45 Jahre SATW: Von der Vision zur gestaltenden Kraft

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Am 9. April 1981 einigen sich die neun Fachgesellschaften im Bundeshaus in Bern einstimmig, die Vereinsstatuten anzunehmen und damit den Grundstein für die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften SATW zu legen. 45 Jahre später ist die Organisation das, was sich ihre Gründenden erhofft hatten: eine unabhängige, gestaltende Akteurin an der Schnittstelle von Technik, Wissenschaft und Gesellschaft.

Die Präsidenten der SATW seit ihrer Gründung – von Heinrich Ursprung (1981–1987) bis zu Benoît Dubuis (seit 2022) – haben die SATW über vier Jahrzehnte hinweg geprägt (v. l. n. r.): Ambros Speiser (1987–1993), Jean-Claude Badoux (1993–1999), Willi Roos (1999–2005), René Dändliker (2005–2011), Ulrich W. Suter (2011–2017), Willy Gehrer (2017–2021), Christofer Hierold und Peter Seitz (Co-Präsidium ad interim 2021–2022).

Die Wurzeln der SATW reichen zurück in eine wirtschaftlich angespannte Zeit. Die Finanzkrise Ende der 1970er-Jahre stellte die Schweiz vor grosse Herausforderungen: Der Franken wertete sich innert kurzer Zeit stark auf, die Inflation nahm zu und die Arbeitslosigkeit stieg. In dieser Situation suchte die Politik nach Wegen, die Innovationskraft des Landes zu stärken.

Waldemar Jucker, Nationalökonom und Delegierter für Konjunkturfragen des Bundes, erkannte ein strukturelles Problem: Es fehlte ein klarer Ansprechpartner für technische Fragen, und die bestehenden Fachverbände traten oft uneinheitlich auf. Die Idee einer gemeinsamen Plattform für die technischen Wissenschaften gewann an Bedeutung.

Engagierte Persönlichkeiten aus Industrie, Wissenschaft und Fachverbänden – darunter Albert R. Nussbaumer, damals Direktor für allgemeine Technik der Firma Sandoz, und Prof. Urs Hochstrasser, damals Leiter der Abteilung für Wissenschaft und Forschung – griffen diese Herausforderung auf. Sie initiierten eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, die Kräfte zu bündeln und eine nationale Akademie zu schaffen. Nach intensiver Vorarbeit wurde im Jahr 1981 die SATW in Zürich gegründet.Bundesrat Hans Hürlimann, der dem Gründungsakt beiwohnte, formulierte den Auftrag klar: «Brücken bauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen Fachleuten und Öffentlichkeit, zwischen Gegenwart und Zukunft». Dieser Anspruch prägt die Arbeit der SATW bis heute.

«Seit 45 Jahren steht die SATW für eine unabhängige Stimme der technischen Wissenschaften in der Schweiz. Was unsere Gründenden erkannt haben, ist heute dringlicher denn je: Technik und Gesellschaft gehören untrennbar zusammen.»

Prof. Benoît Dubuis, Präsident der SATW

Themen, die heute bewegen

Was 1981 als Idee begann, hat sich zu einem breiten Tätigkeitsfeld entwickelt. Die SATW vereint heute rund fünfzig Gesellschaften, Verbände und Institutionen aus allen Bereichen der technischen Wissenschaften. Sie fördert gezielt den Nachwuchs, stärkt die Vernetzung innerhalb der Fachcommunity und bringt technologische Perspektiven in gesellschaftliche und politische Diskussionen ein. Mit Stellungnahmen zu aktuellen Themen wie Energieversorgung, digitale Souveränität oder Innovationskraft leistet die SATW einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung. Gleichzeitig setzt sie sich dafür ein, dass technologische Entwicklungen verantwortungsvoll gestaltet und in der Gesellschaft breit akzeptiert werden.

Die SATW bearbeitet technologische Zukunftsfragen unserer Zeit zu brennenden Themen wie Cybersecurity, künstliche Intelligenz und Versorgungssicherheit unabhängig, faktenbasiert und praxisorientiert. Ihre Publikationen übersetzen komplexe Fragen in konkrete Handlungsempfehlungen. Wie baut die Industrie Vertrauen in digitale Angebote auf? Wie gelingt der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis? Welche Chancen bieten grüne Technologien für Schweizer Bergregionen?

Mit der nationalen Plattform SAIROP (kurz für: Swiss AI Research Overview Platform) koordiniert und vernetzt die SATW Forschende, Unternehmen und die öffentliche Verwaltung im Schweizer KI-Ökosystem. Interdisziplinäre Zusammenarbeit war schon 1981 der Kern der Gründungsidee und ist es bis heute geblieben.

«In 45 Jahren hat die SATW ein Netzwerk aufgebaut, das Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammenbringt. Das ist kein Selbstzweck – es ist die Voraussetzung dafür, dass technologische Expertise dort ankommt, wo sie gebraucht wird.»

