«Die Zukunft ist keineswegs vorgespurt» – Vizekanzlerin Rachel Salzmann über die Schweiz im Jahr 2040

Wie sieht die Schweiz im Jahr 2040 aus? Mit dem Bericht «Perspektiven Schweiz 2040» skizziert die Bundeskanzlei drei mögliche Zukünfte und leitet daraus sechs Handlungsfelder für die Politik ab. Im Interview mit der SATW erklärt Vizekanzlerin Rachel Salzmann, warum die Zukunft keineswegs vorgespurt ist, weshalb sie die Szenarien nicht als düster, sondern als herausfordernd bezeichnet und wo die Schweiz technologisch eine Führungsrolle übernehmen könnte.

Rachel Salzmann ist seit Juli 2024 Vizekanzlerin und leitet den Bereich Bundesrat der Bundeskanzlei. Bild: Bundeskanzlei.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Grundlage für die Legislaturplanung: Die «Perspektiven Schweiz 2040» erscheinen alle vier Jahre, blicken zehn bis fünfzehn Jahre voraus und fliessen in die Legislaturplanung 2027–2031 des Bundesrates ein.
  • Szenarien statt Prognose: Gestützt auf eine Umfrage bei rund 60 Fachleuten und neun Schlüsselfaktoren wurden drei globale Szenarien entwickelt – bewusst ohne Ideal- oder Referenzszenario.
  • Geopolitik prägt das Bild: Die geopolitischen Verhältnisse sind der erste der neun Schlüsselfaktoren und haben die Szenarien stark geprägt, nicht zuletzt wegen der aktuellen Weltlage.
  • Chancen in Biotech und Robotik: In zwei Szenarien verfügt die Schweiz über gute Voraussetzungen, um in Biotechnologie und Robotik eine globale Führungsrolle einzunehmen.
  • Abhängigkeit im Digitalen: Bei digitalen Technologien und Plattformen bleibt die Schweiz – wie Europa – im Rückstand. Die Stärkung der digitalen Souveränität gewinnt deshalb an Bedeutung.

Wie kann sich die Schweiz auf eine unsichere Zukunft vorbereiten? Dieser Frage ist die Bundeskanzlei mit zahlreichen Expert:innen aus der Bundesverwaltung und Wissenschaft nachgegangen. Im Bericht «Perspektiven Schweiz 2040», den der Bundesrat am 19. Juni 2026 zur Kenntnis genommen hat, zeigt sie anhand von drei Szenarien mögliche Zukünfte der Schweiz im Jahr 2040 auf. Diese bewegen sich zwischen wirtschaftlicher Stagnation und Aufschwung, einer kritischen und einer stabilen Sicherheitslage, einem zögerlichen und einem aktiven Klimaschutz sowie einer multipolaren und einer unipolaren Weltordnung. Daraus leitet der Bericht sechs Handlungsfelder ab – von der gesellschaftlichen Kohäsion über den Technologie- und Wissensstandort Schweiz bis zu Sicherheit und Verteidigung.

Im Gespräch mit der SATW nimmt Vizekanzlerin Rachel Salzmann Stellung zum Bericht und beantwortet offene Fragen. Die Vizekanzlerin leitet seit 2024 den Bereich Bundesrat der Bundeskanzlei und verantwortet in dieser Funktion auch die Politische Planung des Bundes.

Was sind Ziel und Zweck der «Perspektiven Schweiz 2040»?

«Perspektiven Schweiz 2040» wirft einen Blick auf die Schweiz von morgen. Die Lage- und Umfeldanalyse der Bundeskanzlei entsteht alle vier Jahre und richtet den Blick zehn bis fünfzehn Jahre voraus: Welche Entwicklungen könnten die Schweiz prägen? Welche Chancen eröffnen sich, und wo zeichnen sich Herausforderungen ab?

