Was, wenn Altern eine Frage persönlicher Entscheidungen wird?

Ab 40 beginnt der Körper sich messbar zu verändern – Zellen hören auf sich zu teilen, der Blutzucker schwankt stärker, Muskeln bauen ab. Lange galt das als unvermeidlich. Am Jahreskongress SATW 2026 in Lugano wurde klar: Die Forschung ist heute so weit, dass aus «unvermeidlich» zunehmend «gestaltbar» wird.

Stellen Sie sich vor, Ihr biologisches Alter wäre vier Jahre höher als das, was in Ihrem Pass steht – allein wegen Ihres Gewichts. Oder umgekehrt: dass eine Ernährungsumstellung ab der Lebensmitte Ihnen statistisch zehn zusätzliche gesunde Jahre schenken könnte. Zahlen wie diese prägten den Jahreskongress der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW auf dem Campus USI-SUPSI in Lugano. Unter dem Motto «Vital Living» diskutierten Forschende, Mediziner:innen und Technologie-Gründer:innen einen Paradigmenwechsel: weg von der Frage «Wie werden wir älter?», hin zu «Wie bleiben wir vital?»

Warum Zellen aufhören sich zu teilen – und was das für uns bedeutet

Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir altern? Eine Antwort darauf gab Prof. Andrea Alimonti, Direktor des Institute of Oncology Research (IOR) an der USI und Professor an der ETH Zürich. Im Zentrum seiner Keynote stand ein Phänomen, das die Alterungsforschung derzeit umtreibt: die sogenannte zelluläre Seneszenz – ein Zustand, in dem Zellen aufhören sich zu teilen, aber nicht absterben, sondern im Gewebe verbleiben.

In jungen Jahren ist das ein Schutzmechanismus: Der Körper legt beschädigte Zellen still, bevor sie zur Gefahr werden – etwa als Krebszellen. Mit zunehmendem Alter sammeln sich diese stillgelegten Zellen jedoch an. Sie senden entzündungsfördernde Signale aus, schwächen das Immunsystem und begünstigen Krankheiten wie Arthrose, Gefässverkalkung oder Demenz.

Die gute Nachricht: Es gibt Ansätze, diese Zellen gezielt zu beseitigen. Sogenannte Senolytika – eine neue Klasse von Wirkstoffen – tun genau das. In Tierversuchen verbesserten sich nach der Behandlung sowohl Muskelkraft als auch geistige Fähigkeiten. Besonders eindrücklich: Alimontis Team entdeckte in der Pflanze Salvia haenkei einen natürlichen Wirkstoff namens Haenkenium, der die Lebensspanne in Tiermodellen verlängern konnte. Als Schlüsselsubstanz identifizierten die Forschenden Luteolin, einen pflanzlichen Stoff, der den Alterungsprozess auf zellulärer Ebene bremst. Alimontis Botschaft: Es gehe nicht darum, das Altern aufzuhalten, sondern es gesünder zu gestalten – «growing old without aging».

Neun Jahre krank: Die Ernährung als unterschätzter Hebel

Wenn Seneszenz erklärt, was im Körper schiefläuft, stellt sich die Frage: Was können wir selbst tun, bevor es so weit kommt? Darauf hatte Prof. Eline van der Beek eine klare Antwort: essen – aber richtig. Die Leiterin des Nestlé Institute of Health Sciences in Lausanne und Professorin an der Universität Groningen eröffnete ihre Keynote mit einer ernüchternden Zahl: Zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung klafft heute eine Lücke von rund neun Jahren. Die Menschen leben zwar länger, verbringen aber mehr Jahre bei schlechterer Gesundheit.

Ernährung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Eine Studie zeigt, dass eine Umstellung auf nährstoffreiche Kost ab dem 40. Lebensjahr die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre steigern kann. Als besonders wirkungsvoll gelten bewährte Ernährungsmuster wie die Mittelmeerdiät.

Van der Beek präsentierte auch Ergebnisse aus einer 14-jährigen Langzeitstudie an Hunden: Tiere, deren Futter auf den Erhalt einer schlanken Körpermasse abgestimmt wurde, lebten 17 Prozent länger und waren biologisch jünger als ihre normal gefütterten Artgenossen. Beim Menschen zeigen sich ähnliche Zusammenhänge: Übergewicht lässt den Körper biologisch bis zu vier Jahre schneller altern, Gewichtsreduktion kann diesen Effekt teilweise umkehren.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Blutzucker. Die Forschung zeigt, dass eine nachlassende Blutzuckerregulation ein unterschätzter Treiber des Alterungsprozesses ist – auch bei Menschen ohne Diabetes. Nestlé-Forschende entwickelten Ernährungslösungen, die den Blutzucker über Nacht stabilisieren und dadurch auch die Schlafqualität und die Stimmung am nächsten Tag verbessern.

Schliesslich ging van der Beek auf die Rolle von NAD+ ein, einem Molekül, das für die Energieversorgung und Reparatur unserer Zellen zentral ist. Mit dem Alter sinkt der NAD+-Spiegel. Bestimmte Vorstufen – sogenannte NAD+-Vorläufer wie NR und NMN – können ihn wieder anheben, wie eine aktuelle Vergleichsstudie an gesunden Erwachsenen zeigte. Zudem stellte van der Beek Ergebnisse zur Muskelregeneration vor: Eine Kombination aus Nicotinamid und Vitamin B6 aktivierte Muskelstammzellen und steigerte die Muskelreparatur um 37 Prozent.

