Kritische Strominfrastrukturen: Resilienz stärken ist unerlässlich

Stromausfälle zählen zu den grössten Risiken für die Schweiz – und aktuelle Ereignisse zeigen, wie verwundbar selbst gut ausgebaute Infrastrukturen sein können. SATW-Mitglied Wolfgang Kröger analysiert bestehende Schwachstellen und empfiehlt konkrete Massnahmen, um die Resilienz der Schweizer Stromversorgung vorsorglich zu stärken.

Wolfgang Kröger, emeritierter Professor der ETH Zürich, ist Mitglied der SATW und engagiert sich als Experte für Energiethemen und Leiter der Themenplattform «Autonome Mobilität».

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Strom ist systemkritisch – Ausfälle gefährden Spitäler, Telekommunikation und die gesamte Wirtschaft.
  • Die Bedrohungslage hat sich verschärft – Krieg, Vandalismus und Cyberangriffe machen Strominfrastrukturen angreifbarer.
  • Der geltende (n–1)-Standard reicht nicht aus – Mehrfachausfälle und Kaskadeneffekte werden damit nicht abgedeckt.

Strominfrastrukturen sind zentral für die Versorgung der Schweiz. Ihr stabiler und sicherer Betrieb ist essenziell für die Schweizer Gesellschaft und Wirtschaft und insbesondere für den Betrieb weiterer kritischer Infrastrukturen wie beispielsweise Spitäler oder die Telekommunikation. Die am 2. März 2026 vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS aktualisierte nationale Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» zählt eine Strommangellage und Stromausfälle zu den bedeutendsten Risiken für die Schweiz.

Aktuelle Ereignisse rücken die Verwundbarkeit und Resilienz (vgl. Box unten) kritischer Infrastrukturen in den Fokus: Grossflächige Ausfälle der Stromversorgung durch den Krieg in der Ukraine und zuletzt in Berlin sowie zunehmende Bedrohungen durch Vandalismus, gezielte Cyber-Angriffe und eine weltweit verschärfte Sicherheitslage drängen die Schweiz zum Handeln.

Der Stand der Dinge

Vieles wurde bereits unternommen, um den Schutz und die Resilienz auf allen Ebenen zu verstärken. Die nationale Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen vom BABS (2023) bietet eine Übersicht und definiert übergeordnete Ziele und Handlungsgrundsätze. Darauf aufbauend wurden insbesondere für Energieinfrastrukturen regulatorische Vorgaben verstärkt und die Betreiber verpflichtet, entsprechende Massnahmen umzusetzen.

Zudem hat der Bund am 18. Februar 2026 entschieden, in Umsetzung zweier überwiesener Motionen die Arbeiten für entsprechende Gesetzesentwürfe voranzutreiben, um die Resilienz und die Datensicherheit kritischer Infrastrukturen zu verbessern. Weiter befasst sich das vom Bundesamt für Energie unterstützte Forschungskonsortium SWEET RECIPE (Swiss Energy Research for the Energy Transition: A sustainable and resilient energy future for Switzerland) mit einer nachhaltigen und resilienten Energiezukunft für die Schweiz.

Trotzdem bestehen Schwächen, Herausforderungen und Handlungsfelder, die schon seit Langem bekannt sind und von Entscheidungsträger:innen in Politik und bei den kritischen Infrastrukturen dringend angegangen werden sollten. Weitreichendere Lösungsvorschläge zu deren Minderung wurden gemacht, aber die breite Umsetzung solcher Massnahmen scheiterte oft an Hindernissen, sprich an mangelndem Problembewusstsein und vor allem mangelnder Bereitschaft von Unternehmen und Öffentlichkeit, zusätzliche Kosten zu übernehmen und zu entgelten.

