Was, wenn Altern eine Frage persönlicher Entscheidungen wird?

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Ab 40 beginnt der Körper sich messbar zu verändern – Zellen hören auf sich zu teilen, der Blutzucker schwankt stärker, Muskeln bauen ab. Lange galt das als unvermeidlich. Am Jahreskongress SATW 2026 in Lugano wurde klar: Die Forschung ist heute so weit, dass aus «unvermeidlich» zunehmend «gestaltbar» wird.

Stellen Sie sich vor, Ihr biologisches Alter wäre vier Jahre höher als das, was in Ihrem Pass steht – allein wegen Ihres Gewichts. Oder umgekehrt: dass eine Ernährungsumstellung ab der Lebensmitte Ihnen statistisch zehn zusätzliche gesunde Jahre schenken könnte. Zahlen wie diese prägten den Jahreskongress 2026 der SATW auf dem Campus USI-SUPSI in Lugano. Unter dem Motto «Vital Living» diskutierten Forschende, Mediziner:innen und Technologie-Gründer:innen einen Paradigmenwechsel im Bereich Healthy Ageing: weg von der Frage «Wie werden wir älter?», hin zu «Wie bleiben wir vital?»

Prof. Benoît Dubuis (Präsident SATW), Prof. Monica Duca Widmer (Vizepräsidentin USI) und Prof. Franco Gervasoni (Direktor SUPSI) begrüssen die Teilnehmenden zum Jahreskongress 2026 in Lugano.

Warum Zellen aufhören sich zu teilen – und was das für gesundes Altern bedeutet

Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir altern? Eine Antwort darauf gab Prof. Andrea Alimonti, Direktor des Institute of Oncology Research (IOR) an der USI und Professor an der ETH Zürich. Im Zentrum seiner Keynote stand ein Phänomen, das die Alterungsforschung derzeit umtreibt: die sogenannte zelluläre Seneszenz – ein Zustand, in dem Zellen aufhören sich zu teilen, aber nicht absterben, sondern im Gewebe verbleiben.

In jungen Jahren ist das ein Schutzmechanismus: Der Körper legt beschädigte Zellen still, bevor sie zur Gefahr werden – etwa als Krebszellen. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese stillgelegten Zellen jedoch an. Sie senden entzündungsfördernde Signale aus, schwächen das Immunsystem und begünstigen Krankheiten wie Arthrose, Gefässverkalkung oder Demenz. Dieser Prozess gilt als einer der zentralen Treiber des biologischen Alterns.

Die gute Nachricht: Es gibt Ansätze, diese Zellen gezielt zu beseitigen. Sogenannte Senolytika – eine neue Klasse von Wirkstoffen – tun genau das. In Tierversuchen verbesserten sich nach der Behandlung sowohl Muskelkraft als auch geistige Fähigkeiten. Besonders eindrücklich: Alimontis Team entdeckte in der Pflanze Salvia haenkei einen natürlichen Wirkstoff namens Haenkenium, der die Lebensspanne in Tiermodellen verlängern konnte. Als Schlüsselsubstanz identifizierten die Forschenden Luteolin, einen pflanzlichen Stoff, der den Alterungsprozess auf zellulärer Ebene bremst. Alimontis Botschaft: Es gehe nicht darum, das Altern aufzuhalten, sondern es gesünder zu gestalten – «growing old without aging».

Prof. Andrea Alimonti erläutert, wie der Wirkstoff Haenkenium aus einer Salbeiart im Tierversuch beschädigte Zellen beseitigt.

Ernährung und Langlebigkeit: Warum die Lücke von neun Jahren kein Naturgesetz ist

Wenn zelluläre Seneszenz erklärt, was im Körper schiefläuft, stellt sich die Frage: Was können wir selbst tun, bevor es so weit kommt? Darauf hatte Prof. Eline van der Beek eine klare Antwort: essen – aber richtig. Die Leiterin des Nestlé Institute of Health Sciences in Lausanne und Professorin an der Universität Groningen eröffnete ihre Keynote mit einer ernüchternden Zahl: Zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung klafft heute eine Lücke von rund neun Jahren. Die Menschen leben zwar länger, verbringen aber mehr Jahre bei schlechterer Gesundheit. Ernährung ist dabei einer der wirksamsten Hebel, um das biologische Alter positiv zu beeinflussen.

