Schon wieder belegt die Schweiz den ersten Platz eines internationalen Innovationsrankings, und zwar das der World Intellectual Property Organization (WIPO). Bereits zum fünfzehnten Mal in Folge führt die Schweiz dieses Ranking auf Platz 1 an. Sollen wir uns jetzt als stolze «Innovationsweltmeister:innen» selbstgefällig auf die Schultern klopfen – oder wäre es klug nachzuschauen, was bei diesen Innovationsrankings überhaupt gemessen wird?
Beim WIPO-Ranking werden 78 einzelne Indizes bestimmt und durch Mittelung der Gesamtindex berechnet. Die Mehrheit dieser Indizes betrifft sogenannte «Innovationsinputs» wie etwa die Staatsausgaben für Bildung oder der Anteil von wissensintensiven Arbeitsplätzen. Als «Innovationsoutputs» werden beispielsweise die Anzahl Patente oder die Ausgaben für Software gemessen. Ein gutes Beispiel für einen solchen Innovationsoutput ist die einheimische Spielfilmproduktion, gemessen in Spielfilmminuten pro Kopf der Bevölkerung. Was aber unberücksichtigt bleibt, ist die Feststellung, wie viele Zuschauer:innen sich diese Spielfilme überhaupt angesehen haben.
Genau da liegt die Hauptproblematik vieler Innovationsindizes: Sie berücksichtigen zwar den Innovationsoutput, jedoch nicht seinen Erfolg bei den Kund:innen und nur das entscheidet über den volkswirtschaftlichen Erfolg der Innovationsanstrengungen. Es ist schön, dass die Schweiz so gute Noten beim Innovationsfleiss bekommt, aber matchentscheidend ist die tatsächliche Innovationsleistung!
Seien wir deshalb ehrlich und lügen uns nicht selbstzufrieden in die Tasche. Als rohstoffarmes Land haben wir keine Wahl: Wir müssen im Innovationswettbewerb gegen unsere internationale Konkurrenz bestehen. Und deshalb sind wir darauf angewiesen, unsere tatsächliche Innovationskraft richtig zu messen, vergleichen und verbessern zu können. Denn im Hochsprung gewinnt nicht der, der am meisten Anlauf holt, sondern der, der am höchsten springt. Entsprechend müssen wir unsere Innovationskraft mit Indizes messen, welche unsere wirtschaftlichen Leistungen und nicht unseren Fleiss bewerten.
Entscheidend ist daher, ob Innovationen auch tatsächlich ihren Weg in den Markt finden, Wertschöpfung generieren und damit Arbeitsplätze sowie Wohlstand sichern. Die Schweiz investiert massiv in Wissen, doch zu viele Wertschöpfungsstufen finden ausserhalb unseres Landes statt.
Ein Blick auf die bestehenden politischen Diskussionen zeigt, dass verschiedene Ansätze geprüft werden, um diese Lücke zwischen Innovationsfleiss und Innovationswirkung zu verkleinern. Dazu gehört beispielsweise die Motion zur Stärkung von Forschung, Entwicklung und Produktion. Mit zusätzlichen Abzügen für Produktionskosten sowie gezielten Steuergutschriften für Forschung und Entwicklung könnte ein politischer Hebel geschaffen werden, der Innovationen nicht nur ermöglicht, sondern sie bewusst im Inland verankert.
Wenn wir uns nicht länger mit Indikatoren zufriedengeben wollen, die unser eigentliches Problem verdecken, müssen wir auch die Rahmenbedingungen ändern. Es braucht Anreize, jene Phase zu stärken, die in den Rankings kaum sichtbar, für die nationale Wettbewerbsfähigkeit aber entscheidend ist.
Kurz gesagt: Wer eine starke Innovationsnation will, darf nicht nur messen, was gut aussieht. Er muss fördern, was für den Standort wirkt. Die Kombination aus präziseren Innovationsindikatoren und klug gesetzten steuerpolitischen Anreizen eröffnet damit eine doppelte Chance: Erstens kann die Schweiz ihre Innovationskraft realistischer beurteilen, und zweitens schafft sie Voraussetzungen dafür, diese Kraft auch wirtschaftlich zur Entfaltung zu bringen.
Lesen Sie das Kleingedruckte! Stellen Sie sicher, dass wirklich die Innovationskennzahlen gemessen und verglichen werden, die für Sie – und unser Land – wichtig sind. Es ist ungleich schwieriger, die Innovationswirkung zu messen als den Innovationsaufwand. Achten Sie deshalb darauf, dass Sie Studien verwenden, welche sich mit dem Schwierigen befassen, auch wenn die dünne Datenlage nur eine unvollständige Analyse möglich macht. Sehen Sie hierfür beispielsweise die Studie «Innovationskraftanalyse der produzierenden Schweizer Industrie» (Stand 2024) der SATW. Schlussendlich gilt bei den Innovationsrankings und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen die alte Einsicht: Ehrlich währt am längsten.
Die SATW bietet Raum für verschiedene fachliche Perspektiven. Dieser Beitrag stellt eine persönliche Einordnung der Fachperson dar.