07. Februar 2020

Konferenz Fighting Fake Facts: Fördern Algorithmen Desinformation?

Adrian Sulzer - Digitalisierung, Künstliche Intelligenz

Am 3. Februar fand in Basel die zweite Konferenz «F3–Fighting Fake Facts» statt. Dabei diskutierten Fachleute unterschiedlicher Disziplinen die zahlreichen Facetten der Problematik von Fake News und präsentierten Massnahmen, wie solche erfolgreich zu bekämpfen sind. Hier die Zusammenfassung des Nachmittags.

SRF-Journalist Tobias Bossard moderierte die Diskussion am Nachmittag und fragte zum Auftakt, ob die Verbreitung von Fake News weiter zunehmen werden. Dr. Dominique Wirz, Universität Freiburg, sowie Martina Bürge, Axpo, bejahten. Christoph Ratz, Universität Basel, stimmte vorsichtig zu und Beat Glogger, Gründer von higgs, warnte, dass böswillige Fake News auf dem Vormarsch seien. Das glaubte auch das Publikum, wie eine Instant-Abstimmung zeigte. Dominique Wirz, die über Populismus forscht, nannte die wichtigsten Faktoren für die Verbreitung von Fake News: Sie passen zur eigenen Weltanschauung oder berühren emotional. Tobias Bossard verwies auf eine Publikation der EMEK, die u.a. ein Qualitätslabel fordert. Christoph Ratz, der in seiner Dissertation Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen untersucht, sieht das grundsätzlich positiv, warnte aber vor möglichem Wildwuchs wie bei den Nachhaltigkeitslabels. Martina Bürge äusserte sich kritisch dazu und plädierte stattdessen dafür, die Medienkompetenz zu stärken.

Tobias Bossard fragte, ob sich der Journalismus durch neue Werbeformen wie Sponsored Content oder Native Advertising selbst unterminiere. Paid Content gebe es auch bei higgs, sei aber klar gekennzeichnet und müsse inhaltlichen Standards genügen, so Beat Glogger. Forschung zur Wirkungen gesponserter Posts im Social Web sei schwierig, so Dominique Wirz, da dazu kaum Zahlen einsehbar seien. Gefragt nach den Verantwortlichen im Kampf gegen Fake News nannten Dominique Wirz und Martina Bürge Medien, Schulen und die Wissenschaft. Christoph Ratz nannte zusätzlich den Staat, doch sei dessen Einfluss im globalen Web beschränkt, weshalb er auf eine Selbstregulierung der Medien hoffe. Auch Beat Glogger sieht die Medien stark in der Pflicht: «Sie müssen es sich leisten, gute Leute einzustellen.» Zudem müssten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermehrt trauen, Stellung zu beziehen.

Grosse nationale Unterschiede

Dr. Edda Humprecht, Universität Zürich, wies auf die Problematik des polarisierenden Begriffs «Fake News» hin: Darunter würden unterschiedliche Dinge verstanden, etwa Boulevardjournalismus, Propaganda, aber auch Werbung. In der Forschung spreche man daher von Desinformation. Für deren Diffusion und Konsum gebe es individuelle (z.B. Confirmation Bias), technologische (niedrige Nutzungsbarrieren im Social Web) und strategische Faktoren (Instrumentalisierung durch Lobbygruppen). Anhand des Vorfalls #Pizzagate schilderte sie eine Problemik in den USA: Trotz Debunking lebte die Geschichte weiter. In der Schweiz hingegen würden Fake News nach ihrer Entlarvung kaum noch verbreitet. «Wir gehen von länderspezifischen Ausprägungen der Resilienz gegenüber solchen Phänomenen aus.» Die dafür massgeblichen Rahmenbedingungen seien geprägt durch das politische (Polarisierung, Populismus), mediale (Medienvertrauen, Fragmentierung) und wirtschaftliche Umfeld (Grösse des Werbemarkts, Nutzung sozialer Medien).

Dass skandinavische Länder bzgl. Resilienz besonders gut abschneiden, führte sie auf die frühe staatliche Förderung der dortigen Medien zurück. Südeuropäische Länder seien polarisierter als nord- und mitteleuropäische und die USA sei ein Sonderfall. Deshalb könne man von einem Land nicht automatisch auf ein anderes schliessen. Es wurde aber deutlich, warum Populisten weltweit die staatlichen Medien i.d.R. heftig attackieren.