Eine Studie zeigt, dass eine Umstellung auf nährstoffreiche Kost ab dem 40. Lebensjahr die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre steigern kann (Fadnes et al., Nature Food 2023). Als besonders wirkungsvoll gelten bewährte Ernährungsmuster wie die Mittelmeerdiät.

Van der Beek präsentierte auch Ergebnisse aus einer 14-jährigen Langzeitstudie an Hunden – eine der längsten Ernährungsstudien an Säugetieren: Tiere, deren Futter auf den Erhalt einer schlanken Körpermasse abgestimmt wurde, lebten 17 Prozent länger und waren biologisch jünger als ihre normal gefütterten Artgenossen (Herzig et al., GeroScience 2024). Beim Menschen zeigen sich ähnliche Zusammenhänge: Übergewicht lässt den Körper biologisch bis zu vier Jahre schneller altern, Gewichtsreduktion kann diesen Effekt teilweise umkehren.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Blutzucker. Die Forschung zeigt, dass eine nachlassende Blutzuckerregulation ein unterschätzter Treiber des Alterungsprozesses ist – auch bei Menschen ohne Diabetes. Nestlé-Forschende entwickelten Ernährungslösungen, die den Blutzucker über Nacht stabilisieren und dadurch auch die Schlafqualität und die Stimmung am nächsten Tag verbessern (Soon et al., European Journal of Nutrition 2026).

Schliesslich ging van der Beek auf die Rolle von NAD+ ein, einem Molekül, das für die Energieversorgung und Reparatur unserer Zellen zentral ist. Mit dem Alter sinkt der NAD+-Spiegel. Bestimmte Vorstufen – sogenannte NAD+-Vorläufer wie NR und NMN – können ihn wieder anheben, wie eine aktuelle Vergleichsstudie an gesunden Erwachsenen zeigte (Christen et al., Nature Metabolism 2026). Zudem stellte van der Beek Ergebnisse zur Muskelregeneration vor: Eine Kombination aus Nicotinamid und Vitamin B6 aktivierte Muskelstammzellen und steigerte die Muskelreparatur um 37 Prozent (Højfeldt et al., Advanced Science 2026).

Prof. Eline van der Beek zeigt, warum Ernährung einer der wirksamsten Hebel gegen die Neun-Jahre-Lücke zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung ist.

Podiumsdiskussion: Wer sorgt dafür, dass gesundes Altern alle erreicht?

Nach den wissenschaftlichen Inputs lenkten fünf Fachleute den Blick auf eine unbequeme Frage: Wenn wir wissen, wie gesundes Altern funktioniert – warum profitieren nicht alle gleichermassen davon? Unter der Leitung von SATW-Präsident Prof. Benoît Dubuis diskutierten Prof. Laurie Corna (SUPSI), Dr. Michel Matter (Genfer Ärztegesellschaft AMGe), Dr. Silvia Misiti (IBSA Foundation), Dr. Alessandro Ruggiero (IBSA) und Prof. Eline van der Beek (Nestlé Institute of Health Sciences).

Wer weniger hat, altert schneller

Prof. Laurie Corna, Soziologin an der SUPSI, brachte gleich zu Beginn die soziale Dimension ein: Die Lücke zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung ist nicht für alle gleich gross. Menschen mit weniger Bildung und tieferem Einkommen verbringen deutlich mehr Jahre bei schlechter Gesundheit – und diese Ungleichheit wächst. Corna plädierte für einen umfassenden Ansatz im Sinne der WHO-Definition von «Healthy Ageing», der nicht nur die körperlichen Fähigkeiten des Einzelnen stärkt, sondern auch das Umfeld mitdenkt: die Gestaltung von Quartieren, Gemeinschaften und Städten, die ein gesundes Leben für alle Altersgruppen ermöglichen. Technologie könne dabei helfen, diese Unterschiede zu verringern – wenn sie gezielt eingesetzt werde, um soziale Ungleichheiten abzubauen statt zu verstärken.

