Hitze und Trockenheit trafen die Stromproduktion direkt: Beznau musste ab Juni drosseln und zeitweise ganz abschalten, die Laufwasserkraftwerke produzierten deutlich weniger.
Photovoltaik, Schmelzwasser und der Austausch mit dem Ausland federten die Ausfälle ab. Die Schweiz kam glimpflich davon – dank diversifizierter Produktion und flexibler Anbindung an den europäischen Strommarkt.
Der Kühlbedarf steigt: Viele Haushalte kauften ineffiziente mobile Klimageräte. Beschattung, Nachtauskühlung und Wärmepumpen mit saisonaler Speicherung sind die nachhaltigeren Alternativen.
Die Nachwirkungen reichen in den Winter: Der Füllstand der Stauseen liegt seit Juli unter dem Zehnjahresminimum, das Niedrigwasser auf dem Rhein verteuerte den Treibstofftransport. Die Versorgung gilt aktuell als gesichert.
Solche Sommer könnten bis Ende Jahrhundert zum Normalfall werden. Die Massnahmen für mehr Resilienz sind bekannt und müssten jetzt konsequent umgesetzt werden – die Energieperspektiven 2060 liegen erst Ende 2027 vor.
Die Hitzewellen dieses Sommers waren eine unmittelbare Gefahr für die menschliche Gesundheit. Vulnerable Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kleinkinder und kranke Personen litten besonders unter heissen Temperaturen und warmen Nächten. Mit der Hitze und Trockenheit stiegen auch die Gewässertemperaturen, Bäche und Flüsse führten Niedrigwasser oder trockneten aus. Dies gefährdete Fischpopulationen sowie andere Wasserlebewesen und schränkte auch die Handelsschifffahrt auf dem Rhein ein. Bäuerinnen und Bauern beklagten Futtermangel in der Viehwirtschaft und Ernteausfälle beim Pflanzenanbau. Weiter erhöhte die Trockenheit die Waldbrandgefahr, weshalb Ende Juli ein landesweites Feuerverbot ausgesprochen wurde.
Für die Gesellschaft weniger direkt spürbar, aber ebenfalls sehr bedeutend waren die Auswirkungen in der Energieversorgung. Das mit Flusswasser gekühlte Kernkraftwerk Beznau musste ab Juni die Leistung beider Reaktoren wegen der hohen Temperatur des Aarewassers drosseln und wegen weiter steigenden Temperaturen im Juni, Juli und August zeitweise einen oder beide Blöcke ganz abschalten. Auch die Laufwasserkraftwerke an den Flüssen produzieren wegen der Trockenheit deutlich weniger Strom. Dagegen war das Sommerwetter mit vielen Sonnenstunden für die Solarstromproduktion sehr günstig. Weil Solaranlagen in den letzten Jahren massiv zugebaut wurden, konnten diese einen substanziellen Beitrag zur Stromversorgung leisten, wie beispielsweise das Schweizer Radio und Fernsehen und der Tages-Anzeiger berichtet haben.
Die Hitze führte auch dazu, dass Politiker:innen den vereinfachten Einbau von Klimaanlagen als Anpassungsmassnahme fordern. Im internationalen Vergleich sind heute in der Schweiz noch wenige Gebäude mit Klimaanlagen ausgerüstet. Viele Privathaushalte haben in diesem Sommer aber portable Klimageräte gekauft, die oft eine geringe Energieeffizienz aufweisen. Forschende der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa haben geschätzt, dass in einem extremen Szenario mit starker Klimaerwärmung, hohem Bevölkerungswachstum und weitverbreiteter Einführung von Klimaanlagen in Schweizer Haushalten der Energiebedarf bis 2050 erheblich ansteigen könnte. Ein Newsbeitrag der ETH Zürich zeigt dagegen auf, dass es verschiedene andere, nachhaltigere Lösungen für ein angenehmes Raumklima gibt. Beispielsweise können in unserem Klima auch bessere Beschattung, Nachtauskühlung und einfache Ventilatoren für ein angenehmeres Raumklima sorgen. Und in Neubauten können effiziente Wärmepumpensysteme im Sommer Wärme im Untergrund speichern und im Winter wieder für die Heizung nutzen. Insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Kinder und Betagte sowie in Spitälern werden voraussichtlich auch festinstallierte und effiziente Klimaanlagen eingebaut werden müssen.
Christian Schaffner, Energieexperte und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats bei der SATW, ordnet in einem Kurzinterview mit der SATW die Auswirkungen des Hitzesommers auf die Energieversorgung ein.
SATW: Was sind aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Erkenntnisse dieses Sommers für die Schweizer Energieversorgung, insbesondere bezüglich Stromproduktion und Nachfrage? Was könnte kurzfristig verbessert werden?
Christian Schaffner: Im Projekt SPEED2ZERO haben wir an der ETH Zürich mit verschiedenen Forschungspartnern untersucht, wie sich die Klimaerwärmung auf die Energieversorgung auswirken kann. Was klar wurde: Die Wahrscheinlichkeit für intensive Trockenphasen steigt, wie übrigens auch für sehr nasse Jahre. Dieser Sommer war sicher ein Vorgeschmack dafür, was hier noch kommen kann. Schlussendlich sind wir bei der Stromversorgung relativ glimpflich davongekommen, dies aufgrund von zwei Effekten: Die Photovoltaik hat viel Strom geliefert, und die Wasserkraft konnte «dank» Schmelzwasser von den Gletschern immer noch produzieren. Zudem hatten wir einen regen Stromaustausch mit dem Ausland. Es zeigt sich, dass eine diversifizierte Stromproduktion kombiniert mit einer flexiblen Anbindung an den europäischen Strommarkt in jedem Fall positiv ist.