Podiumsdiskussion: Leistungsfähigkeit im Alter erhalten

Dieser Abschnitt wird ergänzt, sobald Inhalte zur Podiumsdiskussion «Performance in Healthy Ageing» vorliegen. Diskussionsteilnehmende: Prof. Laurie Corna (SUPSI), Dr. Michel Matter (AMGe / All is Brain), Dr. Silvia Misiti (IBSA Foundation), Dr. Alessandro Ruggiero (IBSA Corporate) und Prof. Eline van der Beek (Nestlé Research). Moderation: Prof. Benoît Dubuis, Präsident SATW.

Von der Forschung zum Produkt: Drei Pitches, drei Wetten auf die Zukunft

Grundlagenforschung und Ernährungswissenschaft liefern die Erkenntnis – aber wer bringt sie in den Alltag? In der Pitch-Session traten drei Unternehmen an, die genau das versuchen.

Neurovision: Das Gehirn gezielt trainieren

Romain Bordas, Gründer von Neurovision, stellte seinen neuro-visuellen Trainingsansatz vor. In seinem Labor in Genf kombiniert er die Messung von Augenbewegungen mit gezielten Übungen, die das Gehirn fordern und trainieren. Das Ziel: Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit und mentale Belastbarkeit stärken – bei Sportler:innen ebenso wie bei Kindern mit Lernschwierigkeiten und älteren Menschen. Bordas betonte, dass Gehirnleistung trainierbar sei und ein zentraler Baustein für Vitalität im Alter darstelle. In Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und dem European Centre of Concussion entwickelt sein Team laufend neue Trainingsmethoden.

IBSA-Ökosystem: Vom Molekül zur personalisierten Pflege

Dr. Salvatore Cincotti zeichnete einen unternehmerischen Bogen, der von der Pharmagruppe IBSA in Lugano über die Biotech-Firma Altergon in Italien bis zur Genfer Genomik-Plattform GeneGIS reicht. Die Leitidee: Altern ist das Zusammenspiel von Erbgut und Umwelteinflüssen über die Zeit – und industrielle Innovation muss beide Ebenen ansprechen.

Konkret zeigte Cincotti, wie Altergon mittels Fermentation Hyaluronsäure und Chondroitin herstellt – zwei körpereigene Substanzen, die Gelenke, Haut und Bindegewebe geschmeidig halten und mit dem Alter abnehmen. Die Plattform GenVio wiederum analysiert Erbgut-Daten für die Präzisionsmedizin, etwa in der Krebsdiagnostik. Und mit Laboratoires Sintyl in Genf schliesst sich der Kreis: Gentests analysieren individuelle Varianten im Erbgut, die beeinflussen, wie schnell die Haut altert – und ermöglichen darauf abgestimmte Pflegeprodukte. Cincottis Vision: eine integrierte Industrieplattform, die Erbgut, Umwelt und Pflege zusammendenkt.

Xsensio: Gesundheitsüberwachung direkt auf der Haut

Esmeralda Megally, CEO und Mitgründerin von Xsensio, präsentierte die «Lab-on-Skin»-Technologie: einen miniaturisierten Sensor-Chip, der über winzige Nadeln Körperflüssigkeit direkt unter der Haut anzapft und darin enthaltene Biomarker – also messbare Hinweise auf den Gesundheitszustand – kontinuierlich und in Echtzeit auswertet. Im Unterschied zu herkömmlichen Wearables, die Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung messen, liefert Xsensio biochemische Daten: etwa den Laktatwert (ein Hinweis auf Sauerstoffmangel im Gewebe), den pH-Wert oder Entzündungszeichen.

Das erste Produkt zielt auf die Intensivmedizin: die lückenlose Laktat-Überwachung zur Früherkennung von Kreislaufversagen. Heute erfordert das regelmässige Blutentnahmen – zeitaufwendig und personalintensiv. Megally verwies auf eine klinische Studie mit 140 Intensivpatient:innen an der Mayo Clinic, die das Potenzial der Technologie bestätigen soll. Langfristig sieht sie Anwendungen weit über die Klinik hinaus – in der Vorsorge und im alltäglichen Gesundheitsmonitoring.

Nicht ob wir altern – sondern wie

Was bleibt von einem Tag in Lugano? Vor allem eine Erkenntnis: Die Frage ist nicht mehr, ob wir den Alterungsprozess beeinflussen können, sondern wie schnell die Erkenntnisse bei den Menschen ankommen. Von der Grundlagenforschung über die Ernährungswissenschaft bis hin zu Biosensoren und Genomik – die Schweiz bringt vieles mit, was es dafür braucht. Was der Kongress aber auch zeigte: Keine Disziplin kann das allein lösen. Erst im Zusammenspiel von Zellbiologie, Neurowissenschaft, Pharma und Sensorik entsteht ein Gesundheitssystem, das nicht nur auf Krankheit reagiert, sondern Vitalität gezielt fördert. Oder wie es Alimonti formulierte: «growing old without aging».