Autonomie im Alter: Technologie, die sich alle leisten können

Dr. Michel Matter, Präsident der AMGe und Gründer von «All is Brain», lenkte den Blick auf die Autonomie. Die eigentliche Herausforderung sei nicht, Menschen älter werden zu lassen, sondern sie so lange wie möglich selbstständig zu Hause leben zu lassen – mit guter Lebensqualität. Dafür brauche es keine Gadgets, sondern echte Innovation: Technologie, die sich jede und jeder leisten könne. Matter betonte ausserdem die Bedeutung der Sinnesorgane für gesundes Altern: Gutes Sehen, gutes Hören und eine intakte Gleichgewichtsfunktion senken das Risiko für Demenz und Stürze erheblich – in der Schweiz ein Kostenfaktor von 20 Milliarden Franken jährlich. Sein Wunsch für die Zukunft: ein besseres Verständnis des Mikrobioms – des «zweiten Gehirns» –, das nach seiner Überzeugung in den nächsten Jahren zentral für die Alterungsforschung werden dürfte.

Kultur statt Medikamente: Ein neuer Ansatz gegen Einsamkeit

Dr. Silvia Misiti, Direktorin der IBSA Foundation for Scientific Research, brachte einen überraschenden Ansatz in die Diskussion: kulturelle Aktivitäten als Therapie. Die Stiftung arbeitet daran, das Konzept des «Social Prescribing» in der Schweiz zu etablieren – ein Modell, das in Grossbritannien und Skandinavien bereits verbreitet ist. Die Idee: Statt Einsamkeit und leichte Depressionen ausschliesslich medikamentös zu behandeln, verordnen Hausärzt:innen gemeinsame kulturelle Aktivitäten – Musik, Theater, Bewegung. Ein sogenannter «Link Worker» ermittelt, welche Aktivität zur jeweiligen Person passt, und vermittelt sie an bestehende lokale Angebote. Misiti verwies auf wissenschaftliche Evidenz, dass Beziehungen und soziale Einbindung zu den stärksten Einflussfaktoren auf die Gesundheit im Alter gehören – und dass Einsamkeit vergleichbar schädlich sei wie Rauchen.

Altern betrifft jedes Medizinfeld

Dr. Alessandro Ruggiero, Generalsekretär und Mitglied des Verwaltungsrates von IBSA, erklärte, warum das Unternehmen Altern nicht als einzelnes Therapiegebiet betrachtet, sondern als Querschnittsthema, das alle zehn Geschäftsfelder verbindet – von der Reproduktionsmedizin über die Schmerztherapie bis zur Dermatologie. Der Schlüssel liege in der Verbindung von neuen Technologien mit konkreten klinischen Bedürfnissen, etwa bei Hyaluronsäure-basierten Produkten für die Geweberegeneration.

Wie Technik zu gesünderem Verhalten anstossen kann

Prof. Eline van der Beek ergänzte aus der Ernährungsperspektive: Technologie allein reiche nicht – entscheidend sei, dass Menschen den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und ihrem Befinden verstünden. Sie sprach sich für «digitale Begleiter» aus: Werkzeuge, die sichtbar machen, wie Ernährung, Bewegung und Schlaf den Körper beeinflussen, und so zu gesünderem Verhalten anregen. Das Prinzip dahinter – das sogenannte Nudging – sei wissenschaftlich gut belegt.

Die Diskussion machte deutlich: Gesundes Altern ist nicht nur eine Frage der Biologie und der Technologie, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit, der Gemeinschaft und der Zugänglichkeit. Oder wie Corna es auf den Punkt brachte: Technologie müsse das Spielfeld ebnen – nicht neue Gräben schaffen.

Podiumsdiskussion «Wer sorgt dafür, dass gesundes Altern alle erreicht?» – v.l.n.r.: Dr. Michel Matter (AMGe), Dr. Silvia Misiti (IBSA Foundation), Prof. Eline van der Beek (Nestlé Research), Prof. Laurie Corna (SUPSI) und Dr. Alessandro Ruggiero (IBSA).

