Normen schaffen es selten in die Schlagzeilen. Dennoch gehören sie zu den wirkungsvollsten Instrumenten, die Organisationen anwenden können, um politische Ambitionen in praktische Lösungen umzusetzen. Besonders deutlich zeigt sich das im europäischen KI-Ökosystem, wo Normen die Anforderungen des EU AI Acts in konkrete technische und organisatorische Vorgaben übersetzen und damit eine zentrale Rolle bei dessen praktischer Umsetzung spielen sollen.
Als Sekretär des CEN-CENELEC JTC 21 «Künstliche Intelligenz» hatte ich das Privileg, diesen Prozess aus nächster Nähe mitzuverfolgen. Die Arbeit war bisher ebenso herausfordernd wie bereichernd und hat mir einen einzigartigen Einblick darin gegeben, wie Europa über neue Technologien diskutiert und gemeinsame Lösungen entwickelt.
Die meisten Menschen kennen Normen wie ISO 9001 oder die verschiedenen Normen zur Cybersecurity. Nur wenige wissen jedoch, wie Normen tatsächlich entstehen.
Der europäische Normungsprozess beruht auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: dem Konsens der Interessengruppen.
Im Gegensatz zu Gesetzen werden Normen nicht allein von Regierungen verfasst. Sie werden von Fachleuten aus Industrie, Wissenschaft, Behörden, Konsumentenorganisationen, NGOs und vielen weiteren Bereichen entwickelt. Diese Fachleute kommen zusammen, um zu diskutieren, zu debattieren und sich schliesslich darauf zu einigen, wie bewährte Praxis in einem bestimmten Bereich aussieht.
Am Anfang steht in der Regel ein konkreter Bedarf, etwa aufgrund neuer technologischer Entwicklungen, Marktanforderungen, regulatorischer Vorgaben oder gesellschaftlichen Herausforderungen. Sobald ein neues Normungsvorhaben beschlossen wurde, werden Fachleute für die entsprechenden Arbeitsgruppen benannt und die Ausarbeitung der Norm beginnt.
Anschliessend wird der Entwurf durch mehrere Runden technischer Diskussionen, interner Überprüfungen, öffentlicher Konsultationen und formeller Abstimmungen verfeinert. Nationale Normungsgremien koordinieren die Beiträge der Interessengruppen in ihren jeweiligen Ländern und bringen die konsolidierten Standpunkte in die europäischen Diskussionen ein.
Interaktive Infografik
Der europäische Normungsprozess beruht auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: dem Konsens der Interessengruppen.
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Am Anfang steht in der Regel ein konkreter Bedarf, etwa aufgrund neuer technologischer Entwicklungen, Marktanforderungen, regulatorischer Vorgaben oder gesellschaftlicher Herausforderungen.
Sobald ein neues Normungsvorhaben beschlossen wurde, werden Fachleute für die entsprechenden Arbeitsgruppen benannt und die Ausarbeitung der Norm beginnt.
Anschliessend wird der Entwurf durch mehrere Runden technischer Diskussionen, interner Überprüfungen, öffentlicher Konsultationen und formeller Abstimmungen verfeinert.
Nationale Normungsgremien koordinieren die Beiträge der Interessengruppen in ihren jeweiligen Ländern und bringen die konsolidierten Standpunkte in die europäischen Diskussionen ein.
Schritt 1 von 3
Einen Konsens zu erreichen kann Zeit in Anspruch nehmen, insbesondere bei komplexen, sich rasch entwickelnden Technologien. Genau darin liegt aber auch eine der grössten Stärken der Normung. Auf diese Weise entstandene Normen spiegeln in der Regel vielfältige Perspektiven wider und sind letztlich praktischer, ausgewogener und breiter akzeptiert als alles, was eine einzelne Organisation allein hervorbringen könnte.
Für eine Technologie wie die künstliche Intelligenz ist das von grosser Bedeutung, denn so werden technisches Fachwissen, gesellschaftliche Bedenken und regulatorische Erwartungen gemeinsam abgewogen, anstatt isoliert betrachtet.
Vor diesem Hintergrund gründeten das European Committee for Standardization (CEN) und das European Committee for Electrotechnical Standardization (CENELEC) im März 2021 das Joint Technical Committee 21 (JTC 21) für künstliche Intelligenz. Das Komitee wurde ins Leben gerufen, um Europa eine eigene Plattform für die Entwicklung von KI-Normen zu bieten, und wurde später zur zentralen Anlaufstelle für die Erstellung der Normen, die den Normungsauftrag der Europäischen Kommission im Zusammenhang mit dem EU AI Act unterstützen.
Heute beteiligen sich Fachleute aus mehr als 20 europäischen Ländern an der Arbeit des JTC 21. Sie vertreten Grossunternehmen, KMU, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Regierungsbehörden, Konsumentenorganisationen und zivilgesellschaftliche Organisationen.
Das Mandat des Komitees umfasst ein breites Spektrum an KI-bezogenen Themen wie Risikomanagement, Qualitätsmanagement, Vertrauenswürdigkeit, Cybersecurity Datensätze, Bias, Konformitätsbewertung und vieles mehr, allesamt relevant für die Umsetzung des EU AI Acts.