Wegen den fehlenden Niederschlägen seit letztem Winter ist der Füllungsgrad der Schweizer Stauseen sehr tief, wie das Energie-Dashboard des Bundesamts für Energie BFE zeigt. Seit Juli bewegt sich dieser deutlich unter dem Minimum der letzten zehn Jahre und es ist unklar, wie weit sich die Wasserreserven für die Stromproduktion bis im Winter erholen werden. Auch Energieimporte sind von der Trockenheit betroffen. Das Niedrigwasser auf dem Rhein hat die Transportmöglichkeiten für Erdölprodukte mit Tankschiffen eingeschränkt, was den Benzinpreis an den Tankstellen deutlich verteuert. Die zuständigen Bundesstellen sehen die Versorgung aber aktuell als gesichert an. Weil die einzige Schweizer Raffinerie in Cressier Anfang September wegen eines technischen Defektes die Produktion vorübergehend einstellen musste, hat das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung zeitlich und mengenmässig begrenzte Bezüge aus den Mineralöl-Pflichtlagern bewilligt, damit die Versorgung aufrechterhalten kann, wenn sich vorübergehende Engpässe abzeichnen.
SATW: Wie relevant erachten Sie die Nachwirkungen des Hitzesommers für die Versorgungssicherheit? Sind andere Faktoren wie die angespannte geopolitische Lage und deren Auswirkungen auf die Energielieferketten bedeutender?
Christian Schaffner: Wir leben zusehends in einer Zeit mit unterschiedlichen Herausforderungen: Stromversorgung im Winter sowie bei Trockenheit, Versorgung mit fossilen Treib- und Brennstoffen bei geopolitischen Krisen. Aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage sind hohe Preise für Öl, Erdgas und Benzin diesen Winter nicht unwahrscheinlich. Die notwendigen Schritte, um das System kurz- bis mittelfristig resilienter zu machen, sind bekannt: Schnelle Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors und möglichst rascher Ausbau der inländischen Stromproduktion, insbesondere mittels Photovoltaik und hoffentlich auch Wind- sowie Wasserkraft. Dazu müssen wir Flexibilitäten bereitstellen, sei das mittels Batterien, Pumpspeichern oder dem intelligenten Betrieb von Wärmepumpen und Ladestationen und natürlich auch hier nicht zuletzt durch die effiziente Anbindung an das europäische Stromnetz. Auch die Stromnetze müssen ausgebaut werden und vor allem intelligenter betrieben werden und wir benötigen wohl auch der Aufbau von Reservekapazitäten in der Stromversorgung.
Gemäss Meteo Schweiz könnte ein Sommer wie der vergangene gegen Ende des Jahrhunderts zum Normalzustand werden, wenn die derzeit geplanten Massnahmen zur Emissionsreduktion umgesetzt werden und die Erwärmung entsprechend voranschreitet. Auch wenn sich die Klimaveränderung auf einem tieferen Niveau stabilisiert werden kann, sind Massnahmen zur Anpassung an zukünftige Hitze- und Trockenheitsereignisse unabdingbar. Der Bund hat Mitte 2025 die Erarbeitung der Energieperspektiven 2060 gestartet, welche eine wichtige Grundlage für die Ausrichtung der mittel- und langfristigen Energie- und Klimapolitik bilden. Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden allerdings erst Ende 2027 vorliegen.
SATW: Wie müssen ausserordentliche Hitze- und Trockenheitsereignisse in den Energieperspektiven berücksichtigt werden? Sind zusätzliche Studien und Massnahmen nötig, um die Schweizer Energieversorgung auf zukünftige Hitzesommer vorzubereiten?
Christian Schaffner: Wichtig ist es jetzt, die bereits vorliegenden Erkenntnisse einzuordnen und entsprechende Risikoabwägungen zu machen, damit wir rasch entscheiden können, wo auch kurzfristig Massnahmen sinnvoll sind. Bezüglich Klimaanpassung in der Energieversorgung ist sicher noch einiges zu tun. Leider läuft uns etwas die Zeit davon.
Vieles liegt bereits auf dem Tisch und muss einfach umgesetzt werden. Offen ist, welche zusätzlichen Lösungen es braucht, damit das System wiederkehrende Hitze- und Trockenperioden verkraftet. Diese Frage sollten wir jetzt beantworten – nicht erst, wenn der nächste solche Sommer da ist.
Christian Schaffner ist seit 2013 Direktor des Energy Science Center (ESC) der ETH Zürich. Das interdisziplinäre Kompetenzzentrum fördert Energieforschung und -ausbildung an der ETH und vernetzt dafür über fünfzig Professuren aus neun Departementen mit Industrie, Verwaltung und Gesellschaft. Zuvor leitete er beim Bundesamt für Energie die Sektion Netze und verantwortete dort die Strategie Stromnetze sowie die Smart-Grid-Roadmap; zudem war er an den bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU über ein Stromabkommen beteiligt. Christian Schaffner ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der SATW.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Christian Holzner |
| Expertise | Christian Schaffner |