Innovation für gesundes Altern: Drei Pitches, drei Wetten auf die Zukunft

Grundlagenforschung und Ernährungswissenschaft liefern die Erkenntnis – aber wer bringt sie in den Alltag? In der Pitch-Session des SATW-Jahreskongresses traten drei Schweizer Unternehmen an, die genau das versuchen.

Neurovision: Gehirntraining durch Augenbewegungen

Romain Bordas, Gründer von Neurovision, stellte seinen neuro-visuellen Trainingsansatz vor. In seinem Labor in Genf kombiniert er die Messung von Augenbewegungen mit gezielten Übungen, die das Gehirn fordern und trainieren. Das Ziel: Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit und mentale Belastbarkeit stärken – bei Sportler:innen ebenso wie bei Kindern mit Lernschwierigkeiten und älteren Menschen. Bordas betonte, dass Gehirnleistung trainierbar sei und ein zentraler Baustein für Vitalität im Alter darstelle. Neben dem Training baut er derzeit ein europäisches Netzwerk für die Behandlung und Erforschung von Gehirnerschütterungen im Sport auf, das Neurowissenschaft, Rehabilitation und neue Technologien verbindet.

IBSA-Ökosystem: Vom Molekül zur personalisierten Pflege

Dr. Salvatore Cincotti zeichnete einen unternehmerischen Bogen, der von der Pharmagruppe IBSA in Lugano über die Biotech-Firma Altergon in Italien bis zur Genfer Genomik-Plattform GeneGIS reicht. Die Leitidee: Altern ist das Zusammenspiel von Erbgut und Umwelteinflüssen über die Zeit – und industrielle Innovation muss beide Ebenen ansprechen.

Konkret zeigte Cincotti, wie Altergon mittels Fermentation Hyaluronsäure und Chondroitin herstellt – zwei körpereigene Substanzen, die Gelenke, Haut und Bindegewebe geschmeidig halten und mit dem Alter abnehmen. Die Plattform GenVio wiederum analysiert Erbgut-Daten für die Präzisionsmedizin, etwa in der Krebsdiagnostik. Und mit Laboratoires Sintyl in Genf schliesst sich der Kreis: Gentests analysieren individuelle Varianten im Erbgut, die beeinflussen, wie schnell die Haut altert – und ermöglichen darauf abgestimmte Pflegeprodukte. Cincottis Vision: eine integrierte Industrieplattform, die Erbgut, Umwelt und Pflege zusammendenkt.

Xsensio: Ein Chip auf der Haut, der Bluttests ersetzen könnte

Esmeralda Megally, CEO und Mitgründerin von Xsensio, präsentierte die «Lab-on-Skin»-Technologie: einen miniaturisierten Sensor-Chip, der über winzige Nadeln Körperflüssigkeit direkt unter der Haut anzapft und darin enthaltene Biomarker – also messbare Hinweise auf den Gesundheitszustand – kontinuierlich und in Echtzeit auswertet. Im Unterschied zu herkömmlichen Wearables, die Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung messen, liefert Xsensio biochemische Daten: etwa den Laktatwert (ein Hinweis auf Sauerstoffmangel im Gewebe), den pH-Wert oder Entzündungszeichen.

Das erste Produkt zielt auf die Intensivmedizin: die lückenlose Laktat-Überwachung zur Früherkennung von Kreislaufversagen. Heute erfordert das regelmässige Blutentnahmen – zeitaufwendig und personalintensiv. Megally verwies auf eine klinische Studie mit 140 Intensivpatient:innen an der Mayo Clinic, die das Potenzial der Technologie bestätigen soll. Langfristig sieht sie Anwendungen weit über die Klinik hinaus – in der Vorsorge und im alltäglichen Gesundheitsmonitoring.

Drei Wetten auf die Zukunft: Romain Bordas (Neurovision), Dr. Salvatore Cincotti (IBSA/Altergon/GeneGIS) und Esmeralda Megally (Xsensio) in der Pitch-Session.

