09. Januar 2018

Welche Kompetenzen benötigt die zukünftige Generation?

Béatrice Miller - Technik-Bildung

Die Digitalisierung hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Sie verändert Verhaltensweisen und stellt neue Anforderungen in allen Lebensbereichen. Welche Kompetenzen benötigen junge Menschen, um den künftigen Anforderungen gewachsen zu sein? Antworten gab die 10. SATW-Tagung Nachwuchsförderung Technik.

Der digitale Wandel ist unaufhaltsam. Darüber waren sich die Teilnehmenden der SATW-Tagung aus Bildung, Berufsberatung, Unternehmen, Branchenverbänden sowie ausserschulischen MINT-Lernorten von Beginn weg einig. Wie verändert die digitale Transformation jedoch die Kompetenzen, welche in der Berufswelt in Zukunft benötigt werden? Und wie setzen sich Politik und Behörden für die digitale Transformation ein? Impulsreferate und eine Diskussion mit dem Publikum behandelten diese Fragen am 14. November 2017 in Brugg-Windisch.

"Unternehmen machen Kompetenz-Shopping und entwickeln Kompetenzen nicht selber“
Gemäss Frau Prof. Sybille Sachs von der Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ ist die Digitalisierung aktuell die grösste strategische Herausforderung für Unternehmen. Sie führt zu verschiedenen tiefgreifenden Effekten: 1. Die Unternehmens- und Branchengrenzen werden aufgelöst und die Hierarchien verflacht. 2. Es sind neue Denkmuster nötig. 3. Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird sich verändern.

Sybille Sachs wies an der Tagung darauf hin, dass es für Erwerbstätige immer schwieriger werde, in der Balance zu bleiben. Die Führung der eigenen Person und lebenslanges Lernen werden in Zukunft absolut notwendig sein. Neben Fach- und ICT-Kompetenzen benötigen die Erwerbstätigen Methodenkompetenzen, Selbst- und Sozialkompetenzen sowie Führungskompetenzen. Leider machen die Unternehmen häufig Kompetenz-Shopping, anstatt die Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden zu entwickeln. Es wird in Zukunft auch darum gehen, nicht nur die Gewinner der Digitalisierung zu fördern, sondern auch die Verlierer zu unterstützen.

Neue Denkmuster sind nötig. Darin sind sich Frau Prof. Sybille Sachs (links) und Frau Nationalrätin Rosmarie Quadranti (rechts) völlig einig.

„Die Politik hat die rosarote Brille auf“
Wie setzen sich Politik und Behörden für die digitale Transformation und die Bildung ein? Nationalrätin Rosmarie Quadranti attestiert der Schweiz ein differenziertes, durchlässiges Bildungssystem, eine starke Berufsbildung und ein leistungsfähiges Hochschulsystem. Sie schlug an der Tagung jedoch auch kritische Töne an: «Sind wir genügend schnell? Können wir uns jahrelange Prozesse noch leisten? Wie brechen wir alte Denkmuster auf? Wie bringen wir den Mut auf, eine Fehlerkultur aufzubauen?» Rosmarie Quadranti betrachtet es als grosse Herausforderung, die Politik von alten Denkmustern und von Hierarchiedenken abzubringen, ebenso wie die wichtigen Gremien der Schweizer Berufsbildung nicht nur einseitig durch Männer zu besetzen. In der Bildung habe die Politik zudem oft die rosarote Brille auf, meinte sie. Dies alles mache die Schweizer Bildung nicht agiler. Wichtige Anliegen von Rosmarie Quadranti sind lebenslanges Lernen und die Neugier der Menschen zu erhalten. Gerade die MINT-Förderung kann gemäss ihrer Einschätzung viel dazu beitragen, die Neugier zu stärken.

Welche Kompetenzen sollen in Zukunft gefördert werden? Dr. Seamus Delaney (links) und Dr. Stefan Kruse (rechts) führten dazu im Auftrag der SATW eine Studie durch.

