Der stille Risikofaktor: Wie Hörverlust Demenz begünstigt

Hörverlust ist der grösste beeinflussbare Risikofaktor für Demenz und betrifft immer mehr Menschen. Die Neurobiologin Anne-Lise Giraud erklärt, warum Hörschutz auch Hirnschutz ist und welche Wirkung eine neuartige Klangtherapie haben könnte.

Frau in schwarzer Jacke sitzt an einem Tisch

Anne-Lise Giraud ©Laurent Guiraud/Tamedia

Das Wichtigste in Kürze:

  • Hörverlust kann das Alzheimer-Risiko um das Zweieinhalbfache steigern – und ist damit der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für kognitiven Abbau.
  • Der altersbedingte Hörverlust beginnt meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, rund ein Jahrzehnt bevor eine Demenz typischerweise ausbricht. Hörgeräte sollten daher deutlich früher zum Einsatz kommen.
  • Am Institut Pasteur wird eine Sonotherapie mit sogenannten «rauen Klängen» erforscht, die das gesamte Gehirn stimulieren und bei Mäusen bereits messbare positive Effekte zeigen.
  • Komprimierte Klänge in moderner Musik und bei Videocalls schaden dem Gehör besonders, weil sie dem Ohr keine Erholungspausen gönnen.
  • Laut WHO wird bis 2050 jede vierte Person von Hörproblemen betroffen sein.

Was im Gehirn passiert, wenn das Ohr nachlässt

Der Zusammenhang zwischen Hören und Demenz ist biologischer als lange angenommen. Der Schläfenlappen, der für die Verarbeitung von Gehörtem zuständig ist, ist stark durchblutet. Lässt die Hörleistung nach, sinkt auch die Durchblutung in dieser Region. Das begünstigt die Ansammlung schädlicher Proteine, wie sie für Alzheimer typisch sind. Umgekehrt kann eine gezielte Stimulation des Gehörs die Durchblutung fördern und den Abtransport dieser Ablagerungen unterstützen. Dies erklärte die Neurobiologin Anne-Lise Giraud, Direktorin des Instituts reConnect am Institut Pasteur, im Vorfeld einer Fachveranstaltung, die am 22. April am Campus Santé des Hôpital de La Tour in Genf stattfindet und in Partnerschaft mit der SATW organisiert wird.

Stimulation statt Stille: Therapie durch Klang

An ihrem Institut wird ein vielversprechender Ansatz verfolgt: die Stimulation mit sogenannten rauen Klängen. Diese sind unangenehm zu hören, aktivieren aber das gesamte Gehirn. In Tierversuchen zeigten sie bereits positive Effekte. Klinische Studien am Menschen stehen noch am Anfang, da die spezifischen akustischen Stimuli derzeit noch patentiert werden.

Warum auch junge Menschen auf ihr Gehör achten sollten

Giraud warnt ausdrücklich auch vor den Risiken für jüngere Menschen. Wer früh Hörschäden entwickelt, erhöht sein Demenzrisiko über die gesamte Lebensdauer. Jedes Ohr verfügt bei der Geburt über rund 15'000 Haarzellen, deren Verlust irreversibel ist. Besonders problematisch ist, dass in moderner Musik und bei Videocalls Klänge komprimiert werden. Dadurch werden die Ruhephasen für die Hörsynapsen eliminiert und der natürliche Schutzreflex des Ohrs beeinträchtigt. Die Forscherin plädiert für ein Qualitätslabel für Kopfhörer, die weniger komprimierte Klänge wiedergeben, sowie für Hörtests an Konzertausgängen, vergleichbar mit Defibrillatoren an öffentlichen Orten.

Ihre Botschaft lautet denn auch: Die Hörgesundheit von heute ist die kognitive Gesundheit von morgen.

Originalartikel (Abo): Tribune de Genève – «Entendre mal augmente le risque de maladie d'Alzheimer» – Interview mit Anne-Lise Giraud von Caroline Zuercher, 17. April 2026.

Themenmonat: Gesundheit, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit

Diese News erscheint im Rahmen des Themenmonats «Gesundheit, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit», der im Vorfeld des Jahreskongresses SATW 2026 (21. Mai, Lugano) stattfindet.