mRNA 2.0: Vom Corona-Impfstoff zur potenziellen Therapie gegen Hautkrebs

Während der Covid-19-Pandemie wurde die mRNA-Technologie weltweit bekannt. Nun könnte sie auch die Krebstherapie verändern: Die erste personalisierte mRNA-Impfung gegen schwarzen Hautkrebs hat in einer grossen Phase-III-Studie überzeugt. Zusammen mit einer Immuntherapie senkte sie das Rückfallrisiko um 42 Prozent. Wie funktioniert eine Impfung, die für jede Patientin und jeden Patienten einzeln hergestellt wird? Und was steht ihrem breiten Einsatz noch im Weg?

Messenger RNA or mRNA strand 3D rendering illustration with copy space. Genetics, science, medical research, genome replication concepts.

Ein mRNA-Molekül. Bild: iStock.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Von der Prävention zur Therapie: Die mRNA-Technologie ist durch die Covid-19-Impfstoffe bekannt geworden. Sie bringt Körperzellen dazu, gezielt bestimmte Proteine herzustellen. Nun zeigt eine erste klinische Studie ihr therapeutisches Potenzial.

  • Massgeschneidert auf jeden Tumor: KI-gestützte Algorithmen vergleichen das Erbgut des Tumors mit gesundem Gewebe. Daraus wählen sie bis zu 34 patiententypische Eiweisse aus, die für den Tumor spezifisch sind und als Signalflaggen für das Immunsystem dienen. Die mit der Impfung injizierte mRNA enthält die Bauanleitung für diese Eiweisse. Werden diese vom Körper hergestellt, lernt das Immunsystem, Krebszellen an diesen Merkmalen zu erkennen und anzugreifen.

  • Deutlich weniger Rückfälle: An der Phase-III-Studie nahmen 1137 Patient:innen mit fortgeschrittenem Hautkrebs teil. Die Impfung in Kombination mit dem Immunstimulator Pembrolizumab senkte das Rückfallrisiko um 42 Prozent und das Risiko für Fernmetastasen um 38 Prozent. Nach zwei Jahren lebten 82,2 Prozent ohne Rückfall, in der Kontrollgruppe waren es 70 Prozent.

  • Hürden für den klinischen Alltag: Für die Herstellung braucht es geeignetes Tumorgewebe und die individuelle Produktion ist aufwendig. Fachleute rechnen mit Kosten von mehreren Hunderttausend Schweizer Franken pro Patient:in.

  • Aufbruch in der Onkologie: Moderna und Merck & Co. wollen die Zulassung beantragen. Es wäre der erste zugelassene mRNA-Krebsimpfstoff. Auch Schweizer Start-ups wie Abbmira Therapeutics verbinden KI und Biotechnologie, um neue Krebstherapien zu entwickeln.

In der Schweiz gibt es jährlich 46'500 neue Krebsfälle und mit 25 Prozent aller Todesfälle sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Trotz aller Fortschritte bei den Medikamenten und Behandlungen scheinen Krebszellen den Mediziner:innen stets einen Schritt voraus zu sein. So auch bei den PD1-Inhibitoren, einer Klasse von Krebsmedikamenten, die das Immunsystem bei der Erkennung und Bekämpfung von Krebszellen unterstützen. Sie sind als Hoffnungsträger ins Rennen gestiegen; trotzdem entwickeln bis zu 70 Prozent der Patient:innen innert kurzer Zeit eine Resistenz gegen die Inhibitoren oder sie sprechen gar nicht erst auf die Behandlung an. 

Dazu kommt, dass selbst klinisch identische Tumortypen sich auf molekularer Ebene von Patient:in zu Patient:in fundamental unterscheiden. Denn Tumorzellen reichern im Laufe ihrer Entwicklung individuelle genetische Veränderungen an. Diese Vielfalt macht klassische Krebstherapien nach dem Motto «One size fits all» schwierig, denn was bei einer Person wirksam ist, ist bei der nächsten wirkungslos, weil die molekularen Zielstrukturen völlig andere sind. Genau hier liegt die grösste therapeutische Herausforderung: Die Krebstherapie darf nicht starr an der Diagnose, sondern muss konsequent an der einzigartigen genetischen Signatur des jeweiligen Tumors ausgerichtet werden.

mRNA – neuer Hoffnungsträger unter den Wirkstoffen

Während der Covid-19-Pandemie erlangte die mRNA-Technologie in Form der Impfstoffe von BioNTech und Moderna weltweite Bekanntheit. Die rasante Entwicklung der Corona-Impfstoffe diente als gewaltiger Booster für die gesamte mRNA-Forschung. Unterdessen richtet die Fachwelt den Blick auf therapeutische Anwendungen und damit über die Prävention von Infektionskrankheiten hinaus: Das Potenzial der mRNA-Technologie wird in der Onkologie nun greifbare Realität.

