13. Februar 2020

«Full House» an der EPFL-SATW-Konferenz «Die Schule im digitalen Zeitalter»

Edith Schnapper - Digitalisierung, Technik-Bildung

Dieses Jahr haben EPFL und SATW gemeinsam eine zweisprachige, interaktive Konferenz zur Digitalisierung in der Schule organisiert. Sie fand am 8. Februar im Rolex Learning Center in Anwesenheit von 200 Fachleuten aus Bildung, Politik und Wirtschaft statt. Ein inspirierender Tag, der dem Erfahrungsaustausch gewidmet war.

Pierre Vandergheynst, Vizepräsident für Bildung an der EPFL, und Eric Fumeaux, Vizepräsident der SATW, erinnerten an die Herausforderungen dieser Konferenz: Die Digitalisierung ist ein grundlegender Hebel für die gesellschaftliche Entwicklung. Die Frage ist breit gefächert: Welche neuen Anforderungen gelten in von der Entwicklung der digitalen Wirtschaft geprägten Zeit für für Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen?

Erfahrungen aus den Kantone St. Gallen und Waadt

Die für Bildung zuständigen Regierungsräte zweier Kantone schilderten ihre Erfahrungen. Stefan Kölliker, Erziehungsdirektor von St. Gallen, wies darauf hin, dass die Digitalisierung eine Chance für die Bildung ist und nicht auf eine rein technische Entwicklung reduziert werden darf. Sie stellt einen echten Paradigmenwechsel dar und wirkt sich auf alle Bereiche der Gesellschaft aus. Jede Lehrerin und jeder Lehrer müsse daher darauf vorbereitet sein. Er stellte die Bildungsstrategie seines Kantons vor, die vom Kindergarten bis zur Hochschule reicht. Es geht nicht darum, dass jedes Kind ein Tablet bekommt, sondern darum, dass es sich die Fähigkeit aneignet, sich mit neuen Technologien zurechtzufinden. Rund 75 Millionen CHF wurden bereits in verschiedene Programme investiert. Stefan Kölliker betont die Notwendigkeit, langfristig zu arbeiten: Die Programme für die Sekundarschule beispielsweise sind auf acht Jahre ausgelegt. Es geht auch darum, Bildung mit den Erwartungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu verbinden. Zu diesem Zweck sei etwa die HSG derzeit daran, ein Ingenieursstudium aufzubauen.

Cesla Amarelle, Staatsrätin des Kantons Waadt, erinnerte daran, dass der Studienplan für die Westschweiz derzeit überarbeitet wird, um die digitale Ausbildung besser zu integrieren. Während des Pilotprojekts 2019 in 12 Schulen mit mehr als 8000 Schülerinnen und Schülern wurden 97 Prozent der dortigen Lehrpersonen für das Thema sensibilisiert und mehr als 2000 Aktivitäten organisiert. Das Programm sieht vor, dass die Lehrerinnen und Lehrer über alle notwendigen digitalen Fähigkeiten verfügen, während die Schülerinnen und Schüler an das computergestützte Denken herangeführt werden. Die Herausforderungen sind zahlreich: Verringerung der digitalen Kluft, Vorbereitung der Bürger von morgen auf die Teilnahme an einer von der Digitalisierung geprägten Welt, Förderung von Chancengleichheit und interdisziplinären Fähigkeiten. Die Investition von 30 Millionen Franken für den Zeitraum 2020-2022 wurde bereits vom Grossen Rat bewilligt. Zwei Drittel des Budgets sind für die berufsbegleitende Lehrerausbildung vorgesehen. Das letzte Drittel ist für die Modernisierung der IT-Ausrüstung und neue Lernprogramme vorgesehen.

Der finnische Ansatz: ein Modell, dem man folgen sollte?

Für Arja-Sisko Holappa, Leiterin des Impact-Programms der finnischen Bildungsbehörde, besteht der Schlüssel zu einem funktionierenden Bildungssystem darin, alle Fachleute in der Gestaltung des Lehrplans einzubeziehen und Fragen kollegial anzugehen. Seit 2016 liegt in Finnland der Schwerpunkt auf dem Erwerb fächerübergreifender Kompetenzen und der Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, verschiedene Arten von Inhalten zu verstehen, zu interpretieren und zu bewerten («Multiliterarität»). Die Digitalisierung ist Teil dieses Ansatzes, ohne dass sie als eigenständiger Zweig gelehrt wird. Die Bildung müsse sich nicht nur an eine sich verändernde Welt anpassen. Sie sei auch ein starker Motor für die Veränderung der Welt. Es wurden zwar erhebliche Investitionen in Infrastrukturprojekte getätigt, doch hätten diese oft nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht. Was am besten funktioniert habe, war der Einbezug der Lehrpersonen und der Austausch zwischen den Fachleuten.