Mit diesem Blick in die Zukunft schafft der Bericht eine Grundlage für eine vorausschauende Politik. Er fliesst insbesondere in die Legislaturplanung des Bundesrates ein. Gleichzeitig bietet er als öffentlich zugänglicher Bericht auch weiteren Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine gemeinsame Orientierung für die langfristige Planung.

Welche Methodik wurde für die Erarbeitung des Berichts verwendet?

Das Ziel der «Perspektiven Schweiz 2040» ist es, mögliche langfristige Entwicklungen für die Schweiz zu erkennen und zur Stärkung der strategischen Planung beizutragen. Wir haben uns daher für die Szenariotechnik entschieden; eine etablierte Methode der strategischen Vorausschau, die sich gut dazu eignet, anstehende Entwicklungen, Chancen und Herausforderungen sichtbar zu machen. Im Wesentlichen werden dabei gestützt auf Beobachtungen und Annahmen verschiedene Zukunftsbilder erarbeitet. Wir haben zu Beginn entschieden, den Prozess ergebnisoffen zu führen und bewusst darauf verzichtet, ein Referenzszenario oder Idealbild zu skizzieren. Sämtliche Szenarien enthalten sowohl positive als auch negative Elemente und spiegeln somit die Logik der realen Welt.

Gestützt auf eine breite Literaturrecherche und eine Umfrage bei rund 60 Expertinnen und Experten aus Bundesverwaltung und Wissenschaft wurden hierfür zunächst zahlreiche Faktoren, welche die Zukunft der Schweiz beeinflussen, identifiziert. Anschliessend wurden daraus in einem Workshop die neun einflussreichsten Schlüsselfaktoren destilliert. Diese Schlüsselfaktoren bildeten die Basis, um den Szenarien-Raum mit drei globalen Szenarien sowie deren Auswirkungen auf die Schweiz zu erarbeiten.

Welches sind die Kernaussagen des Berichts?

Es mag jetzt vielleicht trivial klingen, aber für mich macht der Bericht deutlich, dass die Zukunft keineswegs vorgespurt ist. Dies gilt insbesondere in unserer heutigen stark vernetzten Zeit, welche von schnellen und teils disruptiven Veränderungen geprägt ist. Diese Ungewissheit stellt eine Herausforderung dar, sie schafft aber auch Handlungsspielräume und ermöglicht es, alternative Zukunftsentwürfe zu gestalten. Mit den «Perspektiven Schweiz 2040» wollen wir mögliche langfristige Entwicklungen für die Schweiz erkennen und damit zur Stärkung der strategischen Planung beitragen. Das frühzeitige Erkennen von künftigen Entwicklungen gewinnt vor diesem Hintergrund zunehmend an Bedeutung.

Ist es eine Weiterentwicklung des Berichts «Schweiz 2035» oder wurde ein komplett neuer Ansatz mit neuen Themen gewählt?

Es gibt verschiedene Ansätze, um wichtige Entwicklungen, Trends oder Zukünfte sichtbar zu machen. Wichtig ist dabei, dass wir offen für verschiedene Ansätze bleiben und auch den Mut haben, andere Ansätze auszuprobieren. Zwischen dem im Jahr 2022 erschienenen Bericht «Schweiz 2035» und dem nun vorliegenden Bericht «Perspektiven Schweiz 2040» besteht eine gewisse Kontinuität. Methodisch wurde jedoch bei den Berichten ein unterschiedlicher Ansatz gewählt. Der Bericht «Schweiz 2035» besteht aus themenspezifischen Kurzanalysen von inländischen und ausländischen Think-Tanks zu wichtigen Fragen, die die Schweiz voraussichtlich im Jahr 2035 beschäftigen dürften. Im Bericht «Perspektiven Schweiz 2040» hingegen wurden Szenarien erarbeitet. Beide Ansätze scheinen mir als Grundlagen für die politische Planung des Bundesrats wertvoll.