Tom Kummer verteidigt sich

Im Interview mit Tobias Bossard trat Autor Tom Kummer in der Rolle des «Bad Guys» auf, wie er sagte. Bekannt geworden war er durch gefälschte Interviews mit Hollywood-Stars. Er sprach über seine Motivation, «ein System zu unterwandern». Er war primär von den Hintergründen der «Traumfabrik» fasziniert, wurde von Auftraggebern aber gezwungen, belanglose Interviews zu schreiben. Im Rahmen eines Masseninterviews mit Pamela Andersson erlag er erstmals der Versuchung, etwas hinzuzudichten. «Aus heutiger Sicht könnte man das fast als Satire betrachten», meinte er. «Journalismus war für mich damals ein Experimentierfeld. Das kann man sich heute, wo die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, kaum noch vorstellen.» Er sieht sich in der Tradition des «New Journalism» à la Niklaus Meienberg, wo sich Fakten und Fiktion vermischen. «Damals wurden die Boulevardzeitungen ständig verklagt. Ich habe hingegen nie jemanden schlecht gemacht.»

Hat Tom Kummer dem Journalismus geschadet? Das Publikum war uneins. Immerhin knapp 40 Prozent stimmten nicht oder überhaupt nicht zu. Tobias Bossard gab zu bedenken, dass er ein System missbraucht habe, dass auf Vertrauen beruhe. «Ich war zynisch und wollte damals gar kein Journalist sein. Ich glaube aber, viele Leser wussten, dass mit diesen Interviews etwas nicht stimmt.» Tom Kummer gab zu bedenken, dass die Redaktionen eine Verantwortung gehabt hätte, das Material zu prüfen. Niemand habe je gefragt, wie er zu Interviews mit Personen kam, die grundsätzlich nie Interviews gaben. «Hätte mal jemand die Aufzeichnung eines Interviews verlangt, hätte mich das sofort gestoppt.»

Wer Fake-News auf den ersten Blick erkennen möchte, dem empfehlen wir die Installation der Browser-Erweiterung von NewsGuard. Dies zeigt mittels eindeutiger Symbole im Google Suchverlauf an, welchen Websites nicht zu trauen ist.

Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig sorgte für den gelungenen Abschluss der Konferenz. «Es fasziniert mich immer wieder, dass sich Unsinn besser verbreitet als gut recherchierte Geschichten.» Als Beispiel nannte sie die Meldung einer österreichischen Website, die alleine auf Facebook über 55'000 Interaktionen ausgelöst hatte. Die Geschichte hatte zwar einen wahren Kern, doch die Fakten wurden komplett verdreht. «Ein häufiger Mechanismus, wie Falschmeldungen funktionieren.» Emotionen wie Wut wirken mobilisierend, weshalb im politischen Kontext viel nach dem Motto funktioniere: «Wut säen – Aufmerksamkeit ernten.» Im Internet führe das Zusammenspiel von Technik (Algorithmen) und emotional bewegten Menschen zu verstärkten Effekten. «Software begünstigt Wut», so ihr Verdacht. Belegen lasse sich dies allerdings kaum, etwa weil unabhängige Forscher den Facebook-Algorithmus nicht auswerten können. Desinformation verbreite sich zudem besonders gut bei umstrittenen Themen wie etwa Migration, Islam, Klimawandel oder Panikthemen wie 5G oder aktuell dem Coronavirus. Um dagegen zu halten, empfahl sie die von Linguist George Lakoff geprägte Taktik «Truth Sandwich». Falsche Behauptungen sollen nicht wiederholt werden, Informationen als Grafik oder Bilder aufbereitet werden. Wer Desinformationen verbreitet, kommuniziere häufig sehr verständlich, seriöse Akteure hingegen hätten da grosse Defizite.

Lesen Sie hier Zusammenfassung des Vormittags.

Auskunft

Adrian Sulzer, Leiter Kommunikation und Marketing, Tel. +41 44 226 50 27, adrian.sulzer(at)satw.ch 

 

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