor blauem Hintergrund

Alessa Hool ist Geschäftsführerin bei der ESM Foundation und Expertin der SATW-Themenplattform Nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Bildrechte: ESM Foundation.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Die Schweiz produziert praktisch keine kritischen Technologiemetalle selbst und ist stark auf Importe angewiesen – oft aus wenigen, konzentrierten Quellen
  • Abhängigkeiten bestehen nicht nur bei den Rohstoffen, sondern auch bei Komponenten, die diese enthalten
  • Besonders verletzliche Branchen sind: Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Medtech, Uhren, Energie, Mobilität sowie sicherheitsrelevante Infrastrukturen
  • Gallium und Germanium sind zentral für Verbindungshalbleiter – China dominiert die Produktion und hat 2023 Exportrestriktionen eingeführt
  • Die Schweiz ist zwar eng in europäische Wertschöpfungsketten eingebunden, hat aber als Nicht-EU-Mitglied keinen gesicherten Zugang zu gemeinsamen Kriseninstrumenten
  • Der Vorteil der Schweiz: relativ geringe Volumenbedürfnisse, hohe Kaufkraft und starke Forschungsbasis verschaffen zusätzliche Spielräume

Halbleiter stecken in Industrieanlagen, Medizintechnik und Kommunikationssystemen – doch die Schweiz produziert kaum einen der dafür nötigen Rohstoffe selbst. Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter fordert nun in einer Motion, kritische Rohstoffe systematisch in Freihandelsabkommen zu verankern. Der Bundesrat hält das für unnötig. Wir haben mit Alessa Hool (ESM Foundation) über die tatsächliche Verwundbarkeit der Schweiz gesprochen.

Wie verletzlich ist die Schweiz heute bei Halbleitern und kritischen Rohstoffen?

Wenn wir von kritischen Rohstoffen sprechen, müssen wir zuerst sagen: Jedes Land definiert sie etwas anders, und es gibt bisher keine offizielle Definition der Rohstoffe, die für die Schweiz kritisch sind. Ich beziehe mich hier auf Rohstoffe, die oft als "Technologiemetalle" bezeichnet werden: seltene Erden, Lithium, Kobalt, Nickel, Gallium oder Germanium.

Viele dieser Technologiemetalle stammen aus wenigen Ländern, allen voran aus China. Die Schweiz produziert praktisch keine dieser Metalle selbst und ist stark auf Importe angewiesen. Ähnlich verhält es sich mit den Komponenten, die diese Rohstoffe enthalten – einschliesslich Verbindungshalbleiter und Chips. Fällt ein wichtiger Lieferant aus, gibt es oft kaum kurzfristige Alternativen. Die Schweiz ist deshalb deutlich verletzlich.

Die politische Verwundbarkeit ist ebenfalls hoch: Die Schweiz hat gegenüber Grossmächten wie China, den USA und der EU nur begrenzte Hebel. Erschwerend kommt hinzu: Die Schweiz ist zwar eng in europäische Wertschöpfungsketten eingebunden, aber kein EU-Mitglied. Sie wird von EU-Exportkontrollen und Sanktionen betroffen, hat aber keinen gesicherten Zugang zu gemeinsamen Kriseninstrumenten wie koordinierten Notfallbeschaffungen.

Etwas entschärft wird die Lage dadurch, dass die Schweizer Industrie oft nur relativ geringe Volumen benötigt und in hochspezialisierten Nischen tätig ist. Hinzu kommen eine hohe Kaufkraft, gute Kreditwürdigkeit und eine starke Forschungs- und Innovationsbasis. Diese Faktoren machen die Schweiz zwar nicht krisenfest, verschaffen ihr aber zusätzliche Spielräume, um auf Versorgungsstörungen zu reagieren.

Welche Schweizer Branchen sind aus Sicht der Versorgungssicherheit besonders sensibel?

Es gibt bisher keine systematische Beurteilung der Verwundbarkeit einzelner Schweizer Branchen. Wir können uns aber an europäischen und internationalen Analysen orientieren. Besonders verletzlich sind die Bereiche, in denen viel Elektronik und Präzisionstechnik steckt: die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Robotik und Sensorik, die Medtech- und Uhrenindustrie, der Energie- und Mobilitätssektor sowie sicherheitsrelevante Bereiche wie Verteidigung und kritische Infrastrukturen.

Im Bereich der Halbleitertechnologie ist das Risiko besonders hoch: Chips sind zentral für Industrieanlagen, Medizintechnik, Fahrzeuge, Kommunikations- und Finanzsysteme. Sie sind auch deshalb besonders gefährdet, weil High-End-Chips eine der wenigen modernen Technologien sind, in der China nicht die technologische Überhand hat – und weil Chips militärisch relevant sind. Exportkontrollen und Handelssperren auf Chips haben schon mehrfach auch auf die dafür benötigten Rohstoffe durchgeschlagen, und dies könnte in Zukunft noch verschärft werden.

Welche Rohstoffe sind für Halbleiter besonders kritisch – und wo bestehen aktuell die grössten Engpassrisiken?

Besonders zu nennen sind Gallium und Germanium. Sie sind zentral für Verbindungshalbleiter in Hochfrequenz-, Leistungs- und Optoelektronik – etwa für 5G, Radar und LED-Anwendungen. China dominiert Produktion und Verarbeitung und hat 2023 Exportrestriktionen eingeführt. Auch angesichts der militärischen Bedeutung dieser Rohstoffe sind weitere Einschränkungen ein plausibles Szenario.

Darüber hinaus sind Metalle für Speziallegierungen, Kontakte und Kondensatoren exponiert, etwa Nickel, Tantal und Wolfram. Weiter gibt es eine Reihe von Halbzeugen für die Chip-Herstellung, bei denen eine starke Marktkonzentration besteht – etwa hochreine Siliziumwafer, die weltweit nur von wenigen Herstellern in Japan, Taiwan, Korea und Europa produziert werden.

Eine oft unterschätzte Abhängigkeit besteht bei den Prozessmedien: Die Chipfertigung benötigt Edelgase wie Neon sowie hochspezialisierte Chemikalien für Ätz- und Reinigungsschritte. Da diese Stoffe oft schwierig zu lagern sind und aus geopolitisch sensiblen Lieferketten stammen, bilden sie einen weiteren kritischen Engpass.

Schliesslich sind im Chips-Ökosystem Spezialmetalle wie Indium, Hafnium, Ruthenium oder bestimmte seltene Erden relevant. Sie werden nur in sehr kleinen Mengen eingesetzt, sind aber für einzelne Schichten oder Gate-Materialien technisch unverzichtbar. Fällt eines dieser Elemente weg, können ganze Fertigungsschritte zum Stillstand kommen.