Stichworte: Kreativität, Neugierde und Transdisziplinarität

Drei kurze Präsentationen schilderten die Problematik aus verschiedenen Perspektiven. Gregory Durand, Präsident der Société Pédagogique Vaudoise, erinnerte daran, dass die Rolle des Lehrers darin besteht, Schülerinnen und Schüler beim Lernen zu begleiten. Die digitale Technologie muss transversal gedacht werden und darf nicht im Mittelpunkt des pädagogischen Handelns stehen. Olivier Crouzet, pädagogischer Leiter der Ecole 42, stellte ein innovatives Bildungsmodell vor: eine ohne Altersbegrenzung uneingeschränkt zugängliche Computerschule, ohne Lehrer ohne Kurse, die Peer-Learning-Ansätze und projektbasiertes Lernen begünstigt. Sie soll helfen, den Mangel an jungen Menschen, die sich für digitale Berufe entscheiden, zu beheben. Dies sind wichtige Bedürfnisse, wie Roger Wehrli aufzeigte, der Stv. Leiter allgemeine Wirtschaftspolitik & Bildung bei economiesuisse. Der Arbeitsmarkt werde künftig natürlich erweiterte MINT-Fähigkeiten begünstigen, aber er werde die «Soft Skills» und Grundfähigkeiten nicht vergessen, ganz zu schweigen von der Fähigkeit zum lebenslangen Lernen. Diese sei von zentraler Bedeutung, um sich an einen sich ständig verändernden wirtschaftlichen Kontext anpassen zu können.

Frauen in Technik als Fokus der Diskussion

Moderiert von Francesco Mondada, Direktor des LEARN – Center for Learning Sciences und SATW-Mitglied, wandte sich die Diskussionsrunde schnell dem Thema der Förderung junger Frauen im Technologiesektor zu. Wie viele Frauen studieren an der Schule 42? Der Anteil liegt bei etwa 15 Prozent. Es sei aber ein klares Ziel, diesen zu erhöhen. Die Einsetzung von Sophie Viger als Direktorin der Schule vor eineinhalb Jahren helfe, das Problem zu lösen, da sie über ein wichtiges Netzwerk im technologischen Ökosystem verfügt. Nach Ansicht der Diskussionsteilnehmenden geht es darum, der kulturellen Voreingenommenheit entgegenzuwirken, indem man sowohl mit dem jungen Publikum kommuniziert als auch die Botschaft im beruflichen Umfeld vermittelt. Junge Mädchen seien sich oft nicht bewusst, welche Möglichkeiten ihnen die digitale Technologie ibei der Studienwahl biete, so Roger Wehrli.

Der Nachmittag war praktischen Workshops und Besuchen gewidmet. Die Teilnehmenden konnten den Swiss EdTech Collider und die Discovery Learning Labs der EPFL entdecken, zwei in der digitalen Bildung aktive Einrichtungen, die an den Werkzeugen der digitalen Bildung von morgen arbeiten. Die Workshops in Kleingruppen ermöglichten es den Teilnehmenden, sich über gute Best Practice auszutauschen, indem sie in konkrete Fälle eintauchten wie die Lern-App Learning Companion, den Coding Club für Mädchen des Promotion de l’éducation et des sciences der EPFL, die TecDays der SATW, des Projekts CRE/ATE der HEP Fribourg, das nationale Forschungsprogramm 75 «Big Data» und schliesslich #bepog, eine Initiative der Fondation Arc Jurassien Industrie. Der Tag war ein echter Erfolg und ermöglichte es den Teilnehmern, mit konkretem Feedback und neuen Inspirationen bezüglich der Schulbildung im digitalen Zeitalter zu gehen.

Für weitere Informationen:

Bei Fragen zum Symposium wenden Sie sich bitte an Alexandre Luyet, Verantwortlicher Suisse romand der SATW oder Sabrina Rami Shojaei, Leiterin des Dienstes für Bildungsförderung der EPFL.

Alle Bilder des Kolloquiums finden Sie hier.
Bilder: Copyright EPFL - Alain Herzog, 2020

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