Präzisionsmedizin

Medizin, individuell zugeschnitten und zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Mark Rubin und Timo Staub (Universität Bern)

Die Präzisionsmedizin ist ein neues Paradigma der medizinischen Behandlung. Sie geht von dem Umstand aus, dass jeder Mensch einzigartig ist. Im Unterschied zur klassischen Medizin bezieht sie individuelle Merkmale von Patientinnen und Patienten in die Behandlung mit ein. So hängen Therapien nicht nur von Krankheitsbildern, sondern auch von der genetischen Prädisposition, von Umweltfaktoren und Lebensstil ab. Dabei kommen modernste Werkzeuge zum Einsatz, wie die Analyse des individuellen Genoms.

So sieht es heute aus

In der Behandlung von Krebserkrankungen und in der Pharmakologie hat sich die Präzisionsmedizin schon teilweise etabliert. In präzisionsmedizinischen Behandlungen bestimmt mitunter die genetische Disposition die Auswahl und Dosierung von Medikamenten. Schon heute sind grosse Pharmaunternehmen im Bereich der Präzisionsmedizin stark engagiert; sie stellen präzisionsmedizinische Therapien her und offerieren auch entsprechende Diagnostik-Lösungen. Auch kleinere Unternehmen und Start-ups sind aktiv. Die Präzisionsmedizin beruht auf der Auswertung genomischer Daten. Dies führt zu grossen Herausforderungen beim Schutz von Personendaten, entsprechend aufwändig sind die Kontrollmechanismen. Die Gesundheitskosten müssen im Rahmen bleiben, trotzdem sollten alle Bevölkerungsschichten von der Präzisionsmedizin profitieren können. Eine Möglichkeit, die Kosten von präzisionsmedizinschen Behandlungen zu reduzieren, ist das Etablieren einer stratifizierten Medizin, bei der je nach individueller Situation unterschiedliche Standardlösungen zum Einsatz kommen.

Ein Blick in die Zukunft

Die Präzisionsmedizin ermöglicht Therapien, die bis vor wenigen Jahren undenkbar waren. Schon heute finden präzisionsmedizinische Ansätze Anwendung im Standardrepertoire medizinischer Therapien. In den nächsten Jahren wird die Präzisionsmedizin weiter an Bedeutung gewinnen.

Die mit der Präzisionsmedizin erzielten Therapieerfolge tragen zur Langlebigkeit bei. Es braucht gesellschaftliche Debatten, wie damit umgegangen wird, dass Menschen älter werden und länger gesund bleiben.

Die Präzisionsmedizin entwickelt sich an den Schnittstellen zwischen Medizin, Informatik, Data Sciences und Molekularbiologie. Technologische Treiber sind maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz, genomische Pipelines sowie Entwicklungen und Anwendungen im Bereich der Molekularbiologie. Die Präzisionsmedizin ist ein Wachstumsmarkt, in dem sich Grossfirmen und Start-ups gleichermassen engagieren. Der Bund fördert die Präzisionsmedizin mit Programmen wie dem Swiss Personalized Health Network (SPHN). Forschung und Therapien könnten davon profitieren, wenn das regulatorische Rahmenwerk national besser abgestimmt würde. So sehen die Gesetze (insbesondere das Humanforschungsgesetz HFG) kantonale Bewilligungsmechanismen vor, dazu kommen unterschiedliche Regelungen in den beteiligten Spitälern. Dies macht die Abläufe relativ komplex und bürokratisch, was den Datenaustausch über die Kantonsgrenzen hinweg unnötig erschwert.

Die individuelle Genomik, Proteomik oder Metabolomik haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheit von Menschen. Deshalb werden sie in Zukunft nicht nur in die medizinische Behandlung einfliessen, sondern auch für die Krankheitsvorbeugung und bei der Erhaltung der Gesundheit eine immer grössere Rolle spielen, etwa in Form von spezialisierten Medikamenten oder als Verhaltensregeln bei erhöhtem Krebs- oder Alzheimerrisiko. Um die Vorteile der Präzisionsmedizin vollumfassend nutzen zu können, bedarf es einer «digitalen Kopie des Patienten / der Patientin» mit allen gesundheitsrelevanten Informationen. Gesellschaftlich stellen sich Fragen zum Datenschutz und zur Datensicherheit.