Technologien mit Breitenwirkung: Eine Nachanalyse des Technology Outlook 2025 der SATW zeigt, welche Technologien in der produzierenden Industrie künftig ihr Potenzial entfalten. Technologien der Digitalen Welt wie das Internet der Dinge sowie Querschnittstechnologien wie faseroptische Sensoren wirken in sämtlichen betrachteten Klassen.
Drei Faktoren entscheiden über den Innovationserfolg: Laut Adam Gontarz vom Verband Swissmem braucht es erstens einen überzeugenden Business Case, zweitens die Integrierbarkeit der Technologie in bestehende Prozesse – inklusive verfügbarer Fachkräfte – und drittens ein finanziell tragbares Risiko mit verlässlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Inkrementelle Innovationen dominieren: In der Produktions- und Fertigungstechnologie stehen schrittweise Verbesserungen im Vordergrund – etwa eine Werkzeugmaschine, die allein durch Software-Kompensation um einen zweistelligen Prozentsatz genauer wird. Als Erfahrungswert gilt: Ein starkes, innovatives KMU investiert 4 bis 8 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.
Wissens- und Technologietransfer als Schlüssel: Innovationen entstehen im Austausch zwischen Forschung und Praxis – in Technologietransferzentren, Innovationsparks und Start-up-Inkubatoren. Der Innovationsscheck von Innosuisse unterstützt KMU in der Frühphase mit 15’000 Schweizer Franken; fast drei Viertel der geprüften Ideen werden weiterverfolgt.
Das Dreieck funktioniert – aber nicht von selbst: Hochschulen forschen, Innosuisse fördert, die Industrie implementiert. Damit das Potenzial nicht ungenutzt bleibt, brauchen KMU verlässliche Rahmenbedingungen, starke Forschungspartner und den Mut, gezielt zu investieren.
Das Vorbild für Firmengründer Lukas Schertel war ein schneeweisser Käfer aus Südostasien. Der Physiker erkannte, dass das blütenreine Weiss, das dem Käfer als Tarnung dient, auf einer sehr spezifischen Mikrostruktur seiner Oberflächenmoleküle beruht, die er genauso gut aus Zellulose nachbauen könnte. Heute stellt Schertels Start-up Seprify aus diesem nachhaltigen Rohstoff ein komplett biobasiertes Weisspigment her. Es ersetzt das als gesundheitlich bedenklich eingestufte Titandioxid (TiO2), zum Beispiel in der Zahnpasta. In der Produkte-Pipeline von Seprify sind eine ganze Reihe weiterer Anwendungen kurz vor dem Markteintritt: im Kosmetikbereich, für Beschichtungen von Möbeln, für die Konfektionierung von Pillen und sogar in Elektronikanwendungen. Es ist ein Beispiel dafür, wie das Konzept der Bioinspiration Innovationen in unterschiedlichen Produktsegmenten ermöglicht.
Technologien sind kein Selbstzweck. Sie sind das Rückgrat von Innovationen, die den Unternehmen einen Technologievorsprung oder einen komparativen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Doch der Innovationsmotor stottert. Das zeigt die Innovationskraftanalyse 2024 der SATW: Demnach ist der Umsatzanteil mit neuen Produkten in der Schweizer Industrie rückläufig, vor allem bei KMU. Besorgnis machen auch die Ergebnisse der Innovationserhebung des KOF Instituts der ETH Zürich: Die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung der Privatwirtschaft sind zwar leicht angestiegen, doch der Anteil der Unternehmen mit F&E-Ausgaben hat seit dem Jahr 2000 abgenommen. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung konzentrieren sich also auf immer weniger Firmen.
Deshalb stellt sich die Frage, ob und wie zukunftsträchtige Technologien, die im Technology Outlook 2025 der SATW identifiziert wurden, die Innovation wieder ankurbeln können. Expert:innen der SATW haben in einer Nachanalyse abgeschätzt, in wie vielen Klassen der produzierenden Industrie die identifizierten Technologien künftig ihr Potenzial entfalten (siehe Grafik). So zeigte sich, dass Technologien aus dem Forschungsbereich Digitale Welt, etwa das Internet der Dinge, in allen Klassen wirksam werden. Auch Querschnittstechnologien wie faseroptische Sensoren (Forschungsbereich Fertigungsprozesse und Materialien) aus dem Bereich der Sensorik bewirken viel, da sie Messtechnik und Datentransport revolutionieren.
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Quelle: Eigene Darstellung. Zur Methodik vgl. hier.
Der Erfolg einer Technologie steht und fällt an den Werkbänken und in den Büros der innovierenden Unternehmen, die sich auf den nationalen und internationalen Märkten behaupten müssen. Sie sind es, die eine brillante Idee in ein neues Produkt, eine bessere Dienstleistung, in eine effizientere oder kostengünstigere Fertigung oder in nachhaltigere Prozesse umsetzen und so einen Wettbewerbsvorteil und damit ihre Produktivität steigern.
Gerade für KMU ist der Innovationsprozess jedoch eine grosse Herausforderung, sagen Adam Gontarz und Marvin Schuster vom Verband Swissmem im Gespräch. Gontarz leitet den Bereich Digitalisierung, Innovation und Technologie. Marvin Schuster berät im Ressort Innovation Start-ups und KMU in ihrem Innovationsprozess. Swissmem vertritt rund 1500 Unternehmen der Schweizer Maschinenindustrie. Der grösste Teil davon sind KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden. Diese sind typischerweise stark vom Exportmarkt abhängig, haben eher tiefe Margen und ein beträchtliches Investitionsvolumen in Anlagen und Infrastruktur gebunden. Ihr finanzieller Spielraum für grosse Risiken ist beschränkt, wenige falsche Entscheidungen können schon ans Eingemachte gehen.