Dr. Stefan Kruse und Dr. Seamus Delaney von der Pädagogischen Hochschule FHNW haben im Auftrag der SATW untersucht, welche Kompetenzen die technische Bildung in Zukunft fördern soll. Die ersten Ergebnisse wurden an der SATW-Tagung präsentiert. Die vollständige Studie wird 2018 erscheinen. Die beiden Forscher kamen zum Schluss, dass die obligatorische Schule die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen im Hinblick auf die digitale Transformation derzeit unzureichend vermittelt. So fehlt es beispielsweise an einem eigenständigen Fach Technik und an geschultem Lehrpersonal. Das Bewusstsein in der Bevölkerung, bei Lehrpersonen und Entscheidungsträgern sei zwar gestiegen, es mangele jedoch an der Umsetzung. Es seien auch kaum Best-Practice-Beispiele oder Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen vorhanden. An der Tagung hat Stefan Kruse Empfehlungen für die Bereiche Schule, Bildungspolitik und Pädagogische Hochschule abgegeben. Diese können in der Präsentation nachgelesen werden.

Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche. Entsprechend viele Akteure sind betroffen und entsprechend komplex ist die Thematik.

Im Anschluss diskutierten die Referierenden mit dem Publikum. Auch Dr. Johannes Mure vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI stellte sich der Diskussion. Er betonte insbesondere die Komplexität des Themas und die vielen Akteure, die hier betroffen sind. In allen Bereichen und auf allen Ebenen werde über die Digitalisierung nachgedacht, meinte er. Jetzt gehe es darum, dass jeder Akteur in seinem Verantwortungsbereich aktiv wird. Die Aufgabe des SBFI bestehe darin, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Bildung und Wirtschaft die benötigten Kompetenzen fördern können. Johannes Mure betonte auch, dass die Kantone für die Schulen zuständig seien, nicht der Bund. Der Bund fördere jedoch MINT-Aktivitäten im ausserschulischen Bereich.

«Die Lehrpersonen sind überlastet. Wie schaffen wir Platz für Neues? Was lassen wir weg?», wollte ein Teilnehmer wissen. Sybille Sachs meinte: «Wir haben an der HWZ begonnen, Wissensinhalte bewusst zu reduzieren bzw. umzustrukturieren. Es geht nicht darum die Lernenden mit Wissen abzufertigen, sondern den Umgang mit Wissen zu fördern. Frau Quadranti gab zu bedenken: «Möglicherweise ist Block-Unterricht ein Weg, denn so können überfachliche Kompetenzen besser gefördert werden.» Auch die Interdisziplinarität wurde von einem Teilnehmer angesprochen. Sybille Sachs findet die Interdisziplinarität ein schwieriges Thema, welche schon lange in Diskussion ist. Grundvoraussetzung für interdisziplinäres Denken sind gemäss ihrer Einschätzung flachere Hierarchien, Neugierde und Offenheit: «Es braucht bewusst gelebte Interdisziplinarität.»


Die Präsentationen der SATW Tagung Nachwuchsförderung Technik sowie praktische Unterrichtsbeispiele können heruntergeladen werden:

Präsentation Prof. Sybille Sachs: Wie verändert der digitale Wandel die Unternehmen und die Kompetenzen?

Präsentation Nationalrätin Quadranti: Wie setzt sich die Politik für digitale Transformation und Bildung ein?

Präsentation Dr. Stefan Kruse und Dr. Seamus Delaney: Digitale Transformation - Welche Kompetenzen benötigt die junge Generation?

Praktische Unterrichtsbeispiele Workshop 1: Vernetzte Welt

Praktische Unterrichtsbeispiele Workshop 2: Intelligente Vernetzung


Veranstaltungshinweis:

Pädagogische Hochschule Graubünden, Raum: Aula, am 13.02.2018 um 18:30 Uhr
«Digitale Transformation» - Politik, Wirtschaft und Bildung diskutieren über die digitale Transformation in der Schule

Auskunft: Dr. Béatrice Miller, Stv. Generalsekretärin SATW, Tel. 044 226 50 18, miller(at)satw.ch

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