05. September 2019

Technologie-Cluster brauchen Kultur der Zusammenarbeit

Daniel Gygax - Früherkennung

Der Begriff «Ökosystem» wird heute in Tageszeitungen wie der NZZ (Zürich kämpft mit dem Matthäus-Prinzip), Blogs oder Talkshows oft im Zusammenhang mit Wohlstand und Innovation gebraucht. Dabei wird der Begriff auch auf Technologie-Cluster angewendet. Doch stimmt diese Analogie? Und ergeben sich dadurch Anregungen, wie sich die Rahmenbedingungen für solche Technologie-Cluster optimieren lassen?

Co-Autoren: Kaspar Eigenmann, Christian Suter

Im Rahmen eines Projekts der SATW-Themenplattform «Biotechnologie und Bioinformation» wurden diese Fragen untersucht, als konkretes Beispiel diente der Technologie-Cluster «Biotechnologie und Gesundheit». An einem Workshop identifizierten und bewerteten Experten aus verschiedenen Disziplinen für das Ökosystem «Biotechnologie und Gesundheit» relevante positive und negative Einflussfaktoren. Die gleiche Aufgabe erfüllten Studierende des 4. Semesters der Studiengänge Molekular Life Science und Pharmatechnologie der Hochschule für Life Sciences FHNW im Rahmen des Moduls «Drug Discovery». Als dritte Meinung wurden Aussagen von Pharma-Spezialisten, geäussert im Magazin «The Medicine Maker», zusammengefasst, eingeordnet und bewertet.

Technologie-Cluster ist ein Ökosystem

Die Schlussfolgerungen aus den verschiedenen Meinungen zeigen, dass sich die identifizierten Einflussfaktoren den Attributen zuordnen lassen, die ein Ökosystem auszeichnen. Die Analogie zwischen Ökosystem und dem Technologie-Cluster «Biotechnologie und Gesundheit» ist gegeben.

Attribut eines Ökosystems     

Einflussfaktor auf Technologie-Cluster mit komparativem Konkurrenzvorteil

offen, bezüglich des Austauschs von Energie, Material und Information       

Wissen beziehungsweise Wettbewerbsfähigkeit (Einzigartigkeit)
Komparative Konkurrenzvorteile können erzielt werden, indem die Lernkurve als Wissenstreppe hinauf zur Wettbewerbsfähigkeit aktiv gestaltet wird.

komplex und daher ist seine Entwicklung schwierig vorherzusagen

Aktuelle Entwicklungen wie Atomisierung der Gesellschaft, Partikularinteressen, aufgezwungene politische Praktiken von Hegemonialmächten und supranationalen Organisationen. Ein institutionalisiertes, durch alle Sphären vernetztes Frühwarnsystem mit relevanten Diskursplattformen kann zu komparativen Konkurrenzvorteilen führen.

durch positive (verstärkende) und negative (dämpfende) Rückkopplungen reguliert           

Innovation und regulatorischer Rahmen
Durch eine kluge Gestaltung der positiven (Innovation) und negativen Rückkopplungen (Gesetze, Verordnungen) können komparative Konkurrenzvorteile erzeugt werden.

ist mehr als die Summe seiner Elemente und zeigt daher nicht ableitbare Eigenschaften

Wissen, Kompetenzen, Praktiken, Neugierde und Umgang mit Nichtwissen
Durch eine kluge Orchestrierung dieser Treiber können komparative Konkurrenzvorteile erzeugt werden.

hierarchisch von unten nach oben organisiert. Das System hat die Fähigkeit sich selber zu organisieren, neue Strukturen zu bilden, zu lernen oder zu diversifizieren

Freiraum fördert die Gestaltungskraft des orchestrierten und vernetzten Zusammenspiels von Systemteilen. Durch kluge Rückkopplung entstehen qualitativ gute Leistungen, die zu einem komparativen Konkurrenzvorteil führen.  

dynamisch, es wächst, entwickelt sich und kämpft um die vorhandenen Ressourcen

Jede Systemkomponente durchläuft einen Lebenszyklus und jede Phase des Lebenszyklus folgt eigenen Anforderungen, welche die Existenz des Ökosystems unterschiedlich sichern. Ein konstruktives Zusammenspiel der Einflussfaktoren der einzelnen Sphären kann zu komparativen Konkurrenzvorteilen führen.

ist belastbar und robust und kann Störungen dank Vielfalt, Adaptation, Widerstandsfähigkeit und Verbundenheit reagieren

Diversität, Differenzierung und Offenheit
Diese Qualitäten führen zu komparativen Konkurrenzvorteilen.