Fazit: Nicht ob wir altern – sondern wie

Was bleibt vom SATW-Jahreskongress 2026 in Lugano? Vor allem eine Erkenntnis: Die Frage ist nicht mehr, ob wir den Alterungsprozess beeinflussen können, sondern wie schnell die Erkenntnisse bei den Menschen ankommen. Von der Grundlagenforschung zur zellulären Seneszenz über die Ernährungswissenschaft bis hin zu Biosensoren und Genomik – die Schweiz bringt vieles mit, was es für gesundes Altern braucht. Was der Kongress aber auch zeigte: Keine Disziplin kann das allein lösen. Erst im Zusammenspiel von Zellbiologie, Neurowissenschaft, Pharma, Sensorik und sozialer Innovation entsteht ein Gesundheitssystem, das nicht nur auf Krankheit reagiert, sondern Vitalität gezielt fördert. Oder wie es Alimonti formulierte: «growing old without aging».

Präsentationen

Gesundes Altern verstehen: Antworten auf die wichtigsten Fragen

Der Jahreskongress der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW stand unter dem Motto «Vital Living – Gesundes Altern für ein vitales Leben». Im Zentrum stand die Frage, wie Forschung, Ernährung und Technologie dazu beitragen können, nicht nur länger zu leben, sondern länger gesund zu bleiben.

Am 21. Mai 2026 auf dem Campus Est USI-SUPSI in Lugano-Viganello. Die Kongresssprache war Englisch, die Teilnahme kostenlos.

Zwei Keynotes hielten Prof. Andrea Alimonti (USI / IOR / ETH Zürich) zur Zellalterung und Prof. Eline van der Beek (Nestlé Institute of Health Sciences / Universität Groningen) zur Ernährung. An der Podiumsdiskussion nahmen zudem Prof. Laurie Corna (SUPSI), Dr. Michel Matter (AMGe), Dr. Silvia Misiti (IBSA Foundation) und Dr. Alessandro Ruggiero (IBSA) teil. In der Pitch-Session präsentierten Neurovision, IBSA/Altergon/GeneGIS und Xsensio.

Zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung klafft heute eine Lücke von rund neun Jahren. Das heisst: Die letzten Lebensjahre verbringen viele Menschen mit chronischen Beschwerden, eingeschränkter Mobilität oder nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit. Diese Lücke ist jedoch kein Naturgesetz. Forschung in Zellbiologie, Ernährungswissenschaft und Sensortechnologie zeigt, dass sich das biologische Altern durch gezielte Massnahmen bremsen und die gesunde Lebensspanne verlängern lässt.

Ja, und der Effekt ist grösser als viele erwarten. Eine Studie zeigt, dass eine Umstellung auf nährstoffreiche Kost ab dem 40. Lebensjahr die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre steigern kann (Fadnes et al., Nature Food 2023). In einer 14-jährigen Langzeitstudie lebten schlank ernährte Hunde 17 Prozent länger und waren biologisch jünger (Herzig et al., GeroScience 2024). Beim Menschen beschleunigt Übergewicht das biologische Altern um bis zu vier Jahre. Besonders wirkungsvoll sind die Mittelmeerdiät, eine stabile Blutzuckerregulation und eine ausreichende Versorgung mit NAD+-Vorläufern, die zelluläre Reparaturprozesse unterstützen.

Mit dem Alter sammeln sich im Körper sogenannte seneszente Zellen an – Zellen, die aufgehört haben sich zu teilen, aber nicht absterben. Sie senden entzündungsfördernde Signale aus und begünstigen Krankheiten wie Arthrose, Gefässverkalkung oder Demenz. Die Forschung arbeitet an Wirkstoffen, die diese Zellen gezielt beseitigen. Ein Pflanzenextrakt aus Salvia haenkei konnte in Tiermodellen die Lebensspanne verlängern und sowohl Muskelkraft als auch geistige Fähigkeiten verbessern.

Ja. Neuro-visuelles Training – eine Methode, die Augenbewegungsmessung mit gezielten kognitiven Übungen verbindet – stärkt Konzentration, Reaktionsfähigkeit und mentale Belastbarkeit. Die Methode wird bereits bei Spitzensportler:innen, Kindern mit Lernschwierigkeiten und älteren Menschen eingesetzt. Forschungsergebnisse zeigen, dass das Gehirn dank seiner Plastizität in jedem Alter trainierbar bleibt – ein zentraler Baustein für Vitalität im Alter.

