07. Februar 2020

Konferenz Fighting Fake Facts: Es geht um mehr als ein paar Klicks

Adrian Sulzer - Digitalisierung, Künstliche Intelligenz

Am 3. Februar fand in Basel die zweite Konferenz «F3–Fighting Fake Facts» statt. Dabei diskutierten Fachleute unterschiedlicher Disziplinen die zahlreichen Facetten der Problematik von Fake News und präsentierten Massnahmen, wie solche erfolgreich zu bekämpfen sind. Hier die Zusammenfassung des Vormittags.

Wie im Vorjahr war die SATW Partnerin der vom Open-Access-Verlag MDPI organisierten Konferenz zum Thema «Fake Facts». SATW-Vorstandsmitglied Prof. Peter Seitz begrüsste die Anwesenden. Er habe lange geglaubt, man könne dem Problem technisch beikommen. Doch diese Sicht greife zu kurz. Es gelte auch beim Empfänger anzusetzen: Die drei grössten Verführer seien das Bauchgefühl (bzw. System 1 gemäss Daniel Kahnemann), unsere Tendenz Berichten zu glauben, die Vorurteile bestätigen, sowie soziale Einflüsse, etwa der Druck zur Konformität mit der Mehrheit oder der Gehorsam gegenüber Autoritäten. Man müsse sich diesen Aspekten bewusst sein, wenn man mit Meldungen konfrontiert sei, die gefälscht sein könnten.

Wissenschaft ist bedroht

Prof. Torsten Schwede, Vizerektor Forschung der Universität Basel, warnte davor die Fake News zu bagatellisieren: Die ständige Wiederholung von Falschinformationen bewirke, dass sich subjektive Behauptungen immer weniger an objektiven Beobachtungen messen lassen müssten. «Das untergräbt das Fundament der Wissenschaft und damit den technischen und zivilisatorischen Fortschritt.» Als Wissenschafter habe man die Pflicht, Fakten zu prüfen und bei Falschinformationen zu intervenieren. Doch wer wolle sich schon mit Trollen und Leugnern des Klimawandels anlegen? Zudem: Auch in der Forschung werde bisweilen gefälscht, wie er anhand eines Betrugsfalls in seinem Fachgebiet aufzeigte. Deshalb plädierte er für vollkommene Transparenz – bis hinunter zu den Rohdaten. Datenschutz, Copyrights etc. dürften keine Hindernisse für Open Science sein: Forschungsdaten sollen offen und transparent publiziert werden. «Als Wissenschaftler haben wir die Mittel Fakes aufzudecken.»

Dr. Rafael Ball, Direktor der ETH-Bibliothek zeigte auf, wie die Wissenschaft immer mehr Arbeitskraft in die Erzeugung von Aufmerksamkeit investieren müsse. Die Digitalisierung verschärfe die Entwicklung und wissenschaftliche Arbeit würde vermehrt einer quantitativer statt qualitativer Bewertung unterzogen, weshalb zunehmend neue Kanäle wie Social Media bedient werden müssten. Seit einigen Jahren würden dazu Wahrnehmungskennzahlen erhoben wie der «Attention Score», die inzwischen auch von etablierten Institutionen und Datenbanken genutzt werden. Forschende könnten sich dem Aufmerksamkeitswettbewerb kaum entziehen, weil zunehmend Karrieren und Fördermittel davon abhängen. Zudem verlange der harte Wettbewerb in der Publishing-Industrie nach spektakulären Ergebnissen. All dies könne dazu verleiten, sich nur noch mit Trendthemen zu beschäftigen, fragwürdige Experimente durchzuführen, spektakuläre Ergebnisse anzustreben oder gar zu fabrizieren. Der Druck, sich aus der Masse von jährlich 3 Millionen Papers herauszuheben, führe zu immer neuen Ideen. Das sei per se nicht verwerflich, doch wenn «Aufmerksamkeit generieren» zum primären Ziel der Wissenschaft werde, dürften fragwürdige Praktiken unweigerlich zunehmen. «Wenn Wahrnehmung wichtiger wird als Wahrheit, dann werden für die widerspruchslose Grenzverschiebung von Wissen zur Meinung und umgekehrt alle Schranken fallen», so sein beunruhigendes Fazit.