Ökosysteme erbringen Leistungen, solange ihre Attribute ineinandergreifen und aufeinander abgestimmt sind. Das Gleiche gilt für den Technologie-Cluster. Daraus ergeben sich Anregungen zur Optimierung der Rahmenbedingungen. Diese sollten sich an den Einflussfaktoren orientieren, die einen Bezug zu den Attributen eines Ökosystems haben. Durch die Analogie zum Ökosystem ergibt sich für die Wohlstandsicherung oder gar den Ausbau des Wohlstands, dass die wichtigsten Attribute des Technologie-Clusters zwingend aufeinander abgestimmt werden müssen.

Empfehlung: gemeinsame Kompromisse finden

Die Abstimmung der verschiedenen Attribute entsteht aus einem Austausch zwischen den Sphären und basiert auf gesicherten Fakten, Wissen und Urteilsvermögen. Partikularinteressen, die in einer offenen Gesellschaft legitim sind, müssen durch Kompromisse zu Lösungen zusammengeführt werden. Die Verantwortung für das Gelingen dieser Zielfindungen liegt in den Händen von wichtigen Exponenten der drei Sphären: den politischen Parteien (neuerdings auch Bürgerinitiativen), den Sozialpartnern sowie den akademischen Organisationen. Was wir brauchen, ist eine neue Kultur, die gemeinsam die für die Gesellschaft entscheidenden Probleme identifiziert und im Diskurs über zielführende Kompromisse löst.

Nachtrag: Was aktuell schiefläuft

In der Sphäre Recht und Gesellschaft waren sich die Befragten einig, dass sich Freihandel und Globalisierung grundsätzlich positiv auf den Lebensstandard der Bürgerinnen und Bürger auswirken. Bei den negativen Einflussfaktoren wurden die Befragten sehr konkret und nannten restriktive Gesetze, die Regulierungsdichte, Zölle und Protektionismus. Zudem sahen vor allem die Studierenden in der Polarisierung der Politik (national) und in politischen Konflikten, Krisen und Kriegen negative Einflussfaktoren. Aktuelle Entwicklungen wie der Handelsstreit zwischen den USA und China und das Verhängen von Strafzöllen zeigen, was die negativen Einflüsse sein können. So gehören die US-amerikanische Bau- und Autoindustrie, aber auch die Konsumentinnen und Konsumenten zu den Verlierern der Strafzölle auf Stahlimporte in die USA.

Weitere Informationen und Kontakt


Biotechnologie mit hoher Bedeutung für Schweiz

Die Ursprünge der Biotechnologie reichen fast 10'000 Jahre zurück, als Menschen in frühen Agrargesellschaften Samen von Pflanzen mit den besten Eigenschaften für die Pflanzung im kommenden Jahr sammelten. Später brauchten die Menschen Mikroorganismen zur Veredelung von Nahrungsmitteln und Getränken wie Bier, Wein und Brot. Auf diesen frühen Praktiken basiert auch die Definition der Biotechnologie, nämlich der Gebrauch von ganzen Zellen oder deren Teilen zur Herstellung von Produkten. Seither hat sich die Biotechnologie rasant entwickelt. Heute behandeln wir Krankheiten mit rekombinanten Proteinen und neuerdings auch mit genetisch veränderten menschlichen Zellen. Dies alles hat dazu beigetragen, den Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Der Technologie-Cluster «Biotechnologie und Gesundheit» ist ein für die Schweiz volkswirtschaftlich bedeutendes Cluster, denn Biotechnologie ist eine Querschnittstechnologie, die in wesentliche Wertschöpfungsketten wie die der Pharma-, Diagnostik-, Medizintechnik- und der Nahrungsmittelindustrie integriert ist.

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