Agentenbasierte KI geht über klassische Assistenzsysteme hinaus: Sie soll nicht nur Informationen liefern, sondern innerhalb definierter Rahmenbedingungen Aufgaben planen, koordinieren und ausführen.
Erste Industrieanwendungen zeigen bereits heute einen konkreten Nutzen: So konnte das Unternehmen Change3D Teile seiner administrativen Auftragsabwicklung automatisieren und den Aufwand deutlich reduzieren.
Die Zukunft der Industrie liegt nicht in autonomen KI-Systemen allein, sondern im Zusammenspiel von Menschen, KI-Agenten und intelligenten physischen Systemen wie Robotern. Ziele, Aufsicht und Verantwortung verbleiben dabei beim Menschen.
Der Einsatz agentenbasierter KI wirft gesellschaftliche Fragen auf: Themen wie Wertschöpfung, Kompetenzen, Beschäftigung und die Verteilung von Produktivitätsgewinnen müssen aktiv gestaltet werden.
Für den Industriestandort Schweiz ergeben sich unterschiedliche Zukunftspfade: vom Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit über technologische Abhängigkeit bis hin zu einer souveränen Industrie 5.0, die eigene Kompetenzen in KI und Robotik aufbaut und mitgestaltet.
Die SATW-Fachgruppe Digital Industry startet mit einem neuen Format: Künftig steht jede Sitzung im Zeichen eines Schwerpunktthemas, dessen zentrale Erkenntnisse in einem Newsbeitrag aufbereitet werden. Damit soll der Austausch innerhalb der Fachgruppe sichtbarer gemacht und die Schweizer Industrie sowie die Advanced-Manufacturing-Community über relevante technologische Entwicklungen informiert werden. Zum Auftakt widmet sich die Fachgruppe einem Thema, das weit über klassische Automatisierung hinausgeht: der agentenbasierten KI und ihrer möglichen Rolle in der Industrie von morgen.
Change3D, ein Schweizer Anbieter für additive Fertigung (3D-Druck), konnte mithilfe von künstlicher Intelligenz einen Teil seiner administrativen Auftragsabwicklung automatisieren. Dadurch spart das Unternehmen viel Zeit ein. Gemäss Kevin Seliner, dem Chief Sales Officer von Change3D, beträgt die jährliche Zeiteinsparung umgerechnet etwa 1200 Arbeitsstunden.
Das Beispiel zeigt, dass der Nutzen von KI nicht gleich in einer vollständig autonomen Fabrik resultieren muss. Schon in der Auftragsabwicklung kann sie dazu beitragen, den manuellen Aufwand deutlich zu reduzieren. Zugleich stellt sich die Frage, was möglich wird, wenn KI nicht nur isolierte Tätigkeiten unterstützt, sondern zusammenhängende Abläufe übernimmt.
Diesen Blick nach vorn wagte Dr. Dominic Gorecky, Leiter der Swiss Smart Factory (SSF) am Switzerland Innovation Park Biel/Bienne und Mitbegründer des Swiss Cobotics Competence Center (S3C), in seinem Inputreferat «Industry 5.0: Vision & Future Outlook». In seinem Modell bildet Industrie 4.0 mit vernetzten Maschinen, durchgängigen Daten und integrierten Prozessen die Grundlage. Industrie 5.0 baut auf dieser Basis auf und erweitert sie um eine konsequent menschenzentrierte Perspektive sowie um Technologien wie generative KI, KI-Agenten und physische KI. Der nächste Entwicklungsschritt führt damit von der reinen Digitalisierung hin zur Autonomisierung von Prozessen und Systemen.
Aus einzelnen, automatisierten Aufgaben werden verknüpfte Arbeitsabläufe und ganze Arbeitspakete. Die Vision «Ein Prompt, ein Arbeitspaket» beschreibt Systeme, die innerhalb eines vorgegebenen Rahmens Arbeit planen, ausführen, überprüfen und verbessern. So könnte beispielsweise zukünftig ein einziger Prompt die Entwicklung eines neuen Produkts anstossen – von der Analyse der Anforderungen über Konzept und Konstruktion bis hin zu Simulation, Dokumentation und Vorbereitung der Produktion. Ähnliches ist für komplette Kundenaufträge, die Produktionsplanung oder die Optimierung einer Fertigungslinie denkbar.
Das ist eine Entwicklungsrichtung und kein Versprechen uneingeschränkter Autonomie. Ziele, Aufsicht und abschliessende Entscheidungen bleiben beim Menschen.
Von der Digitalisierung zur Autonomisierung: Industrie 5.0 baut auf den Grundlagen von Industrie 4.0 auf und ergänzt diese um menschenzentrierte Ansätze sowie Technologien wie generative KI, KI-Agenten und physische KI. Bild: Dominic Gorecky, Swiss Smart Factory (SSF).
Im Zentrum steht dabei nicht eine einzelne Technologie, sondern das Zusammenspiel von drei Rollen: dem digital unterstützten Menschen, dem KI-Agenten und der physischen KI.
Im Zentrum von Industrie 5.0 steht das Zusammenspiel von Mensch, KI-Agent und physischer KI. Entscheidend ist nicht die einzelne Technologie, sondern die effektive Zusammenarbeit dieser Rollen entlang der Wertschöpfung. Bild: Dominic Gorecky, Swiss Smart Factory (SSF).