Dr. Esther Koller-Meier, Generalsekretärin SATW

Technologisches Wissen, das Wirkung erzeugt

«45 Jahre SATW» bedeuten auch 45 Jahre Wissenstransfer. Der Technology Outlook steht exemplarisch dafür: Die Plattform macht sichtbar, welche Technologien eine strategische Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Schweiz haben – von Quantencomputing über Bioplastik aus Abfall bis hin zu Synfuels. Nationale Trends, zukunftsrelevante Technologien und konkrete Praxisbeispiele aus Forschung und Industrie sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Den technologischen Wandel mitzugestalten, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Dafür braucht es Antizipation und das frühzeitige Erkennen von Veränderungen wie auch Wissen und Kompetenzen, um adäquat darauf reagieren zu können. Die SATW unterstützt Akteur:innen in Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung in diesem Prozess dank ihrer technologischen Früherkennung, daraus resultierenden Studien und der Schaffung von Dialogformaten.

«Wer technologische Entwicklungen erst wahrnimmt, wenn sie Wirtschaft und Gesellschaft verändern, hat den entscheidenden Moment verpasst. Der Technology Outlook hilft, Signale früh zu erkennen und einzuordnen – damit die Schweiz agiert statt reagiert.»

Dr. Tobias Schlegel, Leiter Tech Intelligence SATW

Nachwuchs: Investition in die Zukunft

Eine hoch technologisierte Gesellschaft braucht Fachkräfte, die sie mitgestalten. Die SATW setzt dort an, wo Technikbegeisterung entsteht: früh und praxisnah. Mit den TecDays an Schweizer Mittelschulen tauchen Jugendliche einen ganzen Tag in interaktive MINT-Module ein. Das Mentoring-Programm Swiss TecLadies begleitet Mädchen und junge Frauen auf ihrem Weg in technische Berufe. Das Technikmagazin Technoscope bietet Lehrpersonen ein praktisches Begleitmedium für den Unterricht. Wer ausserschulische MINT-Angebote sucht – ob als Elternteil, Lehrperson oder aus purer Neugierde – findet auf educamint.ch Hunderte von Workshops, Ausstellungen und Lernorten für alle Altersgruppen.

«Technische Berufe sind zentral für die Zukunft der Schweiz – und gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, genügend Nachwuchs dafür zu gewinnen. Deshalb ist es wichtig, junge Menschen früh zu erreichen und ihnen Technik verständlich zu machen. Technik darf nicht als abstraktes Schulfach erscheinen, sondern als gestaltende Kraft für unsere Zukunft.»

Edith Schnapper, Leiterin Nachwuchsförderung SATW

Gesundes Altern: eine drängende Frage unserer Zeit

Was der erste SATW-Präsident Heinrich Ursprung 1981 die «Phase der Herausforderung» nannte, hat sich konkretisiert. Eine der grossen gesellschaftlichen Fragen der kommenden Jahrzehnte wird die nach dem gesunden Altern sein. Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Doch längeres Leben bedeutet nicht automatisch besseres Leben. Chronische Erkrankungen, kognitive Einschränkungen und soziale Isolation stellen Gesundheitssysteme vor wachsende Herausforderungen. Gleichzeitig eröffnen Entwicklungen in Biosensorik, personalisierter Ernährung und Neurotechnologie neue Wege, Vitalität über die gesamte Lebensspanne zu erhalten.

Genau diesen Fragen widmet sich der Jahreskongress SATW 2026 am 21. Mai auf dem Campus Est USI-SUPSI in Lugano-Viganello. Forschende aus Biologie, Medizin und Ingenieurwissenschaften diskutieren gemeinsam mit Fachleuten aus Wirtschaft und Gesellschaft, welche Rolle Technologie, Ernährung und Prävention dabei spielen können.

Zum Jahreskongress SATW 2026

45 Jahre und der Blick in die Zukunft

Über vier Jahrzehnte hinweg haben unterschiedliche Persönlichkeiten die SATW geprägt und weiterentwickelt. Sie alle haben dazu beigetragen, dass die Akademie heute eine etablierte und geachtete Institution ist – national wie international.

Dabei ist die Grundidee unverändert geblieben: Technik nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenspiel mit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Gerade in einer Zeit tiefgreifender technologischer Transformation ist diese Perspektive entscheidend.

Auch nach 45 Jahren bleibt der Auftrag der SATW hochaktuell. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit – von der Energieversorgung über den Klimawandel bis hin zur digitalen Transformation – verlangen nach fundiertem technischem Wissen und einem offenen Dialog mit der Gesellschaft.

«45 Jahre sind ein Grund zum Innehalten – aber vor allem ein Anlass, nach vorn zu schauen. Wir wollen mit unserer Arbeit zeigen, dass technische Wissenschaften nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern mitten in der Gesellschaft.»

Annika Müller, Leiterin Kommunikation und Marketing SATW

Bildnachweis

Wikimedia-Commons-Bilder:

«Speiser, Ambrosius P. (1922–2003)», Fotograf: Unbekannt, ETH-Bibliothek Zürich / E-Pics Bildarchiv online (DOI), Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

«Ursprung, Heinrich», Fotograf: Unbekannt, ETH-Bibliothek Zürich / E-Pics Bildarchiv online (DOI), Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

«Jean-Claude Badoux», Fotograf: Alain Herzog, Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

SATW-Bilder:

Willi Roos (Präsident 1999–2005), René Dändliker (2005–2011), Ulrich W. Suter (2011–2017), Willy Gehrer (2017–2021), Christofer Hierold und Peter Seitz (Co-Präsidium ad interim 2021–2022). Quelle: SATW.

Alle Bilder wurden bearbeitet und im Mosaik kombiniert. Das Mosaik steht unter der Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Claude Naville