Von der DNA über die mRNA zum Eiweiss

Die Trägerin der Erbinformation, Desoxyribonukleinsäure (DNA), befindet sich geschützt im Zellkern. Sie fungiert als Enzyklopädie mit Bauanleitungen für alles, was der Körper braucht. Die Umsetzung in Proteine erfolgt jedoch im Zellplasma, das die DNA nicht erreichen kann. Daher werden die Bauanleitungen in eine transportierbare Kopie namens Messenger RNA (kurz mRNA) umgeschrieben, die ins Zellplasma gelangen kann und dort in Proteine umgesetzt wird. 

Die Technologie nutzt synthetische mRNA, um Proteine in menschlichen Zellen gezielt herzustellen. Dabei kann mRNA sowohl fehlerhafte Proteine ersetzen als auch neue Proteine erzeugen, wenn sie im menschlichen Körper nicht auf natürliche Weise vorhanden sind. Bei Impfstoffen etwa werden Baupläne für Viren in die menschlichen Zellen transportiert und zur Expression gebracht, um eine Immunantwort auszulösen.

Erste therapeutische mRNA-Impfung schliesst Phase III ab

Die klinische Entwicklung hat einen Meilenstein erreicht: Die weltweit erste therapeutische mRNA-Impfung gegen Hautkrebs (Intismeran) hat die Phase-III-Studie erfolgreich abgeschlossen. Moderna und Merck & Co. haben die Zwischenergebnisse am 24. Oktober 2026 auf der Jahrestagung der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Madrid präsentiert (Pressemitteilung).

Die internationale, doppelblinde Phase-III-Studie (INTerpath-001) untersuchte während gut zwei Jahren insgesamt 1137 Patient:innen mit fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs (Melanom) nach einer erfolgreichen operativen Tumorentfernung. Alle Teilnehmenden erhielten die Standardtherapie mit dem PD1-Inhibitor Pembrolizumab, der die körpereigene Blockade des Immunsystems löst, damit die Abwehrzellen den Tumor wieder angreifen können. Die Interventionsgruppe (757 Personen) erhielt zusätzlich neun intramuskuläre Dosen des personalisierten mRNA-Impfstoffs in der Hoffnung, dass dieser den Effekt von Pembrolizumab noch verstärkt; die Kontrollgruppe (380 Personen) erhielt ein Placebo. Im Fokus standen das Überleben ohne Rückfälle oder Metastasen und die Sicherheit des Präparats.

Die Phasen von klinischen Studien

Die verschiedenen Phasen der klinischen Studien. Quelle: Novartis

Klinische Studien bilden das Fundament der medizinischen Forschung. Sie sind ein strenger, mehrstufiger Prozess (siehe Grafik von Novartis), der sicherstellt, dass neue Medikamente und Therapien umfassend auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen.

  • Phase I: Die Prüfsubstanz wird erstmals an einer kleinen Gruppe von 20 bis 80 Personen (meist gesunden Freiwilligen) getestet, um herauszufinden, wie der Körper das Medikament verarbeitet und wie die optimale Dosis aussieht.

  • Phase II: Das Medikament wird an einer grösseren Gruppe von 100 bis 300 Erkrankten getestet, um erste Erkenntnisse über die Wirksamkeit und Anwendungssicherheit bei Patient:innen zu gewinnen.

  • Phase III: Mit grossen Gruppen von 1000 bis 3000 Patient:innen wird die Wirksamkeit bestätigt und die Sicherheit überwacht. Dabei wird das Mittel meist direkt mit Standardtherapien oder einem Placebo verglichen, um den maximalen Nutzen für die Behandlung zu ermitteln.

  • Phase IV: Diese Studien finden nach der Marktzulassung statt, um langfristig zusätzliche Daten zu Risiken, Nutzen und der optimalen Anwendung im Alltag zu sammeln.

Eine personalisierte Impfung

Im Gegensatz zu prophylaktischen Impfungen wie gegen eine Infektion mit dem Coronavirus handelt es sich hier um eine therapeutische Anwendung bei bereits erkrankten Personen. Die Technologie berücksichtigt darüber hinaus die genetische Individualität der Patient:innen und führt zu einem personalisierten Impfstoff. 

Die Erbmasse des Tumors wir analysiert und mit gesundem Gewebe verglichen. Mittels KI-gestützten Algorithmen werden tumorspezifische Veränderungen des Erbguts, sogenannte Mutationen, identifiziert und bis zu 34 patientenspezifische Neoantigene ausgewählt. Dies sind Eiweisse an der Oberfläche von Tumorzellen. Aufgrund von Mutationen unterscheiden sie sich von den Eiweissen auf der Oberfläche gesunder Zellen und können als Signalfahne für das Immunsystem dienen. Die genetischen Informationen für diese Neoantigene werden in einen mRNA-Strang verpackt. Nach der Injektion zwingt die mRNA die körpereigenen Zellen, diese Tumor-Neoantigene zu produzieren. Das Immunsystem lernt dadurch, die feindlichen Visitenkarten zu erkennen und gezielt verbliebene Krebszellen zu attackieren.