Der augmented Operator bringt Erfahrung, Fachwissen und Urteilsvermögen ein. Digitale Assistenz und KI sollen ihn dabei unterstützen, Informationen zu nutzen, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu bewältigen.
Der KI-Agent bearbeitet digitale Aufgaben und koordiniert Arbeitsschritte. Anders als ein reines Dialogsystem soll er nicht nur Antworten formulieren, sondern innerhalb definierter Befugnisse sowie im Zusammenspiel mit dem Menschen und anderen KI-Agenten zur Ausführung von Arbeit beitragen.
Die physische KI verbindet diese Fähigkeiten von KI-Agenten mit der realen Welt. Dabei übernehmen autonome Systeme bestehend aus Sensoren und Robotern körperliche Aufgaben im Betrieb und schützen oder entlasten den Menschen bei der Arbeit.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, was ein KI-System allein leisten kann, sondern wie Menschen, digitale Agenten und physische Systeme ein verlässliches Team bilden.
Diese Perspektive eröffnet Potenziale für produktivere, anpassungsfähigere und menschenzentrierte Abläufe. Die erfolgreiche Umsetzung benötigt eine gesamtheitliche Strategie. Das «Team Industrie 5.0» benötigt eine tragfähige Daten- und Technologiegrundlage, klare Zuständigkeiten und geeignete Kompetenzen, um die resultierenden Risiken bewusst zu adressieren.
Die Diskussion der SATW-Fachgruppe Digital Industry ging über betriebliche Effizienz hinaus. Denn wenn die bislang von Menschen erbrachte Wertschöpfung zunehmend durch digitale und physische KI geleistet wird, betrifft das die Gesellschaft als Ganzes. Es geht nicht mehr nur darum, bestehende Arbeit schneller zu erledigen, sondern auch darum, wie sich Aufgaben, Rollen und die Verteilung von Wertschöpfung verändern.
Daraus ergeben sich grundlegende Fragen: Wem kommen Produktivitätsgewinne zugute? Wie bleiben Menschen an der Wertschöpfung beteiligt? Welche Fähigkeiten werden künftig benötigt, und wie gelingt der Übergang für Beschäftigte? Eine menschenzentrierte Industrie 5.0 entsteht nicht automatisch durch den Einsatz neuer Technik. Sie muss bewusst gestaltet werden.
Um die Konsequenzen aufzuzeigen, die sich aus dem «Team Industrie 5.0» ergeben, formulierte Dominic Gorecky drei zugespitzte Zukunftsbilder für den Industriestandort Schweiz: Die Schweiz verliert den Anschluss, macht sich abhängig oder bestimmt mit. Diese Szenarien sind als Denkanstösse zu verstehen, um die Diskussion für eine nachhaltige KI-Ausrichtung anzustossen.
Das alpine Museum. Die industrielle Produktion in der Schweiz ist immer weniger wettbewerbsfähig und verschwindet schrittweise aus dem Land. Was bleibt, sind vor allem Dienstleistungen, Landwirtschaft und Tourismus. Das Bild stillgelegter Fabriken steht für einen Standort, der zu lange abwartet und dadurch einen zentralen Teil seiner industriellen Wertschöpfung verliert.
Die KI-Kolonie. Die Industrie nutzt KI, bezieht die entscheidenden Technologien jedoch von aussen und baut eigene Fähigkeiten nur unzureichend auf. In diesem Szenario wird zwar modernisiert, doch wesentliche technologische Entscheidungen und Teile der Wertschöpfung liegen ausserhalb der Schweiz. Der Standort ist Anwender, prägt die Entwicklung aber nicht mit.
Die souveräne Industrie. Die Schweiz gestaltet eine eigenständige Industrie 5.0 und verbindet ihre industrielle Basis mit eigenen Kompetenzen in KI und Robotik. In diesem Zukunftsbild arbeiten Menschen, KI-Agenten und physische Systeme zusammen; Nachhaltigkeit, Resilienz und Menschenzentrierung werden Teil der industriellen Erneuerung. Souveränität muss dabei nicht heissen, jede Komponente selbst herzustellen. Entscheidend ist, zentrale Technologien zu verstehen, mitzugestalten und selbstbestimmt einzusetzen.
Eine zentrale Überzeugung kristallisierte sich aus dem Austausch heraus. Die Schweiz hat das Potenzial, bei dieser Entwicklung mitzuhalten. Entscheidend ist, ob der Wille zur Digitalisierung auch in konkretes Handeln übersetzt wird. Dazu gehört, digitale Grundlagen weiterzuentwickeln, geeignete Anwendungen zu erproben, Kompetenzen aufzubauen und die Mitarbeitenden einzubeziehen.
Zwischen alpinem Museum, KI-Kolonie und einer eigenständigen Industrie 5.0 entscheidet nicht allein die Technologie. Es geht auch um die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene industrielle Zukunft zu übernehmen. Die Frage «Quo vadis, Schweiz?» ist damit vor allem eine Einladung zum Mitgestalten.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Dominic Gorecky |
| Expertise | Manuel Kugler, Guido Piai, Daniel Schmid |