Wer Fake-News auf den ersten Blick erkennen möchte, dem empfehlen wir die Installation der Browser-Erweiterung von NewsGuard. Dies zeigt mittels eindeutiger Symbole im Google Suchverlauf an, welchen Websites nicht zu trauen ist.

Wie im Vorjahr demonstrierte Igor Susmelj, CEO Mirage Technologies AG, die Qualität sogenannter «Deepfakes» (aktuelles Beispiel) und zeigte auf, wie «Face Swaps» mittels Künstlicher Intelligenz (KI) funktionieren. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich auch künstlich generierte Personen, die z.B. für Marketingzwecke oder in der Modebranche eingesetzt werden. Zudem gab es bei der künstlichen Texterzeugung 2019 grosse Fortschritte, sodass hier mit zahlreichen neuen Anwendungen zu rechnen ist. Ganz am Anfang stehen von KI erzeugte Videos. Die gezeigten Beispiele waren zwar noch sehr unausgegoren, doch das Potenzial sei gross.

Richtiges Debunking wirkt

Dr. Sabrina Heike Kessler, Universität Zürich, stellte mögliche sogenannte Debunking-Strategien vor. Fake News würden oft mentale Bilder erzeugen, die einfache Erklärungen für Sachverhalte liefern. Je länger diese bestehen, desto schwieriger seien sie zu revidieren. Wenn Rezipienten Informationen nur peripher statt systematisch verarbeiten, begünstige dies die Verbreitung von Fake News, da diese automatisch abgespeichert werden und vertrauter erscheinen. Zunächst müsse die Vertrautheit einer Falschinformation minimiert und die systematische Verarbeitung aktiviert werden, z.B. durch Apelle zur bewussten Auseinandersetzung damit. Weiter seien alternative und korrekte Erklärungen zu liefern, Gründe darzulegen, warum eine Fake News existiere und gestreut werde, und ganz allgemein die Skepsis zu fördern. Dabei gelte es mögliche Bumerang-Effekte zu bedenken: Versuche, falsche Information zu widerlegen, könnten auch deren Vertrautheit fördern. Sabrina H. Kessler gewährte Einblicke in ein aktuelles Forschungsprojekt zu Gesundheitsmythen, das die Erkenntnis diverser Meta-Analysen stütze: Gut gemachtes Debunking funktioniert. Ein kritischer Erfolgsfaktor seien gute und glaubwürdige Texte, wie sie qualitativer Wissenschaftsjournalismus liefere. Leider sei dieser stark unter Druck, obwohl es laut Wissenschaftsbarometer ein entsprechendes Publikumsinteresse gebe.

6000 Faktenchecker für Deutschland

Für einen krönenden Abschluss des Morgens sorgte David Schraven, der als Geschäftsführer von Correctiv.org an vorderster Front gegen Fake News kämpft. Der «Urknall» dafür war 2017 eine Meldung von Breitbart, an der so ziemlich alles falsch war und die gezielt Stereotypen bediente, um die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben. Durch häufige Wiederholung und schlechtes Debunking gelangen Fake News mit der Zeit in den «normalen» Nachrichtenzyklus, was mehr und mehr Personen verunsichere und mobilisiere. Was kann man dagegen tun? In Zeiten unzähliger Sender/Empfänger vertraue man eher persönlich bekannten Absendern. In diesen sozialen Netzen verbreiten sich Fake News – weshalb sie dort mit Aufklärung zu bekämpfen seien. Dafür müsse der Journalismus z.B. mit vermehrtem Einsatz von Fussnoten wissenschaftlicher und die Wissenschaft journalistischer werden, etwa durch eine einfachere Sprache.

Mittels Statistiken zeigte er auf, wie effektive Faktenchecks die Reichweite von Fake-News-Schleudern eindämmen können, sodass diese über die eigenen Filterblasen hinaus keine gesellschaftliche Relevanz erzeugen. Deshalb versucht Correctiv, 6000 Faktenchecker in Deutschland zu rekrutieren und zu schulen. Eine mögliche Strategie sei zudem, nicht Fake News selbst zu bekämpfen, sondern deren Urheber: «Man muss aufzeigen, wie diese funktionieren, wie sie finanziert werden und wer dahintersteckt.»

Lesen Sie hier die Zusammenfassung des Nachmittags.

Auskunft

Adrian Sulzer, Leiter Kommunikation und Marketing, Tel. +41 44 226 50 27, adrian.sulzer(at)satw.ch 

 

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