Vielversprechende Ergebnisse

Nach einer medianen Laufzeit von rund 25 Monaten zeigte sich ein signifikanter therapeutischer Nutzen: 

  • Überleben ohne Tumorrückfall: Mit dem Impfstoff lebten nach zwei Jahren 82,2 Prozent der Teilnehmenden ohne Rückfall (gegenüber 70 Prozent in der Placebogruppe). Dies entspricht einer signifikanten Risikoreduktion von 42 Prozent. Nach den ersten sechs Monaten, der Zeit, die das Immunsystem für den Aufbau der Antwort benötigt, sank das Rückfallrisiko sogar um 58 Prozent.

  • Überleben ohne Metastasen: Das Risiko für Fernmetastasen sank um 38 Prozent. Nach gut zwei Jahren lebten 88,5 Prozent der Patient:innen in der Gruppe mit der doppelten Behandlung ohne Metastasen, in der Kontrollgruppe 80,2 Prozent.  

  • Nebenwirkungen: Das Profil erwies sich als gut verträglich; Nebenwirkungen wie Fieber oder Injektionsschmerzen waren auf die Immunstimulation zurückzuführen, erhöhten jedoch nicht die dauerhafte Toxizität.

  • Schlussfolgerungen: Die Studiendaten beweisen erstmals in einem grossen Phase-III-Setting, dass das Prinzip einer personalisierten therapeutischen mRNA-Krebsimpfung funktioniert. Zwar lassen sich wegen der verhältnismässig kurzen Laufzeit noch keine Aussagen zum Gesamtüberleben machen, doch die deutliche Verzögerung von Rückfällen stellt für Betroffene einen massiven medizinischen Fortschritt dar.  

  • Zulassung: Die Hersteller Moderna und Merck & Co. planen, mit den vorliegenden Daten die Zulassung für die Impfung zu beantragen. Es wäre die erste Zulassung für einen Krebsimpfstoff auf der Basis von mRNA.

Herausforderungen

  • Verspätet einsetzende Wirkung: In den ersten sechs Monaten nach Beginn der Therapie gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen der Impfstoff- und der Kontrollgruppe. Da das Immunsystem Zeit benötigt, um die T-Zell-Antwort aufzubauen und die Impfwirkung zu entfalten, schützt das Präparat sehr frühe Rückfälle nach der Operation zunächst nicht.

  • Gewebebeschaffung und Logistik: Für die Herstellung des personalisierten Impfstoffs ist ausreichend geeignetes Tumorgewebe der Patient:innen zwingend erforderlich. In der Studie mussten zahlreiche Interessent:innen (ca. 17 Prozent) ausgeschlossen werden, weil die eingesandten Tumorproben für eine hochqualitative Sequenzierung nicht ausreichten oder ungeeignet waren.

  • Hoher Aufwand und Kosten: Die Produktion ist individuell, zeitaufwendig und technisch anspruchsvoll. Dies stellt eine erhebliche wirtschaftliche und organisatorische Herausforderung für eine breite Anwendung im klinischen Alltag dar. Gemäss Schätzungen von Expert:innen belaufen sich die Kosten für solche individualisierten Therapien voraussichtlich auf mehrere Hunderttausend Schweizer Franken pro Patient:in.

Weshalb sind die Ergebnisse relevant?

Die Ergebnisse der klinischen Studie zum mRNA-Impfstoff Intismeran sind aus drei Gründen hoch relevant:

  • Von der Hypothese zur Evidenz: Jahrelang galt die Idee, das Immunsystem mittels mRNA gezielt auf individuelle Krebsmutationen zu trainieren, als vielversprechende immunologische Hypothese. Die erfolgreiche Umsetzung im Rahmen einer weltweiten Phase-III-Studie überführt dieses Konzept in klinische Evidenz. Der Ansatz kann potenziell für andere Tumorarten adaptiert werden. 

  • Durchbruch bei der Personalisierung: Der Erfolg markiert einen Paradigmenwechsel hin zur molekular massgeschneiderten Medizin. Patient:innen erhalten damit ein individuell auf ihre Tumorbiologie abgestimmtes Medikament, was die Effizienz der Behandlung maximiert und die blinden Flecken herkömmlicher Therapien minimiert.  

  • Neues Zeitalter für Onkologie: Junge Unternehmen wie das Basler Start-up Abbmira Therapeutics verfolgen ähnliche, bahnbrechende Kombinationsansätze (Showcase Abbmira). Während mRNA-Impfstoffe das Immunsystem über Neoantigene schulen, nutzt Abbmira computergestütztes Screening und KI, um bakterielle Zellwandkomponenten zu identifizieren, welche die immunosuppressive Tumorumgebung aufbrechen und den Weg für eine Kombination mit den bekannten Immunstimulatoren ebnen. Die Onkologie bricht in ein neues Zeitalter auf, in dem Informatik, Biotechnologie und klinische Forschung Hand in Hand arbeiten. 

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Claudia Schärer