Wie stark prägen die momentanen geopolitischen Verwerfungen die skizzierten Szenarien?

Die geopolitischen Verhältnisse bilden den ersten der neun identifizierten Schlüsselfaktoren. Die Szenarien sind stark von diesem Aspekt geprägt, was sicher auch der aktuellen Weltlage geschuldet ist. Einige der Befragungen fanden in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu wichtigen politischen Ereignissen statt, darunter dem Krieg in der Ukraine sowie handelspolitischen Herausforderungen. Diese haben die Diskussionen an den Workshops sicherlich auch geprägt und ich kann mir gut vorstellen, dass die Szenarien einen anderen Fokus hätten, wenn die Workshops beispielsweise während der Corona-Pandemie durchgeführt worden wären.

Die skizzierten Szenarien vermitteln das Bild einer eher düsteren Zukunft. Worin liegt die Stärke der skizzierten Szenarien?

Ich würde die skizzierten Zukunftsbilder nicht als düster bezeichnen, sondern eher als herausfordernd. Dabei scheint mir auch wichtig zu sagen, dass die Szenarien weder ein Idealbild noch die wahrscheinlichste Zukunft darstellen. Jedes Szenario enthält jeweils positiv sowie negativ bewertbare Elemente und ermöglicht dadurch eine Auseinandersetzung. Die Stärke der Szenarien liegt für mich darin, dass sie eine grosse Bandbreite möglicher – auch unbequemer – Entwicklungen sichtbar machen. Sie schaffen damit eine wertvolle Grundlage, um Herausforderungen und Chancen frühzeitig zu erkennen und proaktiv anzugehen.

Bitte kommentieren Sie kurz die sechs Handlungsfelder. Wen sieht der Bericht in der Pflicht, die Verantwortung für die einzelnen Handlungsfelder zu übernehmen?

Die Handlungsfelder wurden aus dem Szenarien-Raum abgeleitet. Diese werden für die nahe und mittlere Zukunft der Schweiz von grosser Relevanz sein und sollten angemessen adressiert werden.

Sie verdeutlichen zentrale Prioritäten: den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, die Schweiz als Technologie- und Wissensstandort sowie ihre digitale Souveränität stärken, wirtschaftliche Prosperität durch resiliente Strukturen fördern, den Herausforderungen des Klimawandels wirksam begegnen, die internationale Rolle der Schweiz und ihre Beziehungen zu wichtigen Partnern weiterentwickeln sowie Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit angesichts neuer Bedrohungen stärken.

Für Ihre Leserschaft dürfte insbesondere das Handlungsfeld «Technologie- und Wissensstandort Schweiz» von Interesse sein. Es zeigt unter anderem auf, wie wichtig gute Rahmenbedingungen für Bildung, Forschung und Innovation sind und dass es gilt, diese zu erhalten und weiter zu optimieren.

In der Verantwortung sieht der Bericht in erster Linie Bund und Kantone, die die Handlungsfelder in der politischen Planung angemessen adressieren und bereits in der Gegenwart angehen sollen. Bei einigen Handlungsfeldern liegt die Verantwortung jedoch auch bei Wirtschaft und Bevölkerung. Ich möchte hier aber festhalten, dass der Bericht keine konkreten Massnahmen und Prioritäten setzt. Denn dies ist Aufgabe von Bundesrat und Parlament. Mit der Botschaft zur Legislaturplanung 2027–2031 wird der Bundesrat dem Parlament konkrete Leitlinien, Ziele und Massnahmen unterbreiten. Die Handlungsfelder bilden eine Grundlage für diese Botschaft, welche mein Team gemeinsam mit den Departementen zurzeit erarbeitet.

Wo sieht der Bericht die technologische Entwicklung der Schweiz auf Kurs? Und in welchen Bereichen läuft die Schweiz Gefahr, die technologische Entwicklung bis 2040 zu verpassen?