Sechs Massnahmen zur Stärkung der Stromresilienz

Um den Schutz und die Resilienz der Schweizer Stromversorgung vorsorglich zu stärken und potenziell grosse Schäden im Ereignisfall zu vermeiden, empfehle ich Politik, öffentliche Verwaltung und Unternehmen die folgenden Massnahmen zu prüfen:

  • Vorgaben und Finanzierung: Von der Politik und den zuständigen Behörden müssen den aktuellen Risiken angepasste regulatorische Vorgaben und die gesicherte Finanzierung erhöhter Schutz- und Resilienz-Massnahmen angestrebt werden.
  • Ergänzungen zum Sicherheitsstandard: Der national und international geforderte Standard der (n–1)-Sicherheit (vgl. Box unten) ist nicht ausreichend. Er ist zu ergänzen durch ein Konzept, das Mehrfachausfälle und Kaskaden mit gemeinsamer Schadensursache abbildet. Solche komplexen Vorfälle haben in der Vergangenheit oft zu grossen Ausfällen geführt und müssen bei der Planung von Gegenmassnahmen berücksichtigt werden.
  • Hohe Resilienz als Ziel: Der Nachweis funktionaler Zuverlässigkeit von Stromversorgungssystemen allein reicht nicht aus. Vielmehr sollte eine hohe Resilienz angestrebt werden. Dies beschränkt sich aber nicht nur – wie heute meist üblich – auf die Vermeidung von Störungen, sondern schliesst die effiziente und rasche Wiederherstellung oder den Ersatz der Funktion nach Ausfällen mit ein.
  • Vorsorgeplanung und Massnahmen: Hohe Resilienz bedingt Vorsorgeplanung und Vorsorgemassnahmen, wozu unter anderem gestärkte Redundanzen (vgl. Box unten) und strategische (kostspielige) Lagerhaltung schwer zu beschaffender Teile – beispielsweise Gross-Transformatoren – gehören, aber auch die Sicherstellung der Kooperation zwischen Behörden, Betreibern und potenziell Betroffenen im Rahmen neuer Herausforderungen.
  • Prädiktive Analysen wie Simulationen: zur Aufdeckung von Schwachstellen im System und zwar mit Methoden, die der Systemkomplexität samt gegenseitigen Abhängigkeiten Rechnung tragen.
  • Neubewertung von sensiblen Informationen: Transparenz- und Datenschutzpflichten der Systembetreiber sind im Hinblick auf Risiken durch Vandalismus und (Cyber-)Angriffe neu zu bewerten.

Die rasche und konsequente Umsetzung dieser Massnahmen erscheint dringend geboten, um das Risiko von gravierenden Ausfällen zu reduzieren und die hohe Versorgungssicherheit der Schweizer Stromversorgung unter neuen Gegebenheiten zu gewährleisten.

Begriffserläuterungen

Resilienz bezeichnet die Widerstands-, Anpassungs- und Regenerationsfähigkeit von Systemen gegenüber Störereignissen, Schocks und Krisen. Sie zielt darauf, gravierende Ausfälle möglichst zu verhindern oder im Ereignisfall die Auswirkungen durch Systemeigenschaften und vorbereitete Massnahmen zur Wiederherstellung zu reduzieren.

Redundanz bedeutet, dass gleiche oder vergleichbare Komponenten oder Systeme mehrfach vorhanden sind und dadurch bei einem Ausfall kritische Dienste durch Ersatz aufrechterhalten werden können.

Der (n–1)-Sicherheitsstandard besagt, dass bei der Planung von Stromnetzen oder anderen kritischen Infrastrukturen Redundanz gewährleistet sein muss, sodass der Ausfall einer einzelnen Komponente nicht zu einer Versorgungsunterbrechung führt.

Kontakt

Prof. Dr. Wolfgang Kröger

Prof. Dr. Wolfgang Kröger

em. Professor

Disclaimer

Die SATW bietet Raum für verschiedene fachliche Perspektiven. Dieser Beitrag stellt eine persönliche Einordnung der Fachperson dar.

Mitwirkende

Rolle Titel + Name
Text von Wolfgang Kröger