Hat die Schweiz noch die Voraussetzungen, um Innovationsnation zu bleiben?

Die Schweiz versteht sich gerne als Innovationsnation. Die internationalen Rankings geben ihr dafür gute Gründe. Sie verfügt über ein anerkanntes Bildungssystem, exzellente Hochschulen, leistungsfähige Unternehmen und eine starke industrielle Tradition.

Doch zwischen der heutigen Innovationskraft und der Fähigkeit, auch künftig innovativ zu bleiben, besteht ein entscheidender Unterschied.

Genau darauf macht das MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz 2026 aufmerksam. Zwölf Jahre nach der ersten Ausgabe hat das Interesse junger Menschen an den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) kaum zugenommen. Geschlechterstereotype prägen nach wie vor die Wahrnehmung von Kompetenzen, die Einschätzung der Fachgebiete und die Wahl des Bildungswegs. Informatik und Technik gelten für viele – insbesondere für Mädchen – weiterhin als wenig attraktiv. Zudem haften den MINT-Berufen noch immer das Image des Abstrakten, Akademischen und Alltagsfernen an.

In diesem Bereich hat sich kaum etwas verbessert – im Gegenteil. Das ist Ausdruck einer besorgniserregenden Stagnation.

Warum ist das problematisch? Schon in einer stabilen Welt wäre diese Entwicklung bedenklich. In einer Zeit jedoch, in der künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Robotik, digitale Gesundheit, Klimatechnologien und intelligente Infrastrukturen unsere Wirtschaft grundlegend verändern, wird sie zu einem strategischen Risiko. Denn Stillstand kennt diese technologische Entwicklung nicht.

Die eigentliche Frage ist deshalb einfach: Will die Schweiz ein Land bleiben, das neue Technologien entwickelt und Innovationen hervorbringt? Oder bereitet sie sich – ohne es auszusprechen – darauf vor, künftig vor allem Technologien zu übernehmen, die anderswo entwickelt werden?

Das Nachwuchsbarometer macht ein bemerkenswertes Paradox sichtbar: MINT-Kompetenzen werden als sehr wichtig für die Innovationsfähigkeit der Schweiz, für die Wirtschaft und für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen eingeschätzt. Für das eigene Leben und den persönlichen Alltag hingegen werden sie deutlich weniger relevant erachtet. Diese Diskrepanz ist aufschlussreich: Wir wissen, wie wichtig MINT für unser Land ist, schaffen es aber nicht, junge Menschen von der Bedeutung dieser Kompetenzen für ihren eigenen Lebensweg zu überzeugen.

Dabei liefert die Studie auch einen konkreten Ansatzpunkt. Das Interesse steigt, wenn MINT mit konkreten Anwendungsfeldern verbunden wird – etwa mit Medizin, Umwelt, neuen Technologien oder gesellschaftlichen Herausforderungen. Das Problem ist also nicht ein grundsätzlich fehlendes Interesse der Jugendlichen. Vielmehr präsentieren wir diese Bereiche noch immer zu oft als theoretische, abgeschlossene Welt, die nur wenigen vorbehalten scheint.

Dabei sind MINT weit mehr als Gleichungen, Labore oder Programmiercode. Dazu gehören ebenso Berufe, die von Praxisnähe, Präzision, Produktion, Integration, Wartung, Programmierung, Gesundheitswesen, Energie, Mobilität und Unternehmertum geprägt sind. Solange diese Vielfalt im öffentlichen Bewusstsein kaum sichtbar ist, werden wir weiterhin einen Teil des dringend benötigten Nachwuchses von diesen für die Zukunft und Souveränität unseres Landes zentralen Bereichen fernhalten.

Das gilt insbesondere für Mädchen und junge Frauen. Die Studie zeigt, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten – vor allem im technischen und praktischen Bereich – noch stärker unterschätzen als Jungen. Das ist nicht nur eine Frage der Chancengleichheit. Es ist ein strategischer Fehler für ein Land, das es sich nicht leisten kann, auf einen so bedeutenden Teil seines Potenzials zu verzichten – wie die zahlreichen erfolgreichen Frauen in diesen Berufsfeldern eindrücklich zeigen.

Deshalb braucht es einen Perspektivenwechsel. MINT darf nicht länger ausschliesslich als bildungspolitisches Thema verstanden werden. Es muss zu einer nationalen Aufgabe werden, die Schule, Berufsbildung, Familien, Unternehmen, Hochschulen und die öffentliche Debatte gleichermassen betrifft.

Wir müssen früher, konkreter und überzeugender zeigen, welche Möglichkeiten MINT eröffnet. Wir müssen Bildungs- und Berufswege sichtbarer machen. Wir müssen junge Menschen stärker mit der realen Welt von Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen und Innovation in Verbindung bringen. Und wir müssen aufhören, wissenschaftliche und technische Bildung als Randthema zu behandeln.

Denn sie bildet das Fundament unserer Fähigkeit, auch künftig ein Land zu bleiben, das seine Zukunft selbst gestaltet – weil es über die Voraussetzungen verfügt, Innovationen hervorzubringen und seinen wissenschaftlichen und technologischen Weg eigenständig zu bestimmen.

Die SATW will ihren Beitrag zu dieser gemeinsamen Aufgabe leisten. Nicht, um künstlich Alarm zu schlagen, sondern um an eine einfache Wahrheit zu erinnern: Die Innovationskraft der Schweiz ist kein historischer Selbstläufer. Sie ist eine gemeinsame Kompetenz. Und wie jede Kompetenz muss sie gepflegt, weiterentwickelt und an die nächste Generation weitergegeben werden – verbunden mit der Bereitschaft, sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Die Schweiz war eine grosse Innovationsnation. Sie ist es noch immer. Nun liegt es an uns allen, die Signale richtig zu deuten. Wenn die Schweiz ihre Rolle als weltweit führende Innovationsnation behaupten will, darf sie sich nicht länger mit einer stagnierenden MINT-Nachwuchsförderung zufriedengeben, während sich der technologische Wandel weltweit immer weiter beschleunigt.

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