Der Bericht skizziert drei Szenarien, wobei keines der Szenarien als das wahrscheinlichste oder ideale zu betrachten ist. In zwei Szenarien sieht der Bericht die Schweiz insbesondere in der Biotechnologie sowie in der Robotik auf Kurs, da sie hier über gute Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen verfügt, um eine globale Führungsrolle einzunehmen. Zugleich werden in diesen Szenarien bei den digitalen Technologien und Plattformen grosse Abhängigkeiten sichtbar. Die Schweiz – sowie auch die anderen europäischen Staaten – bleibt diesbezüglich deutlich im Rückstand und ist abhängig von Unternehmen mit Sitz im Ausland. In den Szenarien sind sich Politik und Wirtschaft dessen zwar bewusst, es gelingt ihnen jedoch nicht, überzeugende Alternativen aufzuzeigen. Dadurch wird auch deutlich, dass Massnahmen zur Stärkung der digitalen Souveränität an Bedeutung gewinnen.

Der Bericht nennt Biotechnologie und Robotik als zwei Technologien, in denen die Schweiz eine Führungsrolle übernehmen kann. Worauf basiert diese Aussage?

Sämtliche Aussagen des Berichts basieren auf Einschätzungen von Expertinnen und Experten aus der Bundesverwaltung bzw. der Wissenschaft, welche mit Literaturrecherchen verifiziert wurden. Sie nehmen mit Ihrer Frage direkten Bezug auf das Szenario «dominierende Macht». In diesem schreitet die technologische Entwicklung weltweit rasant voran und die Schweiz kann im Bereich der Biotechnologie und der Robotik eine Führungsrolle einnehmen und massgeblich zur Entwicklung neuer Technologien beitragen.

Eines der sechs Handlungsfelder im Bericht betrifft die Klima- und Ökosysteme. Der Technology Outlook der SATW zeigt zahlreiche Technologien auf, die zur Senkung von Treibhausgasemissionen beitragen können. Welche Rolle spielen diese im Handlungsfeld?

Im Handlungsfeld «Klima- und Ökosysteme» selbst liegt der Fokus weniger auf einzelnen Technologien als auf der Reduktion der Treibhausgasemissionen zur Erreichung des 2-Grad-Ziels sowie auf Anpassungsmassnahmen an die Folgen des Klimawandels.

In den Szenarien wird aber ein klarer Zusammenhang zwischen der technologischen Entwicklung und den globalen Durchschnittstemperaturen deutlich. Neue Technologien zur Senkung von Emissionen spielen deshalb eine wichtige Rolle. Dabei zeigen unsere Szenarien auch, dass die geopolitischen Verhältnisse einen grossen Einfluss auf die Entwicklung und Verbreitung von solchen Technologien haben.

Zur Person

Rachel Salzmann ist seit dem 1. Juli 2024 Vizekanzlerin und leitet den Bereich Bundesrat der Bundeskanzlei. Gemeinsam mit dem Bundeskanzler und dem Bundesratssprecher verantwortet sie die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Bundesratssitzungen. Sie führt acht Organisationseinheiten mit rund 150 Mitarbeitenden, unter anderem für Sprachdienstleistungen, Amtliche Publikationen und Rechtserlasse, und ist für die Politische Planung des Bundes zuständig. Salzmann stammt aus Naters (VS). Sie studierte an der Universität Bern Geschichte sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften und absolvierte an der Berner Fachhochschule einen Executive MBA mit Vertiefung Public Management. Von 2012 bis 2018 arbeitete sie im Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), die letzten vier Jahre als persönliche Mitarbeiterin von Bundesrätin Doris Leuthard. Anschliessend war sie Head Public and Regulatory Affairs bei der Credit Suisse Energy Infrastructure Partners AG und zuletzt Leiterin des CEO-Stabs der CSS Krankenversicherung.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Claudia Schärer
Expertise Rachel Salzmann