Eine erfolgreiche Innovation im Unternehmen hängt laut Adam Gontarz von drei Faktoren ab:
Erstens muss das Unternehmen aus einer neuen Technologie einen überzeugenden Business Case entwickeln können. Welches Problem soll die neue Technologie lösen? Was sind die Bedürfnisse der Kundschaft und wie ist die Zahlungsbereitschaft der Kund:innen? Welcher Wettbewerbsvorteil resultiert im Markt? Wann rechnen sich die Investitionen? Diese Fragen müssten von Beginn weg mitgedacht werden.
Zweitens muss die Technologie in bestehende Prozesse integrierbar sein, in den Maschinenpark, in die Lieferketten, aber auch in die Vermarktungskanäle. Doch auch der menschliche Faktor ist wichtig. Fachkräfte sind gerade in wenig etablierten Technologien oft Mangelware und müssen erst rekrutiert werden. Entscheidend ist deshalb die Möglichkeit, Fachkräfte und Talente zu rekrutieren.
Drittens muss das Risiko für das Unternehmen finanziell tragbar sein. Neue Technologien sind teuer, weil ihre Entwicklung und Integration in den eigenen Maschinenpark oder allgemein in die Prozesse hohe Investitionen erfordern. Aber auch die Skalierung neuer Produkte und die Erschliessung neuer Märkte sind mit hohen Kosten verbunden. Entscheidend sind deshalb Investitionssicherheit, aber auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie Energiepreise, Steuer- und Investitionsbedingungen und Währungsstabilität.
Der sinkende Umsatzanteil mit neuen Produkten ist ein Zeichen für eine schwächelnde Innovationsleistung eines Wirtschaftsraums. Denn nur neue Produkte verschaffen den Unternehmen einen Technologievorsprung und erschliessen neue Märkte. Das heisst jedoch nicht, dass die Unternehmen der produzierenden Industrie nicht innovieren. «In der Produktions- und Fertigungstechnologie sind vorrangig inkrementelle Innovationen von Bedeutung», sagt Adam Gontarz. Inkrementelle Innovationen sind schrittweise Verbesserungen oder Produktivitätssteigerungen dank neuer Technologien – zum Beispiel ein Produkt, das besser an die Wünsche der Kundschaft angepasst ist; die Optimierung eines Prozesses; energie- oder kostensparende Fertigungslinien oder auch die Anpassung an eine neue Regulierung. Sie basieren oft auf Fortschritten im Forschungsbereich der Digitalen Welt, zum Beispiel dank der zunehmenden Konvergenz von Software und Hardware. Marvin Schuster nennt ein Beispiel: «Eine Werkzeugmaschine kann allein durch Software-Kompensation um einen zweistelligen Prozentsatz genauer werden.»
«Jeder Franken, der bei der Innovation eingespart wird, hat einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit», sagt Adam Gontarz. Wie viel ein KMU in neue Produkte und Innovationen investiert, hängt von vielen Faktoren ab: dem Marktumfeld, den finanziellen Möglichkeiten, der Konkurrenzsituation und nicht zuletzt der Technologie selbst, auf die man setzt. Eine Zauberformel dafür gibt es nicht, einen Erfahrungswert dagegen schon: «Ein starkes und innovatives KMU investiert einen Umsatzanteil von 4–8 Prozent in Forschung und Entwicklung», sagt Adam Gontarz.
Entscheidend im Innovationsprozess sind nicht nur die Technologien, sondern vor allem der Wissenstransfer von den Hochschulen, Ingenieurdienstleistern und Technologietransferzentren zu den Unternehmen. Innovationen entstehen selten im stillen Kämmerlein einer Entwicklungsabteilung. Erst der lebendige Austausch zwischen Forschenden und Praktiker:innen führt zu erfolgreichen Innovationen. «Heute sind Partnerschaften das A und O für die Innovationstätigkeit der Unternehmen», sagt Adam Gontarz. Optimal dafür sind Technologietransferzentren, Innovationsparks oder Start-up-Inkubatoren, die alle eine Art Innovationsökosystem schaffen, wo Forschende und Unternehmende Schritt für Schritt den Weg von der neusten Erkenntnis bis zum marktfähigen Produkt gehen.
Auch Innosuisse unterstützt gezielt gemeinsame Innovationsprojekte von Unternehmen und Forschungspartner:innen. Spezifisch auf KMU zugeschnitten ist der Innovationsscheck, der die Unternehmen in der heiklen Frühphase einer Innovation unterstützt und eine erste Ideen- oder Machbarkeitsstudie mit 15‘000 Schweizer Franken fördert. Gemäss einer Auswertung von Innosuisse werden fast drei Viertel der beim Innovationsscheck geprüften Ideen weiterverfolgt, rund 30 Prozent der Unternehmen konnten das Projekt in ein ordentliches Innovationsprojekt überführen.
Laut Adam Gontarz funktioniert in der Schweiz das Dreieck Hochschule-Innosuisse-Industrie sehr gut: «Die Hochschulen forschen, Innosuisse fördert, die Industrie implementiert.» Doch der Innovationsmotor läuft nicht von selbst. Gerade KMU brauchen dafür auch verlässliche Rahmenbedingungen, starke Forschungspartner und den Mut, gezielt zu investieren. Sonst bleibt technologisches Potenzial ungenutzt – und die Schweiz verliert ihren Vorsprung.
| Rolle | Titel + Name |
|---|---|
| Text von | Matthias Meili |
| Expertise | Adam Gontarz, Marvin Schuster |