Der Zusammenhang zwischen Hören und Demenz ist biologischer als lange angenommen. Der Schläfenlappen, der für die Verarbeitung von Gehörtem zuständig ist, ist stark durchblutet. Lässt die Hörleistung nach, sinkt auch die Durchblutung in dieser Region. Das begünstigt die Ansammlung schädlicher Proteine, wie sie für Alzheimer typisch sind. Umgekehrt kann eine gezielte Stimulation des Gehörs die Durchblutung fördern und den Abtransport dieser Ablagerungen unterstützen. Dies erklärte die Neurobiologin Anne-Lise Giraud, Direktorin des Instituts reConnect am Institut Pasteur, im Vorfeld einer Fachveranstaltung, die am 22. April am Campus Santé des Hôpital de La Tour in Genf stattfindet und in Partnerschaft mit der SATW organisiert wird.
An ihrem Institut wird ein vielversprechender Ansatz verfolgt: die Stimulation mit sogenannten rauen Klängen. Diese sind unangenehm zu hören, aktivieren aber das gesamte Gehirn. In Tierversuchen zeigten sie bereits positive Effekte. Klinische Studien am Menschen stehen noch am Anfang, da die spezifischen akustischen Stimuli derzeit noch patentiert werden.
Giraud warnt ausdrücklich auch vor den Risiken für jüngere Menschen. Wer früh Hörschäden entwickelt, erhöht sein Demenzrisiko über die gesamte Lebensdauer. Jedes Ohr verfügt bei der Geburt über rund 15'000 Haarzellen, deren Verlust irreversibel ist. Besonders problematisch ist, dass in moderner Musik und bei Videocalls Klänge komprimiert werden. Dadurch werden die Ruhephasen für die Hörsynapsen eliminiert und der natürliche Schutzreflex des Ohrs beeinträchtigt. Die Forscherin plädiert für ein Qualitätslabel für Kopfhörer, die weniger komprimierte Klänge wiedergeben, sowie für Hörtests an Konzertausgängen, vergleichbar mit Defibrillatoren an öffentlichen Orten.
Ihre Botschaft lautet denn auch: Die Hörgesundheit von heute ist die kognitive Gesundheit von morgen.
Originalartikel (Abo): Tribune de Genève – «Entendre mal augmente le risque de maladie d'Alzheimer» – Interview mit Anne-Lise Giraud von Caroline Zuercher, 17. April 2026.
Diese News erscheint im Rahmen des Themenmonats «Gesundheit, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit», der im Vorfeld des Jahreskongresses SATW 2026 (21. Mai, Lugano) stattfindet.