Studien zeigen, dass soziale Isolation und Einsamkeit vergleichbare Gesundheitsrisiken bergen wie regelmässiges Rauchen. Beziehungen und soziale Einbindung gehören zu den stärksten Einflussfaktoren auf die Gesundheit im Alter. Ein neuer Ansatz namens «Social Prescribing» setzt hier an: Statt Medikamente verordnen Hausärzt:innen gemeinsame kulturelle Aktivitäten – Musik, Theater, Bewegung. Ein «Link Worker» hilft, das passende Angebot zu finden. Das Modell ist in Grossbritannien und Skandinavien verbreitet und wird nun für die Schweiz adaptiert.

Nein. Menschen mit weniger Bildung und tieferem Einkommen verbringen deutlich mehr Jahre bei schlechter Gesundheit – und diese Ungleichheit wächst. Das biologische Alter hängt nicht nur von Genetik und Lebensstil ab, sondern auch von den sozialen Bedingungen: Zugang zu gesunder Ernährung, medizinischer Versorgung, Bewegungsmöglichkeiten und sozialen Netzwerken. Technologie und Innovation können helfen, diese Unterschiede zu verringern – vorausgesetzt, sie sind für alle zugänglich und bezahlbar.

Die Technologie ist auf dem Weg dahin. Miniaturisierte Biosensoren – kleiner als ein Fingernagel – können über winzige Nadeln Körperflüssigkeit direkt unter der Haut anzapfen und Gesundheitswerte wie Laktat, Säuregehalt oder Entzündungszeichen kontinuierlich und in Echtzeit messen. Im Unterschied zu Fitnessuhren, die physikalische Daten wie Herzfrequenz messen, liefern diese Chips biochemische Daten. Die erste Anwendung zielt auf die Intensivmedizin, wo sie regelmässige Blutentnahmen ersetzen und Kreislaufversagen früher erkennen könnten. Langfristig sind Anwendungen in der Vorsorge und im alltäglichen Gesundheitsmonitoring denkbar.

Glossar: Fachbegriffe einfach erklärt

Ein Zustand, in dem Zellen aufhören sich zu teilen, aber nicht absterben. Sie bleiben im Gewebe und senden entzündungsfördernde Signale aus. In jungen Jahren schützt das vor Krebs, mit zunehmendem Alter sammeln sich diese Zellen aber an und fördern Krankheiten wie Arthrose, Gefässverkalkung oder Demenz. Die zelluläre Seneszenz gilt als einer der zentralen Mechanismen des Alterns.

Ein Zucker-Eiweiss-Molekül, das natürlich im Knorpelgewebe vorkommt und dort als Stossdämpfer und Wasserspeicher dient. Mit dem Alter nimmt die körpereigene Produktion ab – ein Grund, warum Gelenke steifer und anfälliger werden. Traditionell wurde Chondroitin aus tierischem Gewebe gewonnen. IBSA/Altergon hat ein biotechnologisches Verfahren entwickelt, bei dem Chondroitin mithilfe gentechnisch veränderter Bakterien (E. coli) durch Fermentation hergestellt wird – ohne tierische Rohstoffe. Das Unternehmen ist weltweit führend bei der Produktion dieser sogenannten Oligosaccharide und setzt Chondroitin in Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und Medizinprodukten ein.

Eine neue Klasse von Wirkstoffen, die gezielt seneszente – also «stillgelegte» – Zellen beseitigen. In Tierversuchen verbesserten sich nach der Behandlung Muskelkraft und geistige Fähigkeiten. Am Kongress wurde der pflanzliche Wirkstoff Haenkenium aus Salvia haenkei vorgestellt, der als natürliches Senolytikum wirkt.

Das biologische Alter beschreibt, wie alt der Körper aufgrund seiner Zell- und Organfunktionen tatsächlich ist – im Unterschied zum chronologischen Alter (Geburtsdatum). Es kann höher oder tiefer sein als das Passalter. Übergewicht kann das biologische Alter um bis zu vier Jahre erhöhen, Gewichtsreduktion und gesunde Ernährung können es senken.

NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) ist ein Molekül, das in jeder Zelle vorkommt und eine zentrale Rolle bei der Energieversorgung und Reparatur spielt. Mit dem Alter sinkt der NAD+-Spiegel. Bestimmte Vorstufen – sogenannte NAD+-Vorläufer wie NR (Nicotinamid-Ribosid) und NMN (Nicotinamid-Mononukleotid) – können den Spiegel wieder anheben.

Die Anzahl Jahre, die ein Mensch bei guter Gesundheit verbringt – im Unterschied zur Lebensspanne (Lifespan), die alle Lebensjahre umfasst. Die Lücke zwischen beiden beträgt heute rund neun Jahre. Das Ziel der am Kongress vorgestellten Forschung ist, diese Lücke zu verkleinern.

Ein Modell, bei dem Hausärzt:innen statt Medikamenten soziale oder kulturelle Aktivitäten verordnen – etwa gemeinsames Musizieren, Theaterspielen oder Bewegungsgruppen. Ein «Link Worker» hilft, die passende Aktivität zu finden. Das Konzept ist in Grossbritannien und Skandinavien verbreitet und wird von der IBSA Foundation nun für die Schweiz adaptiert.

Ein Ansatz aus der Verhaltensforschung, der Menschen durch kleine Anstösse – ohne Verbote oder Zwang – zu gesünderem Verhalten bewegt. Beispiel: Eine App, die zeigt, wie sich eine Mahlzeit auf den Blutzucker auswirkt, kann dazu motivieren, beim nächsten Mal anders zu wählen. Prof. van der Beek sprach am Kongress von «digitalen Begleitern», die dieses Prinzip nutzen.

Die Gesamtheit aller Mikroorganismen (vor allem Bakterien), die im und auf dem menschlichen Körper leben – hauptsächlich im Darm. Das Mikrobiom beeinflusst Verdauung, Immunsystem, Stimmung und möglicherweise auch den Alterungsprozess. Dr. Michel Matter bezeichnete es als «zweites Gehirn» und sieht darin einen Schlüssel für künftige Alterungsforschung.

Eine körpereigene Substanz, die in Gelenken, Haut und Bindegewebe vorkommt und dort für Feuchtigkeit und Elastizität sorgt. Mit dem Alter nimmt die Produktion ab. IBSA/Altergon stellt Hyaluronsäure biotechnologisch her und setzt sie in Produkten für Gelenke, Haut und Geweberegeneration ein.

Eine Technologie des Schweizer Unternehmens Xsensio: ein miniaturisierter Sensor-Chip, der auf der Haut getragen wird und über winzige Nadeln Körperflüssigkeit anzapft. Er misst Gesundheitswerte wie den Laktatwert, den Säuregehalt oder Entzündungszeichen – kontinuierlich und in Echtzeit, ohne Blutentnahme.

Über diesen Bericht

Dieser Bericht fasst die Keynotes, die Podiumsdiskussion und die Pitch-Session des SATW-Jahreskongresses 2026 zusammen, der am 21. Mai 2026 auf dem Campus Est USI-SUPSI in Lugano-Viganello stattfand. Grundlage des Berichts sind die Präsentationen der Referierenden sowie das Transkript der Podiumsdiskussion.

Keynotes:

Prof. Andrea Alimonti (USI / IOR / ETH Zürich), Prof. Eline van der Beek (Nestlé Institute of Health Sciences / Universität Groningen)

Podiumsdiskussion:

Prof. Laurie Corna (SUPSI), Dr. Michel Matter (AMGe), Dr. Silvia Misiti (IBSA Foundation), Dr. Alessandro Ruggiero (IBSA), Prof. Eline van der Beek (Nestlé Research). Moderation: Prof. Benoît Dubuis (Präsident SATW)

Pitches:

Romain Bordas (Neurovision), Dr. Salvatore Cincotti (IBSA / Altergon / GeneGIS / Sintyl), Esmeralda Megally (Xsensio) 

Programm und Veranstaltungsdetails:

satw.ch/de/jahreskongress-satw-2026

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Claude Naville