Vor allem aber schlägt JTC 21 eine Brücke zwischen regulatorischen Anforderungen und der praktischen Umsetzung. Gesetzgebung allein ist oft zu allgemein gehalten, um als Leitfaden für die technische Arbeit zu dienen. Normen schliessen diese Lücke und bieten die detaillierten Spezifikationen, Methoden und Leitlinien, die Organisationen benötigen, um die Vorgaben tatsächlich umzusetzen.
Als sich für Danish Standards die Gelegenheit bot, das Sekretariat des JTC 21 zu übernehmen, sah ich darin eine seltene Chance, direkt zu einer der bedeutendsten Initiativen der europäischen Digitalpolitik beizutragen.
Der EU AI Act ist ein ehrgeiziger Versuch, eine transformative Technologie zu regulieren und gleichzeitig Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu schützen. Doch die Gesetzgebung allein kann dieses Gleichgewicht nicht herstellen; Normen sind ein entscheidender Baustein, um dieses Ziel zu erreichen.
Diese Schnittstelle zwischen Technologie, Politik, Governance und der Einbindung von Interessengruppen war einer der Gründe, warum mich diese Rolle gereizt hat. Es ist selten, eine Position zu finden, die all diese Dimensionen vereint und gleichzeitig direkten Einfluss darauf hat, wie Organisationen in ganz Europa zukünftige Anforderungen erfüllen werden.
Für Danish Standards hat die Übernahme des Sekretariats auch strategische Bedeutung innerhalb der europäischen Normungslandschaft. Sie ermöglicht es uns, Diskussionen zu moderieren, die Zusammenarbeit zwischen den Interessengruppen zu fördern und dazu beizutragen, dass europäisches Fachwissen in den zu entwickelnden Normen angemessen berücksichtigt wird.
Wenn man «Sekretär:in» hört, denkt man oft an administrative Unterstützung. In Wirklichkeit ist die Rolle viel umfassender.
Das Sekretariat ist das operative Rückgrat des Komitees. Es koordiniert Sitzungen, unterstützt die Arbeitsgruppen, erleichtert die Kommunikation, steuert Prozesse, stellt die Einhaltung der Verfahrensregeln sicher und gewährleistet den Fortschritt in einem komplexen Portfolio von Projekten.
Ein grosser Teil der Arbeit besteht darin, Menschen zusammenzubringen.
JTC 21 bringt Fachleute mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, Prioritäten und Erfahrungen zusammen. Einen Rahmen zu schaffen, in dem diese Perspektiven offen und konstruktiv diskutiert werden können, ist entscheidend, um einen Konsens zu erreichen.
Das Sekretariat fungiert zudem als Schnittstelle zwischen der Komiteeleitung, den Arbeitsgruppen, der CEN-CENELEC-Geschäftsführung, der Europäischen Kommission, den nationalen Normungsorganisationen und einer Vielzahl externer Interessengruppen. In dieser Rolle ist Koordinationsarbeit ebenso wichtig wie technisches Fachwissen.
Einer der bereicherndsten Aspekte dieser Aufgabe ist es, das grosse Engagement in ganz Europa mitzuerleben.
KI entwickelt sich rasant weiter, und die Meinungen dazu gehen weit auseinander. Das Zusammenbringen von Fachpersonen aus verschiedenen Ländern und Branchen schafft ein Umfeld, in dem ständig Wissen ausgetauscht wird. Jedes Treffen bringt neue Einblicke in neue Technologien, Herausforderungen bei der Umsetzung und regulatorische Überlegungen.
Diese Rolle hat mir zudem die Möglichkeit gegeben, die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Normungsgremien zu stärken und ein breiteres Bewusstsein für den Wert von Normen zu schaffen.
In den letzten Jahren hat sich zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Normen nicht nur technische Dokumente sind. Sie sind strategische Instrumente für Innovation, Marktzugang, Vertrauen, Interoperabilität und die Einhaltung regulatorischer Vorgaben gleichermassen.
Zu beobachten, wie sich dieses Verständnis im gesamten KI-Ökosystem durchsetzt, war ermutigend.
Dieser Weg verlief nicht ohne Schwierigkeiten.
Mit der weiteren Umsetzung des EU AI Acts in Europa werden Normen künftig eine noch wichtigere Rolle spielen.
Die vom JTC 21 erarbeiteten Normen sollen Organisationen dabei helfen, Anforderungen zu verstehen, wirksame Governance-Strukturen aufzubauen, Risiken zu reduzieren und vertrauenswürdige KI-Systeme zu entwickeln.
Für mich persönlich hat diese Rolle eine einfache Erkenntnis bestätigt: Wirklicher Fortschritt entsteht selten durch die Leistung Einzelner allein.
Die Stärke der Normung liegt in ihrer Fähigkeit, konkurrierende Unternehmen, Regulierungsbehörden, Forschende und die Zivilgesellschaft an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Probleme zu lösen. In einem so transformativen Bereich wie der künstlichen Intelligenz ist dieser kooperative Ansatz besonders wichtig.
Die Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen, aber es ist spannend, an der Gestaltung eines Rahmens mitzuwirken, der die Entwicklung und den Einsatz vertrauenswürdiger KI in Europa über viele Jahre hinweg prägen wird.